Karl May, Arno Schmidt, Krimi

Die May-Leserin

Wie ich Karl May kennenlernte und wie sich meine Beziehung zu ihm und seinen Büchern im Lauf der Jahre änderte und entwickelte, habe ich in dem unten aufgeführten kleinen Aufsatz ›Leseerlebnis Karl May‹ beschrieben. Er entstand 1974, kurz nach meinem Eintritt in die Karl-May-Gesellschaft, und beantwortet die mir eigentlich unverständliche, aber dennoch oft gestellte Frage, warum ich mich – in Klammern gern auch noch mit dem Zusatz: ›als Frau‹ – für diesen Autor interessiere und wieso die Faszination bis zum heutigen Tag andauert. Heute würde ich der neunzehnjährigen Verfasserin Gabriele Wolff ins Ohr flüstern, daß sie vielleicht etwas zu dezent formuliert habe: denn natürlich war dem Kind Gabriele nicht nur der Horizont der Mädchenbücher zu eng geworden, sondern der des fremdbestinmten Lebens überhaupt, das man als Tochter und Schülerin, Objekt diverser Erziehungsbemühungen und als Großstadtkind jeglicher freier Gestaltungsmöglichkeit beraubt, führen muß. Außerdem würde ich ihr ins Wort fallen und behaupten, daß ich ›Winnetou I‹ als erstes Karl-May-Buch bereits mit zehn oder elf Jahren (und nicht mit zwölf) gelesen habe, denn heute – mit fortschreitendem Alter werden die Kindheitserinnerungen ja immer präziser (!) – weiß ich es ganz genau: daß ich im vierten Schuljahr war, als mein Vater mir den ersten Band schenkte und für jedes „Sehr gut“ in einer schriftlichen Arbeit einen weiteren Band versprach. Er suchte damals einen Vorwand, seine eigene Jugendlektüre wiederholen zu können, und ihm fiel gottlob nichts Besseres ein, als meiner Schwester den ersten Band des Orientzyklus’ ›Durch die Wüste‹ und mir den legendären ›Winnetou‹ zu schenken, in der Hoffnung, wir mögen May genauso verfallen wie er ihm einst verfallen war. Die Hoffnung trog nicht. Wir wurden süchtig...

Der Jugend-Aufsatz wäre fortzuschreiben; denn alsbald geriet ich an das Buch, das dort als vergriffen bezeichnet wurde (und es auch bis 1976 blieb): Hans Wollschlägers May-Biographie, 1965 in der Reihe der Rowohlt-Monographien erschienen. Für mich damals, 1975, eine faszinierende Lektüre, die mir Karl May näher brachte als je zuvor. Das Modell-Leben eines Autors im Konflikt mit der Welt. Diese wahnwitzigen Pendelausschläge zwischen Niederlagen und Triumph, geducktem Leben und Größenwahn, literarischer Wunscherfüllung und groteskem Ausleben in der Wirklichkeit, und dann die Tragik seines Alters, als er endlich die Märchenhaftigkeit seiner Existenz begriff und in die Spätwerk-Märchen überführte, die bleibend als Solitäre in der Literaturlandschaft stehen werden – da brach die Vergangenheit über ihn herein. May, der Kolportageschriftsteller mit seinen „abgrundtief unsittlichen“ Fortsetzungsromanen. May, der Aufschneider, der niemals in ferne Länder gereist war. May, der Straftäter, der siebeneinhalb Jahre im Gefängnis gesessen hatte. May, der Protestant, der „katholisiere“. Der Armen- und Fabrikschullehrer mit der dürftigen Seminarausbildung, der nicht nur im ›Kürschner‹ als Dr. phil. geführt wurde. May, der Spiritist. Pressekampagnen, Prozesse, die schwächer werdende Konstitution, der letzte Große Sieg, der Vortrag vom 22.3.1912 in Wien ›Empor ins Reich der Edelmenschen‹, eine Friedensrede, die zwar die zweitausend Anwesenden, unter ihnen Bertha von Suttner, hinriß, die aber ansonsten folgenlos verhallte.
Dieses wahrhaft abenteuerliche Leben und die Werke, die es hervorbrachte, weiter zu erforschen, habe ich mir damals vorgenommen.

