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Alice Schwarzer und der Fall Jörg Kachelmann

Ein Schwanengesang?

von Gabriele Wolff

Alice Schwarzer und ihre Sache

Alice Schwarzer hat schon immer durch Eindimensionalität des Denkens (falls man es überhaupt als Denken bezeichnen darf, könnte es sich doch auch um bloße Reflexe handeln, die im Nachhinein intellektuell geadelt werden) bestochen; und es gab ungute Zeiten, in denen die selbstverordnete Ausblendung einer vielschichtigen Realität zugunsten eines sogenannten engagierten Blicks ihre Meriten hatte, weil sie einen Mißstand, die gesellschaftliche Unterdrückung von Frauen, ins Hellfeld rückte. Diese Zeiten – die Siebziger bis Ende der Achtziger Jahre – sind lange vorbei, und mit dem Alter kommt, so hofft man gern für sich selbst, die Weisheit, die jegliches monokausale Denken verabscheut und nur noch Trauer über den allgegenwärtigen Triumph der Dummheit, Mitgefühl mit den Verlorenen und scharfe Kritik an den Herrschenden erlaubt. Bei sehr viel Glück emaniert der Gelassenheitsanteil des Alters auch noch Humor, der mehr als nur den eigenen physischen Verfall ertragen läßt.
Diesem Ideal entsprechen nicht viele alte Leute, und Alice Schwarzer, die in diesem Jahr achtundsechzig Jahre alt wird, widerlegt es glatt. Ihre Attacken assoziieren die negativen Seiten des Alters: Verbitterung, Neid, Altersstarrsinn, Stillstand. Ein letztes Bemühen um Wahrnehmbarkeit, bevor die Scheinwerfer des öffentlichen Interesses ganz andere Themen, Standpunkte und Personen konturieren. Ihr jüngstes Auftreten in Sachen Kachelmann: Egozentriertes Trittbettfahren auf dem Geisterbahnzug eines Medien-Hypes.

Schwarzer trat erst auf den Plan, nachdem das Oberlandesgericht Karlsruhe mit Beschluß vom 29.7.2010 Jörg Kachelmann auf freien Fuß gesetzt hatte, was ihrer natürlich nicht ausgesprochenen, aber ersichtlichen Hoffnung, die Sache möge klassisch in ihrem Sinne (der Mann ist Täter, die Frau das Opfer) ausgehen, einen empfindlichen Dämpfer versetzte. Daß Kachelmann zuvor seit Ende März 2010 medial hingerichtet worden war (in Bild, Focus, Süddeutsche und Bunte) –: das interessierte sie nicht. Das war ihr gleichgültig. Die Tendenz der gehässigen Vorverurteilung war ja zutreffend, sie bestätigte ihr manichäisches Weltbild. Soll man zugunsten eines tendenziell ›richtigen‹ Medien-Opfers in die Arena steigen, nur weil das, was da lief, alles unter der Gürtellinie, ekelhaft, tief entwürdigend war? Eine solche Frage stellte sich ihr erst gar nicht. Ihre ureigene Sache drohte verloren zu gehen, sie mußte eingreifen. Und ein letztes Mal ihre Relevanz unter Beweis stellen.

Im Hardcore-Zirkel ihrer wenigen verbliebenen Anhängerinnen, die sich im Forum ihrer Hauspostille Emma äußern, ist Kachelmann schon seit Bekanntwerden seiner Festnahme vom 20.3.2010 ein Verbrecher, allein deshalb, weil eine betrogene Frau ihn angezeigt hat, weil er mehrere Liebschaften gleichzeitig hatte und weil Männern ohnehin alles zuzutrauen ist; relativiert ein weiblicher Gutachter die Glaubwürdigkeit der Zeugin, ist die Gutachterin von Männern gekauft, von Selbsthaß getrieben und verrät die ›Sache‹. Weisen männliche Gutachter auf Selbstverletzungen durch das Opfer hin, ist die Sache eh klar: Frauenfeindlichkeit. Daß das LKA keine DNA-Spuren von Kachelmann an dem angeblichen Tatmesser nachweisen konnte, so wenig wie Blutspuren des Opfers –: wird ignoriert, vermutlich deshalb, weil es auf das Geschlecht forensischer Chemiker nicht ankommt. Gerade die Nicht-Nachweisbarkeit aber wirft Fragen auf, denn das Messer soll nach der Tat ja nicht gereinigt worden sein. Müßten dann nicht eindeutige Tatspuren existieren? Die wenigen besonnenen Forumsteilnehmerinnen, die auf die Unschuldsvermutung und auf die allseits bekannte Tatsache hinweisen, daß Frauen die raffinierteren Rächerinnen sind, werden als Antifeministen und damit als Gesprächspartnerinnen aussortiert. Das ist das abscheulich schwüle Klima, das Alice Schwarzer, gottlob begrenzt auf ein zahlenmäßig kleines Milieu, hervorgerufen hat und durch ihre Polemiken immer wieder befeuert.

Dank ihrer Freundschaft mit Friede Springer und Liz Mohn, die als Kindermädchen und Sekretärin nur qua Eheschließung pressemächtig wurden, was ihr eigentlich ein Dorn im Auge sein müßte, ist die weichgespülte Sicht dieser Dinge – Frauen sind tendenziell eher Opfer, Männer sind tendenziell eher Täter – heute mainstream. Der Fall Kachelmann steht exemplarisch dafür, in seiner justitiellen wie auch seiner medialen Behandlung.

Die medialen Auswüchse des Kachelmann-Verfahrens

Nur zur Erinnerung: die auch persönlich verbandelte Südschiene Focus und Bunte aus dem Hause Burda fütterte die Öffentlichkeit von Anfang an mit intimen Details aus den Akten und bot den sich betrogen fühlenden Ex-Geliebten des Beschuldigten ein finanziell weich gepolstertes Forum zur Selbstdarstellung, Bild denkt sowieso nur an die Auflage, und die Süddeutsche, die sich diesen Veröffentlichungen engagiert abschreibend anschloß, ist seit langem von allen guten Geistern verlassen: im Fall Mannichl war sie zwar noch einmal, Abglanz der alten Leyendecker-Tradition, investigativ tätig, hat die Sache aber schnell fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Der von Anfang an absehbare Ausgang – unbekannter Neonazi-Täter nicht ermittelt, Vortäuschung einer Straftat kommt nicht in Betracht – wurde ein Jahr nach den anfänglichen kritischen Reflexen lediglich kommentarlos berichtet.
Spätestens als sie im Fall der Abziehung der Bochumer Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen von der Wirtschaftsabteilung unkritisch die Partei der Vorgesetzten einnahm, um dann die Haltlosigkeit der gegen diese allzu prominent gewordene Frau erhobenen strafrechtlichen Vorwürfe ersichtlich zähneknirschend zu vermelden, ist die staatstragende Position dieser Zeitung offensichtlich geworden. Beißt man die Hand, die einen mit Exklusiv-Akten füttert? Gewiß nicht.

»Gegen die als Zumwinkel-Ermittlerin bekannt gewordene frühere Staatsanwältin Margit Lichtinghagen wird vermutlich kein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die 54-Jährige muss aber mit einem Disziplinarverfahren rechnen.«, meldete Hans Leyendecker am 22.6.2009 in der Süddeutschen Zeitung. »Disziplinarrechtlich liegt aus Sicht der Düsseldorfer Generalstaatsanwaltschaft der Fall anders. Sie bewerten es in dem Bericht für das Ministerium als kritisch, wie die Ex-Kollegin mit Geldauflagen in Millionenhöhe umging. Bei der Zuweisung habe sie zu freihändig hantiert und sich nicht an die Vorschriften gehalten. Die Personalabteilung des Justizministeriums will sich mit diesem Aspekt nun intensiv beschäftigen.«

Da bestehen, wird insinuiert, offenbar gute Drähte zum verfolgungsgeneigten Ministerium, und überhaupt, irgendetwas wird an der von der Süddeutschen im Verein mit ihren Vorgesetzten angegangenen Ex-Staatsanwältin, die in die Unabhängigkeit des Richterums flüchtete, schon hängen bleiben. Und wenn’s ein Disziplinarverfahren ist.

