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Dankesrede...

anläßlich der Glauser–Preisverleihung 2004, in Duisburg
von Gabriele Wolff


Am 1. Mai 2004 erhielt Gabriele Wolff für ihren Kriminalroman “Das dritte Zimmer”, erschienen 2003 im Haymon Verlag, den mit 5.000 Euro dotierten Friedrich-Glauser-Preis – Krimipreis der Autoren.

Aus der Begründung der Jury der Autorengruppe deutschsprachige Kriminaliteratur Das Syndikat: “Das dritte Zimmer” ist ein Krimi und ein Psychothriller zugleich und spielt doch mitten im ödesten Ministeriumsalltag, in einer absolut drögen Verwaltungswelt. Hauptfigur ist Lennart Voßwinkel, 55, geschieden, Ministerialrat in einem Finanzministerium, ein durchschnittlicher Beamter ohne Perspektiven, der in seiner Freizeit Ausflüge in die Welt der Literatur unternimmt und einem Geheimnis seiner Kindheit auf die Spur zu kommen versucht. Als die persönliche Referentin des neuen Staatssekretärs in sein Leben tritt wird alles anders. Lennart kommt einem Skandal im Ministerium auf die Spur, wird zum Akteur einer Intrige, deren eigentliche Dimension ihm auch dann noch verborgen bleibt, als er vor der Leiche seines Abteilungsleiters steht.
Gabriele Wolff hat sich eines Themas angenommen, das sie kennt, versteht, durchschaut: Macht. Sie liefert in ihrem neuen Roman ein subtiles Psychogramm über Macht und die verhängnisvollen Deformationen, die Macht auslöst. Dabei fängt für die Hauptfigur wie für den Leser alles ganz harmlos an – und entwickelt sich zu einem höchst spannenden und zugleich sehr realistischen Krimi, der hinter die Kulissen blicken lässt – die der Menschen und die der Politik. Neben tiefgründigem Humor schreibt Gabriele Wolff einen unaufgeregten, präzisen und literarischen Stil, der einfängt und nicht mehr losläßt – eine Lektüre, die die Juroren von Anfang bis Ende uneingeschränkt genossen haben.”

Aus der Laudatio von Bernhard Jaumann: “Macht – das ist das große Thema des Romans. Gabriele Wolff zeigt uns, was Menschen dazu treibt, mit anderen Menschen herumzujonglieren. Sie zeigt uns, daß das Streben nach Macht Spiel sein kann, aber auch Notwehr gegen die Schrecken der eigenen Vergangenheit. Sie zeigt uns, was Macht mit Liebe gemeinsam hat und wie überlegene zu Getriebenen werden. Sie setzt sich mit Hans Wollschlägers These auseinander, daß Macht das »Widerbild der Kreativität« sei, und reflektiert damit auch ganz nebenbei und unaufdringlich, was unsereins dazu antreibt, Krimis zu schreiben. Und sie scheut sich letztlich auch nicht, Sinn einzufordern statt dem Machtrausch zu verfallen.”

Gabriele Wolff bedankt sich in ihrer Rede bei der Jury und ihrem Verleger – dem “Deus ex Machina” – der dem “Dritten Zimmer” und seinem Protagonisten Lennart Voßwinkel nach der langen Odyssee der Verlagssuche eine Heimat geschenkt hat ...

“Kind, das wäre aber nicht nötig gewesen!”, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn es zu den üblichen Anlässen die üblichen Geschenke gab.
Ich hatte immer schon eine Ahnung, daß dieser Satz mit “Wahrheit” nicht viel zu tun hatte; zur Gewißheit verdichtete sich diese Ahnung, als ich die Vereinbarung, dieses Jahr nun endlich mit der Weihnachtsbescherung Schluß zu machen, einhielt. Ich war das einzige Familienmitglied, das sie wörtlich genommen hatte, was sich als unverzeihlicher Fehler erwies.
Würde ich diesen Satz hier und heute der Glauser–Jury zurufen: “Das wäre aber doch nicht nötig gewesen!” – tja, dann wäre er nicht nur Ausdruck einer falschen Bescheidenheit, die mit meiner Wahrheitsliebe heftig kollidierte. Er wäre auch grundfalsch, denn dieses Buch hatte diesen Preis sehr nötig. Allzu sehr sogar.

Das Buch zu schreiben, war eine große Freude, die meiner Lebenswirklichkeit damals entschlossen abgetrotzt worden war. An die Vermarktung dachte ich nicht, nicht mal an einen Verlag – ich wußte nur, daß ich mir einen neuen suchen wollte. Einen Verleger zu finden, das sollte nicht schwierig sein, schließlich war das hier mein siebter Roman, und mein bislang bester: So was glauben Autoren gerne, vor allen Dingen dann, wenn sie nicht gerade von Anfällen von Mutlosigkeit geplagt werden.

Es kam anders.

Ein paar O-Töne, die mir auf dem Weg vom Manuskript zum Buch zu Ohren kamen:

“Ihr Schreibstil hat mir durchaus gefallen ... aber ich habe bei Gesprächen mit Lektoren leider immer feststellen müssen, daß sie nicht angebissen haben, weil für die – auch spannende – Unterhaltungsliteratur andere Schauplätze und Umfelder gesucht werden.” (Ein Agent)

Nun, das Buch handelt von Macht und Moral in der Politik: keine Chance, diesem Thema nachträglich einen trendigeren Schauplatz wie Presse, Funk und Fernsehen unterzuschieben.

