Zurück zur Bibliographie
Zurück zu Karl May

»Was bleibt?«

Zur Neuausgabe von Hans Wollschlägers: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens
von Gabriele Wolff


Was bleibt? fragte sich Eduard Engel, der in der May-Sekundärliteratur nicht unbekannte Literaturwissenschaftler, im Jahr 1928, als er die Werke der Weltliteratur auf ihre literarische Haltbar- und fortdauernde Wirksamkeit untersuchte. Klopstock, Wieland, Herder und Jean Paul (von Geringeren ganz zu schweigen) bescheinigte er eine sich rasant beschleunigende Talfahrt in den Orkus des Vergessens. Karl May als wirkmächtiger Jugendautor dagegen werde, trotz fehlender „ewiger Lebenswerte“, wahrscheinlich noch „eine Weile lebendig bleiben“; es könne aber „nicht ausbleiben, daß Schriftsteller mit stärkerem Können, tieferer Bildung, reicherer Gedankenwelt sich nicht für zu gut halten werden, für das Volk, für die Jugend künstlerisch spannungsvolle Unterhaltungswerke mit hohen Zielen zu schaffen. Dann, aber nicht eher, wird Karl May versinken;“1Eduard Engel: Was bleibt? Die Weltliteratur. Leipzig 1928, S. 646f.
Hier irrte Engel, der Buchliebhaber. May wurde, solange Kinder und Jugendliche noch lasen, nicht durch einen Besseren abgelöst. Uns heute Erwachsenen, denen er in unserer Jugend die ersten literarischen Fluchtwege eröffnete, ist er bis jetzt lebendig geblieben und manch einem zum Lebensthema geworden. Was für ein Mensch war er, fragen sich die, die ›es‹ gepackt hat, der dieses Wunder bewirken konnte: wer war dieser Karl May wirklich, jener Autor mit seiner exemplarischen Künstlerbiographie, in der sich Realität und Phantasie so ununterscheidbar überlagerten und ergänzten?
Im April 1965 erschien als Nr. 104 in der Reihe rororo bild monographien die erste Karl-May-Biographie: Karl May in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Dargestellt von Hans Wollschläger – die erste Buchveröffentlichung des damals dreißigjährigen Autors und freien Mitarbeiters des Karl-May-Verlages, dreiundfünfzig Jahre nach dem Tod Karl Mays, zu dem Forschungen, die diesen Namen verdienen, nicht einmal ansatzweise stattgefunden hatten. Klara Mays Legendenbildungen trübten weiterhin das Bild, das wir uns von ihm machen durften, und das Bedürfnis nach Daten und Fakten war ebenso groß wie das nach einer deutenden Neubewertung von Leben und Werk eines Autors, den man nicht länger mehr ausschließlich als populären Jugend- und Volksschriftsteller betrachten konnte. Nicht, seitdem Arno Schmidt im Alleingang gegen die Kommerzialisierung des ›Volksschriftstellers‹ und auch gegen die gesamte akademische Zunft, die May schlicht ignorierte, in seinem gleichnamigen Radio-Dialog von 1956 May zum „Vorletzten Großmystiker“ ausgerufen und sein Spätwerk der Hochliteratur zugeschlagen hatte. Seitdem war er nicht müde geworden, in zwei weiteren Radioessays und zahlreichen Zeitungsartikeln May – unter Verdammung seines populären Werkes: das war der Preis - als ernstzunehmenden Autor zu propagieren, und immer eindringlicher Namen, Daten und Fakten, unbearbeitete Originaltexte, eine Bibliographie, Briefbände, Figurenlexika und nicht zuletzt eine, wenn nicht gar mehrere, Biographien zu fordern. Selbst sein gehässig eiferndes Buch ›Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung KARL MAY’s‹ von 1963, in dem er mit May ‚Schluß’ zu machen scheint, enthält noch diese beiden Zeugnisse der Schmidt’schen Hin- und Zuneigung zu jenem ihn prägenden Autor. Und im Text selbst finden sich so einige provozierende Hinweise dahingehend, daß Schmidt leiderleider über keine biographischen Belege für seine These einer zumindest latenten Homosexualität Mays verfüge, „weil der, möglicherweise im Besitz hier zuständiger Dokumente befindliche KMV, bis zu dieser Stunde nichts, oder doch so gut wie nichts, wissenschaftlich brauchbares vorgelegt hat, und man mich ergo mit einer solchen Frage ungebührlich überforderte.“2Arno Schmidt: SITARA und der Weg dorthin. Bargfelder Ausgabe III/2, Zürich 1993, S. 173...