Im Vergleich hierzu die Meldung der Westdeutschen Zeitung vom selben Tag:

»Die als Zumwinkel-Jägerin bekannt gewordene frühere Bochumer Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen hat sich in strafrechtlicher Hinsicht nichts zuschulden kommen lassen. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen Untersuchung der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf, deren Ergebnis jetzt Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) vorgelegt wurde. [...] Die Düsseldorfer Generalstaatsanwaltschaft sieht jedoch die „zu freihändige“ Vergabe von Geldauflagen durch Lichtinghagen „kritisch“. Diese Einschätzung könnte ein Disziplinarverfahren gegen die Ex-Staatsanwältin begründen. [...] Gleichzeitig verkündete die Ministerin, die Vergabe von staatsanwaltschaftlichen Bußgeldern und Geldauflagen an gemeinnützige Einrichtungen künftig transparenter zu machen.«

Das ist ein sehr anderer Tenor. Denn gerade der letzte Satz läßt darauf schließen, daß es mit konkreten Vorschriften zur Verteilung von Geldauflagen bislang nicht gar so weit her war. Aber wer gibt schon gerne zu, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben? Daß das zu erwartende (Süddeutsche) bzw. mögliche (WZ) Disziplinarerfahren dann medial unterging: wen wundert es? Das Zu-Ende-Berichten paßt nicht in eine Zeit, in der kurzatmige Aufgeregtheit Trumpf ist. Und Rehabilitierungen, falls es denn eine gab, haben sowieso keinen Nachrichtenwert.

In der Phase der Aufgeregtheit vom 22.3.2010 an, seit Bekanntwerden der Inhaftierung von Jörg Kachelmann, profitierten diejenigen Zeitungen, die Informationspartikel erhielten, die, von wem auch immer, ausschließlich im Überführungsinteresse von Polizei, Staatsanwaltschaft und Nebenklage, sowie im Diffamierungsinteresse von internen Firmenwidersachern und privaten Racheengeln in Sachen Kachelmann gestreut wurden.

Pro Kachelmann – in diesem spezifischen Fall identisch mit pro Rechtsstaat – traten erst am 7.6.2010 der Spiegel und am 24.6.2010 die Zeit mit der engagierten Sabine Rückert auf den Plan: eine empathischere und intellektuellere Reporterin gab es selten. Juristen fiel es wie Schuppen von den Augen, als sie nach all diesen Vorverurteilungs-Artikeln mit ihren ›pikanten‹ Details aus dem Liebes- und Intimleben des Beschuldigten/Angeklagten sowie dem Geraune und den Halbwahrheiten zum strafrechtlichen Vorwurf endlich einmal aufklärende Artikel lesen konnten: es gab, entgegen den Pressemeldungen und Interviewaussagen der Mannheimer Staatsanwaltschaft, nicht ein einziges Gutachten, das Beweise für Kachelmanns Täterschaft lieferte, im Gegenteil, und das von der Staatsanwaltschaft angeforderte Glaubwürdigkeitsgutachten kam zu dem Ergebnis, daß die Aussage der Zeugin zum Tatgeschehen nicht die Mindestanforderung an die Aussagequalität erfüllt, wenn man zu ermitteln hat, ob die Aussage erlebnisbasiert ist oder nicht. Dieser Verfahrensstand war spätestens seit Anfang Juni 2010 bekannt. Folgerichtig hat allerdings erst das Oberlandesgericht Karlsruhe am 29.7.2010 den dringenden Tatverdacht verneint und Kachelmanns Untersuchungshaft beendet – mit der weiteren unbeabsichtigten Folge, daß Alice Schwarzer nun ins Hyperventilieren geriet.

Alice Schwarzer im TV

Der Auftritt von Schwarzer bei Anne Will am 1.8.2010, der bereits stilistisch gegen den comment verstieß (wieso wird Höflichkeit, Ausredenlassen, Zurücknahme der eigenen Person und Vermeidung von unterbrechendem Dazwischenreden heutzutage eigentlich als entbehrlich angesehen? Ich verstehe das nicht!), markierte auch einen inhaltlichen Tiefpunkt. Da hat sie nun endlich wieder Gelegenheit gefunden, sich Gehör zu verschaffen, und vermasselt die Chance. Ihre langjährige Intimfeindin Gisela Friedrichsen, seit Jahrzehnten in der Mauz’schen Tradition auf der Seite von Justizopfern stehend, die zwangsläufig eher die Männer als die Frauen sind, geht es um Sexualdelikte, wird mit einem falsch kolportierten und interpretierten Zitat konfrontiert und zum Schluß, nachdem die Will-Redaktion den zutreffenden Wortlaut ermittelt und Friedrichsen sich gegen Schwarzers Interpretation zur Wehr gesetzt hat, als „dreister Vogel“ tituliert. Eine sehr beschämende Vorstellung.
Aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Da will man kein Beckmesser sein, sondern Nachsicht üben mit dem, was man so ›Temperament‹ nennt. Ich bin auch Schütze, wie Alice Schwarzer, und weiß, zu welchen Entgleisungen einen das feurige Temperament führen kann, wenn es um die Herzenssache geht. Ich selbst bin, notgedrungen, nicht nur altersbedingt, gelassener geworden. Aber meine Herzenssache – als Juristin, als Autorin, im Privatleben – war nie eine spezifische Partei, sondern die Gerechtigkeit, die jedem Opfer widerfahren soll, egal, welches Geschlecht oder Alter es hat. Gerechtigkeit setzt aber eine Wahrheitssuche nach dem wahren Opfer voraus: diese kann immer nur zu einer Annäherung führen, denn objektive Wahrheiten gibt es nicht, schon gar nicht in Beziehungen oder im sprachlosesten Bereich überhaupt: der Sexualität. Und läßt man sich zu sehr auf die jeweils unterschiedlichen Wahrheiten ein, zerfließt man letztlich in Mitleid für alle Beteiligten, die sich wie in einem Spinnennetz verfangen haben... Diese Skrupel kennt ein professioneller Parteiergreifer nicht. Er ist nun mal ein schlichtes Gemüt, und im Alter kann er die eingeübte Haltung schon gar nicht mehr auflösen oder auch nur differenzieren. ›Altersweisheit‹ würde ja beglaubigen, sein Leben einem Irrtum gewidmet zu haben.
Dies alles konzediert: Aber wenn man schreibt, für die Öffentlichkeit schreibt, sollte man den Intellekt vorwalten lassen. Auch wenn’s schnell gehen muß in Internet-Zeiten. Alice Schwarzers Blogtext vom 4.8.2010 ist eine derartige Entgleisung von allen Prinzipien, selbst denen des Journalismus’, (von dem ich nicht allzuviel halte, denn er ist nur im Ausnahmefall der Wahrheitssuche verpflichtet), daß er eine eingehende Analyse verdient.

Alice Schwarzers Wahrnehmung des medialen Exzesses

Auf ihrer Homepage postet Alice Schwarzer im Hochgefühl, nach dem Fernsehauftritt wieder im Blickpunkt zu stehen, am 4.8.2010 den Eintrag:
Der Fall Kachelmann, Nr. 2
mit dem sie ihren Auftritt bei ›Anne Will‹ vom 1.8.2010 ausbaut. Er war nur Teil einer Kampagne, den sie schon am 2.8.2010 weitergeführt hat und der am 5.8. im Emanzen-Kampfblatt (uuups! da ist mir was durcheinandergeraten!) in der Klatsch-Postille Bunte fortgesetzt wird.