Nahm ich also die Sache selbst in die Hand.

“... gut und solide erzählte Romane, die einfach nur ein guter Krimi sein wollen: diese werden kaum besprochen, sie gehen unter, wenn es nicht gelingt, irgendeine Figur zu entwickeln, die sich gleichsam von unten zu einem Geheimtip entwickelt. ... Alles, was nicht überdurchschnittlich ist oder mit einer den Zeitgeist treffenden (wenn man aber immer wüßte, wo der weht??!!) Figur ... aufwartet, hat wenig Chancen."
(Ein mittelgroßer Verlag)

Lennart Voßwinkel, mein Held, zwinkerte mir amüsiert zu: Nein, zeitgeistig war er nicht und, schlimmer noch, wollte es auch nie sein. Also weiter im leider nicht überdurchschnittlichen Text:

“So sehr Sie sich als Autorin in der deutschen Verlagslandschaft einen Namen gemacht haben, so schwierig ist es nun für einen neuen Verlag, für eine solche Autorin in seinem Programm eine geeignete Position zu finden.”
(Ein großer Verlag)

Lennart verzieh seiner Schöpferin den kleinen Webfehler, kein Fräulein–Wunder mehr zu sein: Er war ja selbst nicht mehr der Jüngste und Unerfahrenste ...

“Sie können zweifellos schreiben ... aber das ist etwas für einen Publikumsverlag.”
(Ein kleiner Verlag)

Das fanden Lennart und ich auch. Wir fühlten uns seltsam getröstet. Und weil das Leben die Romane nur imitiert, erschien der Deus ex Machina in Gestalt von Dr. Michael Forcher vom Haymon Verlag, der das Buch herausbrachte, weil er nur Bücher herausbringt, die ihm gefallen, die er mag, die er schätzt.
Zu schön, um wahr zu sein? Nein, so ist es nun mal auch, das Leben.

Das Buch war endlich in der Welt angekommen. Wunderschön, solide, mit einem Titelbild, das das Geheimnisvolle des “Dritten Zimmers” vollendet bildlich umsetzt. Jeder Autor kennt dieses ganz besondere Glücksgefühl, das eigene, das neue Buch in Händen zu halten. Vielleicht schreiben wir nur, um diesen Moment erleben zu können ...

Der Weg vom Buch zum Leser war damit noch nicht geschafft: Nun schlug der Markt richtig zu. Dieses düstere Kapitel überblättere ich mit leichter Hand. Man sollte wirklich nicht zu intensiv darüber nachdenken, wie Bücher in Buchläden gelangen (oder auch nicht).

Stapelware in Buchläden wird nur von Großverlagen erzeugt oder von regional erfolgreichen Verlagen – also blieb nur der Weg über Rezensionen, um der Welt bekannt zu geben, daß hier ein neues Buch auf den geneigten Leser wartet.
Das Echo blieb aus. Die ungelesenen Rezensionsexemplare tauchten bei ebay und ähnlichen Institutionen auf. Das Feuilleton verstärkte zwar zeitgleich seine Jammerei über die fehlende Welthaftigkeit in deutschen literarischen Texten, besprach aber weiterhin nur genau jene, in denen antriebsarme Dreißigjährige rauchen, schweigen oder aneinander vorbeireden, jedenfalls nichts tun. Erzählen können sowieso nur die Engländer, und die Highsmith war ja in Wirklichkeit keine Kriminalautorin.

Für die Freunde von Action und Hardboiled-Krimis waren Lennart und sein Schicksal nicht aufregend genug, obwohl er nur knapp mit dem Leben davonkommt; ihm selbst reichte das, und mir, seiner besorgten Schöpferin, auch.

Die Schöpferin selbst ist leider keine Ex, was wenigstens ein paar Storys mit beiläufiger Bucherwähnung ergeben hätte: Ex-Frau von, Ex-Politikerin, Ex-Filmsternchen, Ex-Staatsanwältin aus Florida. Ihrer Biographie mangelt es schlicht an Exotika, zumal ihre diversen Studentenjobs der Mantel des Schweigens bedeckt. Auch ist sie keine Journalistin oder, noch besser, gleich in der Welt von Funk und Fernsehen zu Hause, was verkaufsträchtige Kollegen-Besprechungen nach sich zieht. Einen Skandal entfesselte das Werk leider auch nicht – vielleicht hätte ich nicht schreiben sollen, daß es sich bei ihm um keinen Schlüsselroman handelt?!

Der Blick auf das Amazon-Rating, das sich von 850.000 auf 285.000 verbesserte, wurde seltener. Ich bin nun mal keine Masochistin – aber die Abrechnung des Verlages ließ sich dann nicht mehr so einfach ignorieren. Ein Flop. Kassengift.
Und das, obwohl mich so viele positive Leser–Zuschriften erreichten wie nie ... Von Freunden und Autorenkollegen, deren Wertschätzung mir viel bedeutete ... Das große allgemeine Daumendrücken nach der ersten Preisnominierung (für den FrauenKrimiPreis der Stadt Wiesbaden) – vergebens.

Ich war kurz davor, in die Trotzhaltung des verkannten Genies zu verfallen, wenn mir Trotz denn stehen und ich mich für ein Genie halten würde. Bei der Vorstellung mußte ich dann doch grinsen.
Dann kam der Glauser.
Daß mein Preis–Dank groß, aufrichtig und tief empfunden ist, versteht sich nach alldem von selbst.

Ich danke sehr!

 
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