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Arno Schmidt

»Da war ich hin und weg«

Arno Schmidt und eine seiner Leserinnen


Oder: warum ich keine Bewunderin bin, von Gabriele Wolff
Ein kleiner Beitrag von einer Leserin Jahrgang 1955 (um das Gesamt-Bild ein wenig abzurunden: da es ja, öffentlichkeitswirksam, nur wenig Schmidt-Leserinnen zu geben scheint): Der Gefahr, mich an AS als Autorität abzuarbeiten oder ihn auch nur als solche wahrzunehmen, bin ich dadurch entgangen, daß ich ihn bzw. einen seiner Texte als Sekundärliteratur zu Karl May kennenlernte; in einem Alter (18/19), in dem er selbst, wie ich - was ich damals, 1974, der ersten Hochphase meiner Karl-May-Forschung, nicht ahnte -, seine erste May-Arbeit schrieb. Im Gegensatz zu ihm hatte ich das Glück, daß mein "May-Frühwerk" im Jahr 1975 dann veröffentlicht wurde: wie ermutigend solch ein erster kleiner Erfolg ist und wie niederschmetternd das Scheitern einer ersten Publikation von jemandem, der schreiben will & muß, seine Bestimmung aber noch nicht gefunden hat, empfunden wird, kann ich mir sehr gut vorstellen... Nicht zuletzt deshalb, weil mir zuvor juvenile literarische Produktionen von einem Verlag mit dem Verdikt „Kitsch!“ zurückgesandt worden waren. Lyrische Kurz-Prosa habe ich seitdem nie wieder verfaßt. 1974 war es nicht gerade leicht, etwas über Karl May herauszubekommen; nach meinem Eintritt in die Karl-May-Gesellschaft im Juni 1974 ging es dann bergauf. Die Hilfsbereitschaft dort war groß: so lieh man mir die Wollschläger-Bio, die bei Rowohlt vergriffen war und bei Diogenes erst 1976 herauskam; Mitglieder liehen mir auch den "Lebius", jene tendenziöse Zusammenstellung von Prozeßakten eines zeitgenössischen May-Gegners, die offiziell als Reprint erst 1991 herauskam. Über den Hinweis auf eine kritische Stellungnahme zu SITARA von Heinz Stolte und Gerhard Klußmeier geriet ich an SITARA von Arno Schmidt: ich las das Buch in einem Zug durch. Die Lektüre schockierte mich genauso wie sie mich faszinierte. Ich "wußte" instinktiv, daß ich aus diesem Buch zwar nichts über Karl May erfahren konnte - jedenfalls aber etwas über eine Möglichkeit, ihn zu lesen. Und ich wollte mehr über diesen Arno Schmidt wissen, der so viel Aufwand und Emotion an einen doch lediglich (oberflächlich betrachtet) niedergemachten miserablen Autoren verschwendet hatte. Dieser Widerspruch regte mich an und auf, und so las ich, 1974 und 1975, alle seine literarischen Texte, die man in der Fischer- Taschenbuch-Ausgabe kriegen konnte. Besonders beeindruckten mich damals der ›Faun‹ und die ›Gelehrtenrepublik‹: meistens amüsierte mich Schmidt, und dann und wann machte mir seine Einsamkeit eine Gänsehaut. Am schönsten fand ich die zarte Liebesgeschichte der ›Seelandschaft‹. Aber hinter das Geheimnis von SITARA und Schmidts Weg dorthin kam ich nicht. Dann vergingen viele Jahre, die mit dem literaturfernen Jurastudium, dem Leben an sich, dem Beruf, jeder Menge anderer Lektüren und dann mit dem eigenem Schreiben angefüllt waren. Karl May hatte ich darüber nie vergessen, viel über ihn gelesen (darunter auch Schmidts Funkdialog ABU KITAL) und auch einige kleinere Arbeiten über ihn verfaßt.
Im Mai 2001 ging es dann plötzlich wieder los mit Arno Schmidt, und natürlich wiederum im Zusammenhang mit Karl May, mit dessen Text über seine erste Frau Emma ›Frau Pollmer, eine psychologische Studie‹ von 1907, die 1982 vom Karl May Verlag publiziert worden war, ich mich ein gutes Jahr lang beschäftigt hatte. Wie es die Fügung will, traf ich mitten in den Korrekturarbeiten an dieser längeren May-Arbeit einen Krimi-Autor-Kollegen, Schmidt- wie May-interessiert, der auch Schauspieler ist. Er erzählte mir von einer szenischen Lesung von KAFF in seinem Berliner Theater und lud mich zu einer Vorstellung ein; also las ich KAFF, und zwar erstmals, nachdem ich verblüfft festgestellt hatte, daß mir dieses Buch damals entgangen war.
Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: in KAFF wird nicht nur die May'sche Ehe-Studie, die "Copie Nr. 2", thematisiert, nein, das Stück bezieht sich auf deren Inhalt. Und das machte SITARA noch viel unerklärlicher...
Ab da gab es kein Halten mehr. Intensiver (ausgenommen May natürlich) habe ich wohl keinen Autor als Schmidt gelesen seit dieser Zeit, jetzt, glaube ich, bin ich wohl auch in dem richtigen Alter für diese Texte; alle werde ich nicht schaffen, ganz besonders ›Zettel's Traum‹ nicht, der mir aber schon ganz eindrückliche Begegnungen und Einsichten bescherte. Den kompletten und chronologischen Spaziergang rund ums Schauerfeld spare ich mir für die geplante dritte Schmidt-Lesephase nach meiner Pensionierung auf.
Vielleicht, so eine kühne These, kann man AS und seine Texte eher mit Sinn erfüllen und verstehen, wenn man dieselbe Lektüre-Sozialisation wie er erfahren hat?! Nämlich die "einfältige" May-Begeisterung als Kind, die dann in Forschung übergeht, zum Genuß und Hochschätzung des May'schen Spätwerks führt und, dann doch sehr kausal, zu eigener Produktion? Ich lese Schmidt jedenfalls in einer sehr großen menschlichen Nähe, bei allen Unterschieden, die da zwischen Leserin und Autor bestehen. Er zwingt mich zu nichts, auch nicht zu einer destruierenden Auseinandersetzung oder Etikettierung ("Mitläufer", "Antisemit", „Linker“, wahlweise auch „Konservativer“ o.ä.). Er war ja unpolitisch, angeekelt von jeglichem System, das dem Künstler keine Freiheit oder keine materielle Lebensbasis ließ, darin May sehr ähnlich, wie in Vielem. Und je mehr ich über ihn nachdenke und über ihn und seine May-Beziehung herausfinde, desto mehr erschließen sich mir seine Texte, ›Windmühlen.‹ z.B. als Übersetzung der naturalistischen May'schen Ehe-Studie, mit der er sich seit August 1959 intensivst befaßte, in einen Urningsleben-Alptraum des Bademeisters, der mit Freudschen Traumsymbolen in Schmidt'scher Lesart möbliert ist...
Das mag eine spezielle Schmidt-Lektüre sein. Aber vielleicht eine, die ganz fruchtbar ist. Ich teile, vielleicht auch dies nicht ganz zufällig, seine in dem Aufsatz ›Meine Bibliothek‹ dargelegte Überzeugung: »Die meisten ‹Klassiker der Weltliteratur› werden erst verständlich und genießbar, wenn man sowohl ihre Bio als auch ihre Lektüre dahinterblendet.«, und hatte sie eigentlich schon immer (sonst hätte ich mich ja mit Mays Biographie nicht von Anfang an so intensiv beschäftigt). Weiß jeder Autor doch, ohne das Geheimnis von Kreativität jemals rational gänzlich durchdringen zu können, daß alles, was er als Fiktion zu Papier bringt, autobiographisch ist - etwas anderes kann er gar nicht (be)schreiben als seine eigene Welterfahrung; unabhängig davon, ob sie sich aus dem Leben oder der Literatur speist: wenn das eigene Erleben reduziert ist zugunsten von aus Lektüre gewonnener Erfahrung, werden Bücher, »ein sehr=vorhandener, wirksamer Teil der Realität« (BA II/3, 326), als Anregung eben wichtiger als gelebtes Leben.
Arno Schmidt sei kein Autor für Frauen? Doch, gerade, wenn man über genug Humor und Ironie verfügt, die man im Leben schließlich auch benötigt im Umgang mit seinen real existierenden Ich-Figuren, deren Posen eigentlich unschwer zu durchschauen sind. Das, was jene schützen und (ver)bergen, zu entdecken, ist doch auch im wahren Leben oftmals lohnens-, und das, was man findet, manchmal gar liebenswert...

veröffentlicht in: Rudi Schweikert (Hrsg), »Da war ich hin und weg«. Arno Schmidt als prägendes Leseerlebnis. 100 Statements und Geschichten. Bangert und Metzler, Wiesenbach, Juni 2004, S.265-268
Das Buch kann beim Verlag Bangert + Metzler bezogen werden.

 
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