Er beginnt mit einer geistigen Volte: »Am Sonntag bei „Anne Will“ hatte ich mir erlaubt, darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob Jörg Kachelmann seine Ex-Freundin nun vergewaltigt hat oder nicht, noch keineswegs entschieden sei.«

Achja, die gebetsmühlenhaft-heuchlerische Beteuerung, man hänge der Unschuldsvermutung an – glaubt man zunächst. Und stutzt. Denn bei ›Anne Will‹ sollte es ja gar nicht um den Fall Jörg Kachelmann gehen, sondern um die Frage, ob es bei derart medial ausgeschlachteten Ermittlungs- und Strafverfahren einen Prominenten-Malus gebe oder nicht. Tatsächlich, um die Unschuldsvermutung ging es ihr gar nicht: »Es war nötig, daran zu erinnern, denn die seit Wochen tobende Medienschlacht neigte dazu, die junge Journalistin, die Kachelmann angezeigt hat, zum „hinterhältigen Miststück“ (Wagner in Bild) zu erklären – und Kachelmann zum Opfer eines Staatsanwaltes, für den der Arme „Schuldig auf Verdacht“ sei (Rückert in Die Zeit).«

Im Gewand der Unschuldsvermutung versteckte sich also nur der Hinweis darauf, daß der Angeklagte doch noch verurteilt werden könnte (und sollte, natürlich). Wenn das keine weibliche Logik ist...

Soso, der unsägliche Herr Wagner von Bild, ein Organ, für das Alice Schwarzer im Jahr 2007 Reklame machte und das seit dem 22.3.2010 fast täglich Negatives aus den Akten gegen Kachelmann lieferte, verurteilt plötzlich die Anzeigenerstatterin, die nun allerdings weder jung noch Journalistin ist. Sondern eine Siebenundreißgjährige, die ›Medientechnik‹ studiert hat und seit 1997 eine Moderatoren-Tätigkeit bei einem Techno-Musik Sender für Kids mit dem Schwerpunktinteresse ›Computerspiele‹ ausübt. Nun fällt es recht schwer, Herrn Wagner zu verteidigen, ja, es erfordert eine geradezu übermenschliche Anstrengung, es zu tun. Aber hier ist er nun mal falsch zitiert worden: In seiner ›Post von Wagner‹-Kolumne in Bild vom 2.8.2010 schreibt er an das »Liebe mutmaßliche Kachelmann-Opfer«:

»Ich frage mich, wie Sie sich, mutmaßliches Kachelmann-Opfer, gerade fühlen? Wenn Sie gelogen haben, dann sind Sie ein hinterhältiges Miststück. Wenn Sie die Wahrheit gesagt haben, dann werden Sie zum zweiten Mal vergewaltigt. Kachelmanns Interview im „Spiegel“ ist ein vor Selbstmitleid triefendes Geschwafel. Er habe nur die Liebe missbraucht, „alles andere wäre einvernehmlich geschehen“, sei Fraueneinbildung, Frauenempfinden. Der Kachelmann-Prozess ist ein wichtiger Prozess – es geht auch um die Vergewaltigung der Seele. Eine schlimme Information: Immer weniger Frauen zeigen Vergewaltigung an, weil sie sie nicht beweisen können.«

Die typische ziellose Salbaderei, wie immer bei ihm (wäre ›Post von Wagner‹ eine reale Sendung, verdiente sie den Stempel ›Annahme verweigert‹) – aber Wagner erklärt das Opfer hier keineswegs zum »Miststück«. Nur für den Fall des Falles, und dann, auch wenn man die Wortwahl mißbilligen muß, mit einigem Recht. Und im Kachelmann-Prozeß geht es nicht um »Vergewaltigung der Seele«, wie Wagner glaubt. Welche Dunkelfeld-Statistik über zurückgehende Anzeigen echter Vergewaltigungsopfer liegt dem Manne bloß vor? Und und und.

Daß Sabine Rückert den »Armen« zum Opfer des Staatsanwalts (und des Landgerichts Mannheim und der zögerlichen Verteidigung) erklärte, war im Ergebnis eine zutreffende Beschreibung des prozessualen Skandals der Fortdauer der Untersuchungshaft: das Oberlandesgericht Karlsruhe bewertete ihn genauso wie Rückert und beendete die Maßnahme.

Aber das ist alles ganz ungerecht, was da jetzt geschieht, findet Schwarzer:

»Eine kleine Lüge der Klägerin, die in keinem Zusammenhang mit der vorgeblichen Tat steht (Sie hatte von seiner anderen Freundin früher gewusst als zunächst zugegeben), wurde zur vernichtenden Waffe gegen das mutmaßliche Vergewaltigungs-Opfer.«

Eine kleine Lüge ohne Tatzusammenhang. Wie sehr Schwarzer die Augen vor der Realität verschließt, ergibt sich aus der Pressemitteilung des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 29.7.2010, die von gediegener Zurückhaltung ist:

»Die Nebenklägerin, bei der Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive nicht ausgeschlossen werden könnten, habe zudem bei der Anzeigeerstattung und im weiteren Verlauf des Ermittlungsverfahrens zu Teilen der verfahrensgegenständlichen Vorgeschichte und des für die Beurteilung des Kerngeschehens (dem Vergewaltigungsvorwurf) bedeutsamen Randgeschehens zunächst unzutreffende Angaben gemacht.« [Hervorhebungen von der Verf.’in]

Lügen also zur Vorgeschichte und bei der Schilderung des Verlaufs des „Tatabends“, und der selbstfabrizierte anonyme Brief ist da noch nicht einmal explizit erwähnt, geschweige denn das hartnäckige Aufrechterhalten ihrer Version in vier Vernehmungen.
In der Weltwoche vom 12.8.2010 heißt es zu dem 14-seitigen Beschluß des Oberlandesgerichts (die Anklage begnügte sich mit elf Seiten): »Dass sie ihre falschen Aussagen in vier Vernehmungen aufrechterhalten habe (selbst gegenüber ihrem Therapeuten), «erschüttert zweifellos die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin». Weiter heisst es in dem Beschluss: «Die Nebenklägerin hat ein nicht unbeachtliches Fantasie- und Beharrungsvermögen unter Beweis gestellt. Dadurch, dass sie auch unter Befragungsdruck ihre Falschangaben durchgehalten hat, hat sie ihre Fähigkeit zur Konstruktion und Aufrechterhaltung einer Falschaussage unter Beweis gestellt.» Die Landesrichter zweifeln fundamental an den Aussagen der Radiojournalistin: «Dieses Aussageverhalten der Nebenklägerin erschwert auch und insbesondere die Ermittlung des Wahrheitsgehalts ihrer Angaben zum Vergewaltigungsvorwurf, dem Kerngeschehen.» Die Zeugenaussage zur angeblichen Vergewaltigung sei «wenig detailreich» und genüge nicht den «erhöhten Anforderungen» an die Glaubhaftigkeit eines derart schwerwiegenden Vorwurfs.«

Es war also nicht die Presse, sondern das Oberlandesgericht, das da eine »vernichtende Waffe« geschmiedet hat. Aber diese Justizinstanz wird von Alice Schwarzer ohnehin konsequent beschwiegen und ignoriert.