Mit derlei Nadelstichen bereitete Schmidt, objektiv ganz gewiß, und mittels ihm nicht fremder Shatterhand’scher List auch bewußt – was andernorts zu belegen sein wird – den Boden für eine seine eigenen (so sonderlich ernst nun auch nicht wieder gemeinten) Thesen widerlegende May-Biographie. Seit September 1957 stand er mit Wollschläger in einem umfangreichen Briefwechsel, in dem es jahrelang überwiegend um das unerschöpfliche Thema MAY ging; und schon am 29.12.1958 bedrängte er seinen Briefpartner: „Hier gibt es wahrlich nur die 1 Möglichkeit : ’rauben’ Sie, was Sie an Daten & Orten, Namen Textvarianten, Abschriften nur irgend erreichen können, für Ihre kommende Groß=Biografie ! Kopieren Sie, was die Schreibmaschine hält; von den allerwichtigsten Stücken Fotokopie : Sie müssen in dehydrierter Form, in 1 Köfferchen, das gesamte May=Archiv tragbar besitzen !“3 Guido Graf: über den Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger, Wiesenbach 1997, S. 187. Vor und hinter den Kulissen, direkt und indirekt, beförderte Schmidt Entstehung und Veröffentlichung der May-Biographie von Hans Wollschläger. Und war naturgemäß der Erste, der dem Buch, das er irgendwie auch als sein „Kind“ betrachtete, öffentlich applaudierte, nämlich in der WELT vom 15.05.1965: „Und so ist denn auch diese allererste May=Biografie wieder 1 der beträchtlichen Rowohlt’schen ‹Taten›; denn der Name ‹Hans Wollschläger› erscheint das erstemal vor einem eigenen Buch. Natürlich wird Jeder erkennen, daß es sich um einen ‹Pseudo=Erstling› handelt; das verrät einmal der bloße Stil, bei dem man grienend eine Art von Dauer=Duell verfolgen kann, zwischen der, die Reihe leider etwas oft belastenden ‹flüssigen Lesbarkeit›, und der ununterdrückbaren Fähigkeit des Verfassers zu eleganten Formulierungen; und dann auch seine, unverkennbar bereits trainierte Kunst der Materialkomprimierung. Und in Reinbek scheint man endlich auch eingesehen zu haben, daß es sich in diesem 1 Fall um das Digest aus einem vielfach größeren Fundus handele; und hat, höchst dankenswerterweise, einen kleinen Apparat von Anmerkungen durchgehen lassen, und vor allem die erste solide Bibliografie.“4 Arno Schmidt: Ein Toast für Nummer 104 !. Rowohlt’s Bild=Monos› starten die biografische Forschung um KARL MAY, in: Bargfelder Ausgabe III/4, Zürich 1995, S.
Natürlich nutzte er auch diese öffentliche Plattform, um wiederum für eine fällige „Groß=Biografie“, ein May-Lexikon und Originaltexte einzutreten. Diese Biographie Wollschlägers, „eine der ganz raren Grund=Schriften über das Fänomen MAY“5Arno Schmidt: Ein Toast für Nummer 104 !. Rowohlt’s Bild=Monos› starten die biografische Forschung um KARL MAY, in: Bargfelder Ausgabe III/4, Zürich 1995, S.407, sollte nur der Startschuß für eine umfassende May-Forschung sein.
Nun, all das, was er damals forderte, ist mittlerweile Wirklichkeit geworden (nur auf die Briefbände warten wir noch, und auch Klaras Tagebuch harrt der, vorzugsweise kommentierten, Veröffentlichung). Neununddreißig Jahre später ist dieses Buch über Mays Leben nicht mehr der Leuchtturm, der eine öde Wüste des Nichtwissens ausleuchtet.