Hier meine Gedanken nach Wiederlektüre der May-Biographie von Hans Wollschläger im Jahr 2004:

›Was bleibt?‹ Zur Neuausgabe von Hans Wollschlägers: „Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens“(...... hier weiterlesen)


 
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Die Schmidt-Leserin

Arno Schmidt lernt man als May-Leserin auf ganz natürliche Weise kennen: als Sekundärliterat zu Karl May. Und auch diese erste Begegnung im Jahr 1974 mit einem Modell-Autor, wie er im Buche steht, hatte Folgen...
Arno Schmidt und eine seiner Leserinnen oder: Warum ich keine Bewunderin bin (...... hier weiterlesen)

Die Wirkung von May auf Schmidt ist ein nicht einzugrenzendes Thema. Zunächst wollte ich meine Untersuchung auf SITARA beschränken, aber das wäre nur ein Ausschnitt gewesen, der nichts von der lebenslangen Faszination Schmidts an Mays Leben und Werk erklärte. Und so habe ich mich, zusammen mit Klaus Eggers, an das Große und Ganze herangewagt, das Wolfgang Koeppen in seiner Dankesrede zum Erhalt des Arno Schmidt Preises am 22.1.1984 so poetisch andeutete:

„Dann Sitara, Karl May, die Biographie einer Existenz gegen jede Norm und zugleich, nach Schmidt, eine Studie über Wesen, Werk und Wirkung von Literatur. Wer hätte das gedacht? Eine Zuneigung mit Abgründen. Irgendwo eine Wahlverwandtschaft. Nicht über Goethe. Erfüllung von Knabenträumen und die verbotene Kammer aus dem Märchen, die man nicht betreten darf. Der Wilde Westen in einer Villa in Sachsen, ein Besessener auf einem alten Ledersofa mit Milchkaffeeflecken, gegen Abend Whisky. Die Romantik der Prärie umhalst das Lied von den blauen Bergen, der nie gefundene geliebte Freund im Panorama des Völkermordes an den Indianern, die Heimat der Tiere zerstört, in die Schlachthäuser Chicagos getrieben, und auf Laufstegen der Haute Couture tragen die schönsten Diebinnen das weiche Fell von Wolf und Bär und Hund zu Markt. Karl May und Arno Schmidt erreichen ihr Arabia Deserta. Zwei glückliche Männer, hinter Butzenscheiben und Blumentöpfen die Wüste. Ein weites Feld.“
(Wolfgang Koeppen: Gedanken und Gedenken, in: Arno Schmidt Preis 1984, Arno Schmidt Stiftung Bargfeld, 1984, S.20)

„Irgendwo eine Wahlverwandtschaft“ – diese „irgendwo“ zu präzisieren, habe ich mir seit 2002 zur Aufgabe gemacht. 2004, vielfach unterbrochen, begann die Niederschrift. Ein schneckengleich kriechendes work in progress, dessen Ende nicht abzusehen ist, und das man eigentlich ›nebenbei‹, neben hauptberuflicher Tätigkeit und eigener literarischer Produktion, gar nicht leisten kann. Aber aufgegeben habe ich noch nie etwas, das ich mir einmal vorgesetzt habe. Um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, habe ich mir schon einmal ein Titelbild gebastelt....

Aktueller Stand: 270 Seiten (März 2006)

Präriegefühl
Bild © Gabriele Wolff





 
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Von der May-Leserin zur Krimi-Autorin


(mit einem Seitenblick zu Arno Schmidt)

Im Januar 2006 erhielt ich von dem Institut für Romanistik der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck die Einladung, bei dem internationalen ›Symposium zur spanischsprachigen Kriminalliteratur. Indizien, Spuren und ihre Narrationen‹ einen Vortrag zu halten. Anlaß des Symposiums war das Projekt Writer in Residence, in dessen Rahmen der kubanische Autor Lorenzo Lunar Cardedo im April und Mai 2006 in Innsbruck weilte. Sein Roman ›Ein Bolero für den Kommissar‹, im März 2006 bei meinem Verlag, dem Haymon Verlag in Innsbruck, erschienen, ist von Studierenden des Instituts für Romanistik der Innsbrucker Universität übersetzt worden.