»Die jahrzehntelangen Betrügereien des Angeklagten jedoch – der einem halben Dutzend Frauen und mehr gleichzeitig vorgaukelte, sie seien die jeweils Einzige, und er wolle sie heiraten und ein Kind mit ihnen, sowie seine sadistischen Sexualpraktiken – seien Privatsache und dürften nicht erwähnt werden.« klagt Schwarzer angesichts zahlreicher obsiegender einstweiliger Verfügungen gegen Focus und Bild, die Kachelmanns Medienanwalt erwirkt hat.

Auch hier irren sich selbstverständlich die Gerichte: wer einer solchen Tat geziehen wird, hat kein Recht mehr auf Schutz der Intimsphäre. Und Frauengeschichten und Sexualpraktiken gehören allein dem Bereich der Intimsphäre an: mit der Beschuldigung haben sie nichts zu tun. Es geht hier nicht um eine der Kontrolle entglittene SM-Inszenierung, sondern um den Vorwurf einer Vergewaltigung nach einem die Beziehung beendenden Streitgespräch. Hat Schwarzer auch nur ein einziges Argument zur Hand, aus welchen Gründen es erlaubt sein solle, das Privatleben eines Beschuldigten einschließlich des privaten E-Mail-Verkehrs mit diversen Geliebten in die Presse zu zerren? Nein. Und man will auch die Frage nicht vertiefen, ob Alice Schwarzer, bekennender Beauvoir & Sartre-Fan, hier nicht mit zweierlei Maß mißt, geht es um promiskuitives Sexualverhalten... Sorry, ich vergaß: was der Philosoph darf (bei gelegentlicher Vorverkostung des ihm zugeführten Frischfleischs durch die ›Lebensgefährtin‹), darf ein Meteorologe, der nicht mal zu Ende studiert hat, noch lange nicht.

Und nun darf Kachelmann, über den monatelang Jauchekübel verschüttet wurden, der mit knapper Not eine Palastrevolution in der eigenen Firma gegen ihn verhindern konnte, sich natürlich noch nicht einmal pr-mäßig in Szene setzen, um zu retten, was zu retten ist. »Hinzu kommen Kachelmanns Werbeauftritte und Interviews in eigener Sache seit seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft. Ohne Bart und glattrasiert, mit Dauerlächeln und im weißen T-Shirt erklärt der Angeklagte der Nation: „Ich bin unschuldig.“ Seither ist die Schuldfrage für eine Mehrheit der Medien – und in Folge auch eine Mehrheit der Menschen – lange vor dem Prozess entschieden. Der Arme: Er ist unschuldig! Die Frau will sich nur rächen.«

Ist Alice Schwarzer tatsächlich nicht in der Lage, sich kundig zu machen, bevor sie etwas behauptet? Bereits vor Aufhebung des Haftbefehls und also vor Kachelmanns beiden einzigen öffentlichen Auftritten nach Beendigung der U-Haft, bei denen er sich zu Wort meldete (ein Vier-Minuten-Fernsehinterview und ein Interview im Spiegel) hielten in einer Umfrage für den Stern vom 22. und 23. Juli 2010 45% der Befragten Kachelmann für unschuldig und nur 22% für schuldig (Frauen: 23%, Männer: 20%).

»Und das Opfer? Das ist unsichtbar. Gesichtslos bzw. gepixelt, wie eine Verbrecherin.«

Unredlicher kann man nicht argumentieren. Das mutmaßliche Opfer wird selbstverständlich geschützt. Wie hätte Schwarzer sich echauffiert, wenn es ungepixelt der Meute vorgeworfen wäre! Und natürlich ist es ihr entgangen, daß sich auch der Anwalt der Nebenklägerin, Rechtsanwalt Thomas Franz, jedenfalls bis zum Erscheinen des kritischen Spiegel-Artikels vom 7.6.2010, von Anfang an für seine Mandantin in die Medienschlacht geworfen hatte, zuletzt mit einem Auftritt bei ›Kerner‹ kurz nach der Anklageerhebung. Vergessen ist auch, was ihr der in der ›Anne Will‹-Sendung geladene Medienexperte Hans-Hermann Tiedje entgegenhielt: daß die Medien jeden Preis bezahlen würden, um O-Töne des mutmaßlichen Opfers zu erhalten. Daß derlei Sichtbarmachung für das Verfahren kontraproduktiv wäre, weiß auch Alice Schwarzer, die sich nur künstlich empört. ›Polemik‹ ist der hier zuständige Begriff, der ihre Vorgehensweise beschreibt.

Dies ist eine Analyse der ersten fünf Absätze von Schwarzers Blogeintrag, die sich mit der medialen Aufbereitung des Falles beschäftigen. Aber es wird noch schlimmer in ihrem Text, in dem sie nun auf die Ermittlungen im konkreten Fall und auf die Justiz überhaupt zu sprechen kommt.

Alice Schwarzer über das Kachelmann-Verfahren und die Justiz

»Gleichzeitig eskaliert die Schlacht der GutachterInnen. 14 Gutachten sollen es inzwischen sein.«

Was soll mit dem Wort »Schlacht« suggeriert werden? Daß sich alle uneins sind über den Fall? Daß Gutachten der Verteidigung Gutachten der Staatsanwaltschaft widersprechen? Daß ein Prominenter es sich leisten kann, durch den Einkauf von Gutachtern eine künstliche Verwirrung herbeizuführen, die die eigentlich vorhandene Klarheit trübt?

Wieso unterschlägt Schwarzer, daß der Verteidiger erst einmal drei aussagepsychologische durch Aktenanalyse erstellte Gutachten mit dem Tenor, daß Zweifel an der Glaubhaftigkeit der belastenden Angaben bestünden, beibringen mußte, um den Staatsanwalt zu bewegen, am 15.4.2010 ein ›richtiges‹ Glaubwürdigkeits-Gutachten (bei Prof. Dr. Luise Greuel) in Auftrag zu geben, das zu demselben Ergebnis kam? Woraufhin die Staatsanwaltschaft, weil ihr nicht gefallen konnte, was sie da zu lesen bekam, rasch noch ein ›Gutachten‹ des die Zeugin behandelnden Arztes, des Traumatologen Prof. Dr. Günter Seidler, nachschob? Was wiederum die Verteidigung veranlassen mußte, ein weiteres Gutachten des Aussagepsychologen Prof. Dr. Günter Köhnken zu präsentieren, der den Schlüssen des Therapeuten widersprach. Da waren’s schon sechs, obwohl das eine von Greuel eigentlich gereicht hätte. Und fünf stimmen in ihren Ergebnissen überein.

Alice Schwarzer hätte auch zur Kenntnis nehmen können, daß dem Oberlandesgericht Karlsruhe das einzig dissentierende ›Gutachten‹ des behandelnden Therapeuten Seidler mit seinem Zirkelschluß (die Patientin hat eine traumatische Belastungsstörung, also muß sich der behauptete belastende Vorgang ereignet haben) verworfen hat: »Der posttraumatischen Belastungsstörung von Sabine W., so heißt es in dem Beschluss des OLG, müsse nicht zwingend ein lebensbedrohliches Ereignis vorausgegangen sein. Auch das Geständnis eines mehrjährigen systematischen Betrugs könne ein derartiges seelisches Trauma auslösen.« [Focus 31/2010, 2.8.2010, S.24]

Es ist nämlich keineswegs so, wie Alice Schwarzer argwöhnt: »Es ist in den vergangenen Jahren Usus geworden, dass Richter sich in Zweifelsfällen nicht mehr auf ihr eigenes Einschätzungsvermögen, sondern auf Gutachter verlassen. Doch das kann keine Lösung sein.« Die Evaluierung von Gutachten ist ureigenste Aufgabe von Staatsanwälten und Richtern, wie das Oberlandesgericht bewiesen hat. Der gesunde, juristisch geschulte Menschenverstand, verfeinert durch jahrelange Erfahrung mit Gutachtern: er lebt.