„Lieber Freund Wollschläger“, schrieb Claus Roxin 1995, „Ihre May-Biographie von 1965 hat mir den Gedanken an die Möglichkeit einer ernst zu nehmenden Karl-May-Forschung überhaupt erst nahegebracht. Sie ist mir als Musterbeispiel einer literarischen Lebensdarstellung erschienen: Zum ersten Mal ist hier ein exemplarisches Menschenschicksal aus den Quellen – nämlich unter Auswertung des gesamten Nachlasses – rekonstruiert und für die Nachwelt sichtbar gemacht worden. Und diese biographische Pionierleistung, die auf den kaum 160 Seiten der Erstausgabe das tragisch-wunderliche, aber auch anrührende Leben eines extrem wirkungsmächtigen Außenseiters umfassend dokumentiert, ist zugleich ein literarisches Kunstwerk! [...] Die Worte des Biographen erschöpfen sich aber nicht im Deskriptiven. Sie evozieren zugleich die Melancholie und Erlösungsbedürftigkeit, die über diesem bizarren Schicksal liegt. Ich denke, eine solche Prosa darf man dichterisch nennen.“6Claus Roxin: Lieber Freund Wollschläger, in: Porträt 5. Hans Wollschläger, herausgegeben von Rudi Schweikert, Eggingen 1995, S. 233f.
Was also bleibt von diesem eng gesetzten 148-Seiten-Text (ohne Anhang) Hans Wollschlägers, der sich seinerzeit den beschränkenden Vorgaben des Verlages im Umfang, nicht aber in Stil und Inhalt unterwarf? Warum sollte man diese Biographie heute noch, in der haltbaren, großzügig gesetzten, mit 36 Bildern (darunter ein mir unbekanntes von der alten Pauline Münchmeyer, mit der anzulegen sich jeder drei Mal überlegen würde!) versehenen Hardcover-Neuausgabe des Jahres 2004, nicht nur lesen, sondern auch besitzen wollen?
Dem Bibliophilen wird sich diese Frage nicht ernstlich stellen. Und demjenigen, der diese Biographie noch nicht kennt, muß sie schlicht und einfach ans Herz gelegt werden (wobei der Kaufentschluß nach Durchsicht der raren antiquarischen Angebote der reich bebilderten Erstausgabe auch durch den stolzen Preis der nun vorliegenden gebundenen Ausgabe nicht entscheidend gehemmt werden dürfte).
Was ich bei Wiederlektüre der Biographie mit Ver– und Bewunderung aufgenommen habe, ist die Tatsache, daß nichts an diesem Text überholt wirkt oder ›in der Sache‹ widerlegt wäre. Kleine Änderungen, die auf Grund neuerer Forschungsergebnisse erforderlich wurden, die aber niemals die Deutung der Person Mays berührten, sind eingearbeitet, wie auch die übersichtliche Bibliographie in ihrer Beschränkung auf Erstausgaben selbst heute noch für eine grundlegende erste Kenntnisnahme Gültigkeit hat. Im Anhang sind die wichtigsten biographischen Arbeiten, die seit Erscheinen der Erstausgabe verfaßt wurden, aufgeführt und in die Anmerkungen integriert.
Mit dem heutigen Wissensstand läßt sich, anders als früher, als man es nur ahnte, nachvollziehen, welch ungeheure „Dehydrierungsarbeit“ Hans Wollschläger damals geleistet hat, der Not der Raumbeschränkung gehorchend. Wieviel ungesagtes Wissen hinter manchen so traumwandlerisch sicher dahingesagten bewertenden Sätzen steckt, vermag man erst jetzt zu würdigen, in einer Ära, in der die überfülle an Detailwissen die Person May, um die es geht, fast schon wieder verschwinden läßt.