Meine Kenntnis der spanischsprachigen Kriminalliteratur war und ist allerdings mehr als nur begrenzt; glücklicherweise erweiterte der Symposiumsleiter, Enrique Rodrigues-Moura, das Thema: ich sei als Schriftstellerin eingeladen und könne gerne über eigene Gedanken und Werke zum Thema des Spurenlesens referieren. Glücklicherweise? Ja, denn als Praktikerin benötige ich immer einen Anstoß, um theoretische Überlegungen anzustellen, die mir letztlich gar nicht mal so selten Einsichten über den eigenen Werdegang und den eigenen Standort vermitteln. Man denkt ja viel zu selten darüber nach, wie man schreibt und warum man das macht. Es findet allenfalls eine wenig durchdachte, eher instinktive Abgrenzung von Genres, Subgenres und Schreib-Eigenarten statt, die einen selbst als Leser unbefriedigt lassen. Und außerdem hatte mich bereits ein nicht näher identifiziertes Zitat von Ulrich Schulz-Buschhaus im Einladungstext für das Symposium elektrisiert:

„Drei Hauptpfeiler sind es, auf denen das Genre (der Kriminalroman) ruht: die Unverzichtbarkeit einer Handlung (eines „Abenteuers“), die rationale Analyse gesammelter Daten sowie das Spiel mit zwei Momenten, die zuvor in keiner Gattung derart zentralisiert wurden: die Spannung (suspense) und das Rätsel. Nachdem in der bürgerlichen Gesellschaft das staatliche Gewaltmonopol begründet worden war, verlor der fahrende Ritter bzw. der caballero andante, der als Einzelgänger die schützenden Mauern hinter sich ließ, um sich dem Unbekannten zu stellen, seine Legitimation: „con la Santa Hermandad no hay usar de caballerías“, wurde bereits Don Quijote von seinem Sancho prophezeit. Die neuen Abenteuerromane mussten entweder mit exotischen Schauplätzen aufwarten, deren Reiz sich jedoch rasch abnützte – wie bei Karl May, Salgari u.a. –, oder die Jagd und Festnahme krimineller Subjekte in vertrauter Umgebung inszenieren. Der Polizist oder Detektiv hatte die bürgerliche Ordnung wiederherzustellen und zwar mittels einer rationalen Auswertung von Indizien, die im Laufe des Romans zusammengetragen werden. Einige dieser Indizien verdichten sich zu Spuren und Beweisen, aus denen eine Narration konstruiert wird, die das Geheimnis lüftet und den Schuldigen entlarvt.“

Das klang ja fast so, als ob Karl May ausschließlich der Traditionsreihe romantischer Abenteuerromane zugeschlagen werde, der er lediglich eine – sich auch noch rasch, nämlich nach nur gut hundert Jahren! – abnützende exotische Kulisse hinzugefügt habe. Er, der Meister im Spurenlesen und Deduzieren, sollte etwa nichts von der Kunst der „rationalen Auswertung“ vermittelt haben, die auch heute noch eine Vielzahl von Kriminalromanen prägt? Mein Widerspruchsgeist war geweckt.

So entstand mein Vortrag:
‹Spurenlegen und Spurenlesen;› Literatur als Rätsel und Wissensprobe, den ich am 11.5.2006 in Innsbruck gehalten habe.