Er scheint aber zwischen Karlsruhe und Mannheim ungleich verteilt zu sein scheint. Denn wie kommt die Staatsanwaltschaft Mannheim dazu, das Gutachten Greuel, das besagt, daß die Aussage zu wenig Substanz habe, um eine erlebensbasierte Schilderung annehmen zu können, als ein den Tatverdacht sogar erhärtendes Beweismittel einzustufen? Nämlich so:

»Oskar Gattner von der Mannheimer Staatsanwaltschaft spricht von "einer einseitigen Lesart der Verteidiger". Er sagt, das vollständige Gutachten gebe auch eine Antwort auf die Frage, warum die Darstellung der Zeugin lückenhaft sei. Dies aber habe zum Beispiel der Spiegel nicht zitiert. Ein Manko, bilanziert Gattner. "Das vollständige Gutachten hat den Tatverdacht sogar noch erhärtet", sagt er.« [Frankfurter Rundschau, 28.6.2010, Hervorhebung durch die Verf.’in]

Derselbe Zirkelschluß wie in der Expertise des behandelnden Arztes (der seine therapeutische Funktion ad absurdum führen würde, glaubte er der Klientin nicht): Lücken in der Darstellung = Traumafolge = Trauma = Vergewaltigung. Daß die Aussage, aus welchen Gründen auch immer, mit aussagepsychologischen Methoden als wahr oder falsch nicht zu beurteilen ist, ist das Ergebnis, das zählt. Und das bedeutet im Klartext: auf eine solche Aussage allein kann eine Verurteilung nicht gestützt werden.

Drei rechtsmedizinische Gutachter brachte der Verteidiger auf, um den Verfasser des ersten, relativ oberflächlichen rechtsmedizinischen Gutachtens, Prof. Dr. Rainer Mattern, zur Selbstkorrektur zu bringen. Der hatte zwar auch bekundet, daß alle Verletzungen der Selbstbeibringung zugänglich seien, hielt aber einen Messerrücken als Ursache für die Kratzer am Hals für möglich und sah keine »offensichtlichen« Widersprüche zum angegebenen Tatgeschehen, das er allerdings nur aus einer ersten, kursorischen Tatschilderung kannte. Obwohl auch ihm bemerkenswert erschien, daß die Zeugin keine Angaben dazu machen konnte, wie es zu den auffälligen Hämatomen an den Innenseiten der Oberschenkeln gekommen sei. Erst nach Konfrontation mit den drei Gegengutachten wertete er in einem zweiten Gutachten vom 4.5.2010, daß die Verletzungen sowohl für Fremd- wie auch für Selbstbeibringung „ungewöhnlich“ seien und nahm sogar seine erste Annahme zur Entstehung der Hämatome zurück; er hielt aber daran fest, daß die Spuren, jedenfalls unter ganz engen Voraussetzungen, mit dem berichteten Tatgeschehen vereinbar sein könnten, während die anderen drei sich, mit unterschiedlichen Begründungen, auf Selbstbeibringung festlegen. Schon wieder fünf Gutachten, die sich letztlich im entscheidenden Kern nicht widersprechen. Denn keines beweist die behauptete Tat.

Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat den kleinsten gemeinsamen Nenner dieser Gutachten so zusammengefaßt: »Hinsichtlich der Verletzungen der Nebenklägerin könne derzeit aufgrund der bisher durchgeführten Untersuchungen und Begutachtungen neben einer Fremdbeibringung auch eine Selbstbeibringung nicht ausgeschlossen werden.«

Dazu das die Eigenschaft als Tatwaffe nicht belegende LKA-Gutachten über die Spuren am Messer, das durch den Rechtsmediziner Prof. Dr. Bernd Brinkmann noch weiter präzisiert und damit relativiert wird („Übertragungsspur“), sowie die forensische Untersuchung von Laken (mit zweifelhaftem Ergebnis) und Handtuch auf DNA-Spuren. Da kommen wir zwar auf vierzehn Gutachten, ohne allerdings auf eine Schlacht zu stoßen.

Alle diese in der Presse breit dargestellten und diskutierten Gutachten sowie deren Wertung durch das Oberlandesgericht Karlsruhe kennt auch Alice Schwarzer. Wie setzt sie sich nun mit dieser Stofffülle auseinander? Sie muß es ja nicht, wenn ihr die Ergebnisse und Konsequenzen mißfallen. Aber sie tut es trotzdem. Oder vielmehr: sie tut so, als ob.

»Es heißt, die 128 Seiten des „aussagepsychologischen Gutachtens“ erlaubten sowohl den Schluss, dass die Zeugin die Wahrheit sagt, wie auch den, dass sie sie nicht sagt. Auch die übrigen Gutachten geben keine eindeutigen bzw. widersprüchliche Antworten. Mal heißt es, die Frau sei unbedingt glaubwürdig, mal, sie sei zweifelhaft.«

So kann man’s auch sehen, jedenfalls, wenn man das Hinsehen unterläßt. Aber man muß ja auch nicht so genau hinsehen. »Denn ein Gutachten hängt einzig und allein von der Erfahrung und Qualität des Gutachters, der Gutachterin ab. Und selbst wenn beides stimmt, kann ein Gutachten nur Wahrscheinlichkeiten formulieren, jedoch nie Gewissheiten. Denn die Psychologie ist keine messbare, keine exakte Wissenschaft.«

Da können wir sie ja gleich vergessen, und die rechtsmedizinischen und chemischen Expertisen ebenso unzeremoniös mit in den Orkus werfen. Sind alles nur fehlbare Menschen, die Gutachter.

Wie die Richter, die überdies sowieso in ihrer Allgemeinheit frauenfeindlich sind: »Da gibt es bekannterweise nicht nur Fehlurteile, sondern auch Ermessensspielräume. So wird ein Tod mal als „Mord“ eingestuft, mal als „Totschlag“. Darum konnte zum Beispiel in den 1990er Jahren ein großer, stämmiger Metzger in Köln seine kleine, zierliche Frau erschlagen, portionieren und die Leichenteile im Wald vergraben – und dafür nur fünf Jahre bekommen. Er wird nach dem dritten Jahr wg. „guter Führung“ entlassen worden sein. Und das ist nur ein Beispiel von vielen verständnisvollen Urteilen bei Frauenmord.«

Lassen wir die Petitesse beiseite, daß nicht »ein Tod«, sondern eine Tötungshandlung der juristischen Subsumtion unterliegt. Ob ein Totschlag ein Mord ist, hängt davon ab, ob er die Mordmerkmale erfüllt. Über den Metzger-Fall wird nichts, aber auch gar nichts mitgeteilt, woraus man entnehmen kann, welchen Tatbestand er erfüllt. Ist es für die juristisch inkompetente Schwarzer ein Mordmerkmal, wenn der Täter stämmig und das Opfer zierlich ist? Dann sollte sie sich mal den Wortlaut von § 211 StGB zu Gemüte führen, was sie offensichtlich nicht getan hat. Fündig wird sie da nicht werden. Sind Metzger bereits wegen ihres Berufes geborene Mörder? Meint sie gar, daß das Nachtatverhalten Rückschlüsse auf die Tat selbst zuläßt? So ist das bei Menschen, die seit ewigen Zeiten journalistisch tätig sind: Sie kennen sich auch ohne Sachkenntnis aus, weil sie aus der Flut des Wissens die Spreu vom Weizen der gewünschten Aussaat zu trennen vermögen. Das reicht schon, um in diesem Berufsfeld zu reüssieren.