Denn die sachliche Richtigkeit biographischer Daten ist nur ein, und nicht einmal das entscheidende, Kriterium bei der Beurteilung, ob eine biographischen Annäherung gelungen ist oder nicht. Es gibt Biographien, die eine Fülle korrektester Informationen präsentieren, die sich dem Leser aber lediglich als dürrer Datenfriedhof darbietet: das Bezugsobjekt all jener Daten bleibt tot und begraben. Der biographische Zugang über akademische Diskurse zu diesen und jenen Aspekten von Leben und Werk läßt wahre Anteilnahme an einem Lebensschicksal selten zu. Populärwissenschaftliche Lebensdarstellungen haben die unheilvolle Tendenz, zu reduzieren statt zu verdichten, was einer so komplexen Persönlichkeit wie der eines ›geborenen‹ Autors im Konflikt mit der realen Welt kaum gerecht werden kann. Die Annäherung über die Fiktion, also die Gattung ›Romanbiographie‹, birgt wiederum die Gefahr, unabhängig von der Faktenlage einen bloßen identifikatorischen Prozeß abzubilden: am Ende weiß man alles über den Autor und seine Beziehung zu dem Objekt seiner Verehrung, aber nur wenig über seine Hauptfigur. Karl May ist Objekt all dieser biographischen Ansätze geworden, die sich heute als notwendige, erfreuliche und wünschenswerte Ergänzungen zu jener ersten Biographie darstellen. Ihr einzigartiger Rang bleibt durch diese Ergänzungen unangetastet; und vielleicht ist es gerade die Beschränkung auf den „Grundriß“ eines Lebens, die die literarische Empathie, den deutenden Zugriff eines – seelenverwandten? – Autors erst ermöglicht hat. In der Materialbeschränkung, in dem bewußten Auswahlakt bei wesentlich weitreichenderen Kenntnissen, scheint das Geheimnis der so außerordentlich geglückten Einfühlung zu liegen; daß diese dann auch noch auf eine Weise zur Sprache gebracht wurde, die, zeitlos, ›Furcht und Mitleid‹ an dem behandelten Einzelschicksal zu erregen vermag: das macht diese Biographie zu einem Kunstwerk eigener Art. Das wird »bleiben«.
Was – jedenfalls dem Autor selbst - vergänglich ist an diesem Buch, hat er in seinem sehr persönlichen Nachwort offenbart. Manch harsches Urteil in der Werksbewertung Mays, das er nun mit Erstaunen zur Kenntnis nehme, führt er aus heutiger Sicht auf die Unbedingtheit früher Jahre zurück, die auch Ergebnis seiner Schülerschaft Arno Schmidt gegenüber gewesen sei. Die intellektuelle Rigorosität jener Zeit habe aber niemals die Liebe zu May und dem Logos schlechthin untergraben. Denn, so Wollschläger, seit Mays „so exzessiv gesagtes Ich mir beim nachwandlerischen Ich-Werden half und mir das Lesen überhaupt als das Land der Unbegrenzten Möglichkeiten erschloß, blieb auch die Neugier nach seinem Schicksal mir immer an der Seite – fast so, als wäre dessen Erkundung die meines eigenen.“ Dieser Worte bedurfte es eigentlich nicht. Wer lesen kann, liest jene besondere und doch keineswegs einzigartige Beziehung zur geistigen und seelischen „Bezugsperson“ May in Wollschlägers Biographie als Grundton immer mit. Er wird, hoffentlich, weiterhin in empfänglichen Lesern auf Resonanz stoßen.

Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Wallstein Verlag, Göttingen 2004, 304 Seiten, 32 Euro

Anmerkungen:

  1. Eduard Engel: Was bleibt? Die Weltliteratur. Leipzig 1928, S. 646f....zurück zum Text
  2. Arno Schmidt: SITARA und der Weg dorthin. Bargfelder Ausgabe III/2, Zürich 1993, S. 173...zurück zum Text
  3. Guido Graf: über den Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger, Wiesenbach 1997, S. 187...zurück zum Text
  4. Arno Schmidt: Ein Toast für Nummer 104 !. Rowohlt’s Bild=Monos› starten die biografische Forschung um KARL MAY, in: Bargfelder Ausgabe III/4, Zürich 1995, S....zurück zum Text
  5. wie vor, S. 407...zurück zum Text
  6. Claus Roxin: Lieber Freund Wollschläger, in: Porträt 5. Hans Wollschläger, herausgegeben von Rudi Schweikert, Eggingen 1995, S. 233f....zurück zum Text


veröffentlicht in:
Karl May & Co. Das Karl-May-Magazin, Nr. 97 3/04, August 2004, S. 21-23

Seitenanfang