 
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Verleihung des Friedrich-Glauser-Preises


Die Dankesrede

Meine Dankesrede anläßlich der Verleihung des Friedrich-Glauser-Preises 2004 für den im Jahr 2003 bei Haymon/Innsbruck erschienenen Kriminalroman ›Das dritte Zimmer‹ markierten fünfzehn (oder waren’s nur zehn?) Minuten der Wahrheit, die wie immer nur teilweise Anklang fand. Kinder, wie die Zeit vergeht! Heute müßte man noch viel ironiefähiger sein als damals, um den status quo des Betriebes auf unterhaltsame Art und Weise beschreiben zu können. Auch das Syndikat, die Vereinigung der deutschsprachigen Krimiautoren, geht mit der Zeit und hat seinen Internet-Auftritt professionalisiert. Hinweg mit Dankesreden (dank innovativem Oscar-Modus wird der Gewinner von der Preisverleihung heute so überrascht & überwältigt, daß vorbereitete Reden entfallen), fort mit albernen Rückblicken, Essays zur Lage der Krimi-Literatur und öffentlich einsehbaren Autoren-Debatten: was zählt, ist allein die Allgegenwart der Unterhaltungsindustrie, wozu Meldungen über die Eheschließung unter Krimiautoren, Hinweise auf Events, Service-Rubriken für angehende Erfolgsautoren sowie Werbung für Bücher gehören. Der Hinweis, daß die CRIMINALE und das SYNDIKAT eingetragene Warenzeichen seien, darf nicht fehlen. Das alles versteht sich von selbst. (August 2010)

Dankesrede zur Verleihung des Glauserpreises 2004

 
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Meine Veröffentlichungen zu May


Unter Spiritisten. Eine May-Persiflage, Aufsatz in: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft, Nr. 24, S.26-28

Leseerlebnis Karl May, Aufsatz in: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft, Nr.25, S.35-37

Gedanken zum Leseerlebnis Karl May, Aufsatz in: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft, Nr.26, S.29-33

Annäherung an einen Autor, Aufsatz in: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft,Nr. 46, .37-38

Versuch über die Persönlichkeit Karl May, Essay, Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft, Nr. 45

George Catlin: Die Indianer Nordamerikas. Das Material zum Traum, Aufsatz in: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1985, S.348-363, Hansa-Verlag, Husum 1985

Aufsatz zum Vorwort Hans Wollschläger im achtundzwanzigsten Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1998, in: Nachrichten der Karl-May-Gesellschaft Nr. 119, März 1999, S.19-20

Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer. Monographie über Karl Mays ›FrauPollmer, eine psychologische Studie‹ (1907), in: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2001, S.11-307, Hansa-Verlag, Husum, Dezember 2001

Der kleine Cohn - Variationen zu einem Thema, Aufsatz in: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 133, September 2002, S.10-17

In den Schründen der Arktik. Wie Otto Emersleben Karl May entdeckte. (Rezension) in: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 139, März 2004, S.48-51

Arno Schmidt und eine seiner Leserinnen oder: Warum ich keine Bewunderin bin, in: Rudi Schweikert (Hrsg), »Da war ich hin und weg«. Arno Schmidt als prägendes Leseerlebnis. 100 Statements und Geschichten. Bangert und Metzler, Wiesenbach, Juni 2004, S.265-268

»Was bleibt?« Zur Neuausgabe von Hans Wollschlägers: „Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens“ (Rezension) in: Karl May & Co. Das Karl-May-Magazin, Nr. 97 3/04, August 2004, S. 21-23

„Eine wahre Bereicherung unserer Höchst=Literatur“, Essay, in: Karl May: Von Ehefrauen und Ehrenmännern. Biographische und polemische Schriften 1899-1910, hrsg. von Lothar und Bernhard Schmid. KMV Bd. 85, Karl-May-Verlag, Bamberg Radebeul, September 2004, S. 9-22

»Ich blieb ein Kind für alle Zeit«, in: angezettelt. Informationsblatt des Sächsischen Literaturrates e.V. 2/2007, Mai 2007, S.11

Die Reise der Entscheidung, in: Johannes Zeilinger (Hrsg): Karl May in Berlin. Eine Spurensuche. Verlag der Nation Ingwert Paulsen jun., Husum, September 2007, S.130-179 (aktualisierter Auszug aus: Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer (2001))

«wie wenn ich einem Magnetberg nahe sei –» Arno Schmidts erste Begegnungen mit Karl May, in: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2007, Husum, Oktober 2007, S.165-225

 
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