Die typische Verteidigung, wenn ein überführter Mann seine Lebenspartnerin getötet hat, lautet: Sie hat mich unsäglich beleidigt und zur Weißglut gebracht, so daß ich zur Tat hingerissen wurde. Ist das nicht widerlegbar, ist nur Totschlag im minder schweren Fall mit einem Strafrahmen von einem bis zehn Jahre erfüllt. Die fünf Jahre für den Metzger befinden sich also in der Mitte dieses Strafrahmens. Ganz anders die Frauen, die ihren Intimpartner töten: in diesem Fall lautet die klassische Verteidigung: Er hat mich angegriffen, ich habe in Notwehr gehandelt. Ist das nicht widerlegbar (etwa: der Stichkanal beweist, daß das Opfer lag, als es getötet wurde), werden sie freigesprochen. Und das geschieht nicht selten, wenn es auch nur im Regionalteil unter ›Vermischtes‹ vermeldet wird. Frauen sind insoweit vor Gericht privilegiert. Wer würde einem Mann im vergleichbaren Fall schon Notwehr zubilligen? Er ist nun mal eher stämmig und das Opfer eher zierlich. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Zeiten der Giftmischerinnen, die wegen ›Heimtücke‹ nach dem Mordparagraphen verurteilt wurden, sind vorbei, soweit es sich nicht um ›Schwarze Witwen‹ oder um Krankenschwestern handelt, die sich ihrer Patienten entledigen. Heute greift frau im Konflikt bevorzugt zum hausfrauengerechten Küchenmesser und wartet auch nicht, bis der Mann eingeschlafen ist. Selbst in diesem Fall wird aber mittlerweile von der ›Heimtücke‹ abgesehen, wenn der Mann sich zuvor nachweislich als ›Haustyrann‹ aufgeführt hat.

Exemplarisch für die entsprechende unterschiedliche mediale Wahrnehmung von Tötungsdelikten durch Männer und Frauen ist der Tagesspiegel vom 24. August 2010. Auf S.1 des Berlin-Teils (= S.7) findet sich unter der Überschrift »Vermisste lag tot in der Spree: Ehemann festgenommen« ein 25 Zeilen hoher Zweispalter über die Identifizierung der Leiche einer seit sieben Wochen vermissten 28-jährigen Deutsch-Türkin: »Der Körper der Frau soll mehrere Stichverletzungen aufgewiesen haben.« »Der Mann, Mitte 30, sei als gewalttätig bekannt gewesen, hieß es damals aus dem Wohnumfeld des Paares«. Auf S.11 im Teil Berlin/Brandenburg liest man, sofern man ihn nicht überliest, in der Nachrichten-Kolumne einen elfzeiligen Einspalter: »Geliebten zu Tode gefoltert: Mutter und Sohn verurteilt. BERLIN – Eine 39-jährige und ihr 18-jähriger Sohn wurden am Montag wegen Totschlags sowie gefährlicher Körperverletzung zu zwölfeinhalb und acht Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht war überzeugt, dass sie im Dezember 2008 den 33-jährigen Geliebten der Frau zu Tode gefoltert hatten. Der Ukrainer wurde geschlagen, getreten, gebissen und sexuell misshandelt. Die beiden Angeklagten hatten jegliche Schuld bestritten.« Eine Prozeßberichterstattung war unterblieben, so daß es mit der gerichtlichen Überzeugung sein Bewenden haben muß.

Schwarzer weiß nicht, wovon sie redet, redet aber trotzdem darüber und legt sich fest: es war »Frauenmord«, was der Metzger aus Köln begangen hat.

Und Anschluß an den aktuellen juristischen Zeitgeist hat sie schon gar nicht, weshalb sie nun den Fall Vera Brühne bemüht, die im Jahr 1962 wegen Anstiftung zum Doppelmord zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Die verlogene Sexualmoral von damals, das wird hier ausgeblendet, bestrafte aber nicht nur die Frau, sondern auch den angeblich von ihr angestifteten Täter Johann Ferbach, der ebenfalls eine lebenslange Freiheitsstrafe erhielt und 1970 in Haft starb (und also nichts von der Vera Brühne 1979 zuteilgewordenen Begnadigung hatte). Der soll ihr, unterstellte das Gericht damals, sexuell hörig gewesen sein. Und das ging schon gar nicht. Daß beide Verurteilte angesichts der dürftigen Beweislage, die Jahre später durch wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt über die Genese der Leichenstarre gänzlich ad absurdum geführt worden war, niemals hätten verurteilt werden dürfen, ist das Skandalon des Brühne-Prozesses. Denn jedes Fehlurteil erschüttert den Rechtsstaat in seinen Grundfesten. Das Thema ist viel zu gewaltig, als daß es unter dem Blickwinkel ›Frauenfeindlichkeit‹ und ›mediale Vorverurteilung‹ auch nur ansatzweise zu erledigen wäre. Aber man hängt sich halt gerne an an die Großthemen, um seinen kleinen Punkt zu machen.

Danach stellt sie, als weiteren Beleg für die frauenfeindliche Justiz, den Fall Monika Weimar dar, der in ihrer Lesart ein Werk ihrer dämonisierten Intimfeindin Gisela Friedrichsen war. Deren bloße frauenfeindliche Anwesenheit im Gerichtssaal verleitet Richter nun mal zu Fehlurteilen. Zum Schutz der im Jahr 2006 nach Strafverbüßung Entlassenen, zwei mal (1988 und 1999) rechtskräftig wegen Mordes Verurteilten, auch zum Schutz des seit der Bezichtung der Täterschaft durch Monika Weimar psychisch erkrankten Ehemannes, soll hier auf nähere Erörterung dieser hochsubjekiven Passage verzichtet werden. Wenn Alice Schwarzer abschließend wertet: »Die Zweifel an der Schuld von Monika Weimar sind seither eher gestiegen.«, beruht diese Wertung auf keiner Umfrage, sondern auf nichts anderem als auf ihrem eigenen Glauben an den Mythos, daß eine Mutter ihre Kinder nicht umbringt. Dann schon eher der Vater. Ein Vorurteil, das durch die Realität permanent widerlegt wird. Frauen hassen, schlagen, quälen, vernachlässigen, verlassen und töten ihre Kinder. Und das nicht nur gleich nach der Geburt. Punkt.

Und was, um alles in der Welt, hat das überhaupt mit dem Fall Kachelmann zu tun? Nichts. Der ist nur der Aufhänger, der ihren Uralt-Thesen zu neuer Aufmerksamkeit verhelfen soll.

Im nächsten Absatz scheint sie dem Thema zumindest wieder etwas näher zu kommen.

»Nun also der Fall Kachelmann. Da gibt es keine Toten, aber vielleicht Sexualgewalt und eine ermordete Seele. „Eine Vergewaltigte bekommt lebenslänglich. Sie kann nie vergessen“, schrieb mir eine junge Frau, die selber vergewaltigt worden ist. Vergewaltigung. Es gibt Länder und Kulturen, in denen vergewaltigte Frauen bis heute entweder mit dem Täter zwangsverheiratet oder aber getötet werden. Das Opfer ist die Schande, nicht der Täter.«

Es geht also immer noch nicht um Kachelmann, sondern um Stimmungsmache, Rückbesinnung, kulturelle Betrachtungen, die in die Steinzeit der Zivilisation führen. Wie sie eben heute noch in rückständig-archaischen Kulturen existiert. Ein kleiner Schlenker zu ihrem aktuellen Anti-Islam-Engagement. Hiesige Opfer scheinen doch knapper zu werden, da muß man sich woanders umsehen.Vielleicht kommt sie endlich im nächsten Absatz zur Sache? Ja, endlich. Nämlich zu einer zivilisatorischen Errungenschaft der deutschen Neuzeit, die sie zu ihren höchstpersönlichen Verdiensten rechnet.

»Und in unseren Breitengraden ist es einzig der Frauenbewegung zu verdanken, dass Vergewaltigungsopfer, vom Inzest bis zum Sexualmord, inzwischen (relativ) ernst genommen werden.«

Eigenlob stinkt bekanntlich nicht. Aber was wird da bloß wieder zusammengerührt?!

Das Inzestverbot hat mit Vergewaltigung schlicht nichts zu tun. Es stellt einvernehmliche Geschwisterliebe, einverständlichen Geschlechtsverkehr zwischen Vater und erwachsener Tochter und zwischen Mutter und erwachsenem Sohn unter Strafe. Inzestopfer gibt es nicht, weil sich beide Beteiligte strafbar machen. Der Strafzweck der Norm ist umstritten und vom Bundesverfassungsgericht kürzlich zur Enttäuschung Vieler in anti-aufklärerischer Weise unter Rekurrierung auf ein mystisches Tabu aufrechterhalten worden. Denn die mögliche Produktion behinderter Kinder kann Strafzweck nicht sein, sonst müßte auch der Geschlechtsverkehr von und mit Behinderten unter Strafe gestellt werden – was für eine inhumane Vorstellung! Nur der Geschlechtsverkehr zwischen den Inzestparteien aber ist verboten, nicht anderweitige sexuelle Handlungen, die nicht zu Schwangerschaften führen.

Ein Sexualmord-Opfer ist immer schon ernst genommen worden (gibt es etwas Schlimmeres als Mord? Kann es in diesem Fall überhaupt ein frauenfeindliches Mißtrauen gegen das Opfer geben, das ja nun wirklich nichts mehr vortäuschen oder eine gehässige ›Selber schuld‹-Reaktion auslösen kann? Und gibt es nicht auch männliche Sexualmord-Opfer?) Da wird kenntnislos, ohne nachzudenken, dahingeschrieben, »was gerade durchs Kleinhirn säuselt«, wie Arno Schmidt es Karl May bescheinigte. Und daß man es gleich danach mit zwei faustdicken Desinformationen zu tun bekommt, verwandelt die bislang in diesem Absatz waltende olfaktorische Neutralität doch fast schon in eine Geruchsbelästigung.

»Doch galt das bis vor gar nicht langer Zeit nicht für die Vergewaltigung in der Ehe bzw. Beziehung. Die ist erst seit 14 Jahren überhaupt strafbar – und das auch nur, weil Politikerinnen aller Parteien sich zusammen getan haben, um das Gesetz durchzudrücken. Bis dahin war Vergewaltigung in der Ehe ein Recht des Ehemannes.«

Erstens: Vergewaltigung in nichtehelichen Beziehungen war schon immer als Vergewaltigung strafbar: der Verbrechenstatbestand der Vergewaltigung bezog sich früher auf jeglichen »außerehelichen« Geschlechtsverkehr. Zweitens: Vergewaltigung in der Ehe war ebenfalls schon immer strafbar, wenn auch nur als Vergehen der Nötigung und der Körperverletzung.

Da die Beweisproblematik bei Beziehungstaten unabhängig vom formalen Status der Beziehung identisch ist, die Ehe heutzutage in der Lebenswirklichkeit einen weitaus geringeren Stellenwert hat als früher und weil Ehefrauen, die eine Strafverfolgung nicht wünschen, durch Berufung auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht eine Strafverfolgung erfolgreich verhindern können, wurde der Begriff des »außerhelichen« Geschlechtsverkehrs im Juli 1997 aus dem Vergewaltigungs-Paragraphen gestrichen. Mit breiter Mehrheit.

Aus demselben Grund der praktischen Angleichung der außerehelichen mit den ehelichen Beziehungen wurde im April 1998 der Kindstötungsparagraph (§ 217 StGB) gestrichen, nach dem Mütter, die ihr nichteheliches Kind in oder gleich nach der Geburt töten, milder bestraft wurden als andere Täter, die einen Totschlag begehen (und damit auch milder als Mütter, die ihre ehelichen Kinder in oder gleich nach der Geburt töten). Auch diese Gesetzesänderung eine Errungenschaft der Frauenbewegung? Wohl kaum. Aber natürlich sind laut Alice Schwarzer ohnehin allein die unterdrückenden Männer schuld, wenn Frauen in ihrer Verwirrung & Allmacht das Leben nehmen, das sie gerade gegeben haben. Frauen sind und bleiben für sie Opfer, da mögen sie noch so abscheuliche Taten begehen. Warum sie nicht verhüten, wenn sie Kinder weder bekommen wollen noch, weil es der selbstverständlich notorisch prügelnde Ehemann nicht will, ›dürfen‹? Darauf hat nicht einmal die schnellfertige Alice Schwarzer eine Antwort.

Rechtspraktisch blieb die Änderung des Vergewaltigungs-Paragraphen natürlich folgenlos. In einer funktionierenden Ehe werden derlei Vorwürfe nicht erhoben, in einer zeitweise kriselnden Ehe nach Versöhnung die Vorwürfe zurückgenommen, und nach einer kränkenden Trennung und im Fall des ›Rosenkrieges‹ sind sie mit derselben Vorsicht zu behandeln wie die, die aus nichtehelichen Beziehungen in demselben Aggressionsstadium resultieren. Welchen Fortschritt Alice Schwarzer in der Reform sieht, verschließt sich mir.

Ein Recht auf Vergewaltigung in der Ehe zugunsten des Ehemannes hat es niemals gegeben! Nicht einmal die berüchtigte zivilrechtliche eheliche Pflicht zum Geschlechtsverkehr, die theoretisch auch für Männer galt, gab ein Recht auf gewaltsame Durchsetzung der Pflichterfüllung. Die ›Pflichtverweigerung‹ konstituierte ›nur‹ einen Scheidungsgrund. Aber als Ideologin und im Internet kann man wohl dahinschreiben, was man will. Es muß ja nicht stimmen.

Noch immer sind wir nicht bei Kachelmann, der bekanntlich mit der Anzeigeerstatterin nicht verheiratet war.

»Es ist also relativ neu, dass eine verheiratete bzw. liierte Frau nicht zur Verfügung zu stehen hat, sondern auch NEIN sagen kann. Zumindest auf dem Papier.«, schlußfolgert sie weiter, und es ist unerfindlich, welchen Denkgesetzen sie hier folgt.

»Verheiratete bzw. liierte Frau« – schon wieder die falsche Gleichsetzung, als ob es neu sei, daß der Vergewaltigungs-Paragraph jetzt auch Beziehungstaten erfasse. Er erfaßt seit 1997 zusätzlich auch Taten, die in einer rechtlich als Ehe ausgestalteten Beziehung begangen werden. Man reibt sich die Augen. Ehefrauen können jetzt endlich, endlich NEIN sagen? Sie haben es also bis 1997 nicht gesagt, weil die auf ein NEIN naturgemäß sofort erfolgende Vergewaltigung durch den Ehemann nicht nach § 177 StGB strafbar war, sondern nur nach §§ 223, 240 StGB?

Ich weiß nicht, welches Menschenbild Alice Schwarzer hat, und mag auch nicht entscheiden, ob ihr Frauenbild (die trauen sich nicht, ihre Wünsche bzw. Ablehnungen zu bekunden) oder ihr Männerbild (wenn sie ein NEIN hören, fallen sie gewaltsam über die Partnerin her) die groteskere Verzerrung darstellt. Angesichts solcher lebensfremder Aussagen fällt mir unwillkürlich der Papst ein, dem bekanntlich die Erfahrung fehlt, sich über erotische Liebe, Ehe, Sexualität und Empfängnisverhütung zu äußern, der es aber dennoch unentwegt tut. Egal, um welchen Papst es sich gerade handelt. Wer ideologisch gerüstet ist und also weiß, was RECHT und was UNRECHT ist, den ficht eben weder die Realität noch fehlende Erfahrung an.

Wer einstmals gönnerhaft mit Blick auf die allein durch Geschlechtsverkehr mit einem Mann bereits unterjochten Frauen schrieb: »Bei der Infragestellung alter Normen kann und darf es nicht um neue Normen gehen! Das wäre wieder einengend, wieder erdrückend. Ich meine: wenn es Frauen gibt, die den Koitus gern vollziehen – auch gut. [...] Das gleiche gilt für die Heterosexualität. Es geht nicht um die Abschaffung der Heterosexualität, wie einige von Kastrationsängsten befallene Männer voreilig schrieben, sondern um die Abschaffung des Zwanges zur Heterosexualität«, [Der »kleine Unterschied« und seine großen Folgen, erweiterte und aktualisierte Fassung, Fischer Taschenbuch Verlag 1977, S.8] und auch mehr als dreißig Jahre später heterosexuelle Sexualität immer noch als Zwang und Gewaltausübung durch den Freund oder Ehemann ansieht, sollte zu einem ihm offensichtlich völlig unbekannten Thema besser schweigen.

Frauen heute haben in der weiten Welt der Sexualität die freie Wahl. Ob mit Mann, ob mit Frau, oder gar nicht. Ob Ehemann, ob Geliebter. Oder beides zugleich. Oder vielleicht Mann und viele, auch anonyme, Geliebte beiderlei Geschlechts, allein um des Lustgewinns willen? Sie haben die Wahl, eine Schwangerschaft zu riskieren, sie bewußt (auch auf technischem Weg) herbeizuführen oder sie zu vermeiden, und das ist schon ein Zuviel an Macht, wenn sie diese Freiheit mißbrauchen. Und ja, die überwältigende Mehrheit »vollzieht den Koitus gern«, immer noch; sie würden die Tatsache nur nicht so steif und unsinnlich ausdrücken wie seinerzeit Alice Schwarzer, die sich dem Igitt-Thema nun mal mit der Kneifzange nähert. Die überwältigende Mehrheit der Frauen gehört weiterhin zu der für sie bloßen »auch gut«- Fraktion. Die Zeit der Politisierung und Instrumentalisierung von privater Lust und Unlust ist unwiderruflich vorbei, was Alice Schwarzer allerdings noch nicht begriffen hat.

Ziemlich unverbunden, um das Wort ›sprunghaft‹ zu vermeiden, fährt Schwarzer fort (aber für sie ist hetereosexuelle Sexualität ersichtlich zwangsläufig mit Vergewaltigung verbunden):

»In der „Anne Will“-Sendung erklärte der erfahrene Staatsanwalt Hansjürgen Karge resigniert, hätte er eine Tochter, "würde ich raten, eine Vergewaltigung nicht anzuzeigen. Denn das ist eine Tortur." Das ist ein wahrhaft erschütternder Satz in einem Rechtsstaat aus dem Mund eines Juristen.«

Karge hat nicht nur keine Tochter, es ist auch zu bezweifeln, daß er jemals im Laufe seines Ende Mai 2006 beendeten Berufslebens als Staatsanwalt Verfahren wegen Sexualstraftaten bearbeitet hat. Seit 1969 Staatsanwalt in Darmstadt, war er bereits seit 1976 nicht mehr an der ›Front‹, sondern im Ministerium und danach bei der Generalbundesanwaltschaft tätig, ab 1990 wirkte er in Leitungsfunktionen (also nicht mehr von Sachbearbeitung und Sitzungsvertretung behelligt) bei den Staatsanwaltschaften in Suhl und Marburg, bevor er im Jahr 1995 ein umstrittener, im Jahr 2002 seines Amtes enthobener und durch Einklagung wiedereingesetzter Leiter der Staatsanwaltschaft Berlin wurde.

Aus welchen grauen Vorzeiten seine praktischen Erfahrungen, wie Vergewaltigungsopfer von Polizei und Justiz behandelt werden, allenfalls und auch nur rein theoretisch stammen könnten, läßt sich seinem Lebenslauf entnehmen: aus den Jahren 1969 – 1976. Es sind die Jahre, in denen auch Alice Schwarzer dank einiger ›exemplarischer‹ Interviews ihre Erkenntnisse über Unterdrückung durch Geschlechtsverkehr schöpfte. Ein Jurist, der Alice Schwarzers Bild von der frauenfeindlichen Justiz bestätigt, muß daher selbstverständlich mit dem Adjektiv »erfahren« geschmückt werden, auch wenn Schwarzer nicht weiß, wie viele Jahre er an der Front und wieviele in der Etappe verweilt hat.

Das Thema der beklagenswerten Behandlung echter Vergewaltigungsopfer im Ermittlungs- und Strafverfahren konnte also auch noch schnell untergebracht werden, bevor ihr Beitrag – warum eigentlich? Illustriert der Fall Kachelmann nicht recht eigentlich ihr gesamtes Leben & Streben und könnte noch viel umfangreicher ausgebeutet werden? – dem Ende zugeht und jetzt wieder die Kurve zu Kachelmann genommen werden muß. Das geschieht wie folgt:

»Doch genau darum ist die Aufregung so groß, bei Frauen wie Männern. Genau darum argumentieren 99 Prozent aller Frauen, die mir zurzeit zu Hunderten schreiben, für das mutmaßliche Opfer – und 80 Prozent aller Männer für den mutmaßlichen Täter.«

So ist das, wenn man eine Zeitschrift beherrscht, die nur noch eine Auflage von 30.000 bis 40.000 Exemplaren hat. Damit erreicht man nur Seinesgleichen, und eigentlich erstaunt der Umstand, daß dem männerfeindlichen Hardcore-Feminismus doch noch eine nicht gänzlich zu vernachlässigende Minderheit anhängt. Aus diesem sehr speziellen Publikum erreichen sie Zuschriften, und da wundert einen die kolportierte 99-Prozent-Kachelmann-Verurteilungs-Quote durch Frauen kaum. Daß Schwarzer allerdings überhaupt noch Zuschriften von Männern erhält, dagegen sehr. Nun ja, Hunderte werden es nicht sein, sonst hätte sie es mitgeteilt.

Patricia Riekel, Chefredakteurin der Bunte, ein »People-Magazin«, das vor allen Dingen vom weiblichen Publikum, das Klatsch und Tratsch über die Prominenz goûtiert, gelesen wird (die übrigen schauen beim Arzt- und Friseurbesuch rein), hat da gänzlich andere Erfahrungen mit der Meinungsbildung gemacht, wie sie in ihrem Editorial vom 31.3.2010 kundtat:

»In Internetforen tauschen sich vor allem Frauen über die Frage aus, ob Kachelmann ein Täter oder das Opfer einer rachsüchtigen Freundin ist.

Ich gebe zu, dass auch ich in dieser Frage ratlos bin. Auf dem Bildschirm wirkte Kachelmann immer so harmlos. Aber was heißt das schon? Wer weiß, welche zerstörerischen Kräfte ausgerechnet in einem Menschen schlummern, dem man am meisten vertraut? Was mich jedoch irritiert, ist die Gehässigkeit, mit der viele Frauen über die junge Frau urteilen, die ihn wegen sexueller Gewalt angezeigt hat. Ohne die Details zu kennen, haben sie ihr Urteil schon gefällt: Die Ex-Freundin hat aus enttäuschter Liebe entweder mit der Vergewaltigung übertrieben oder sie überhaupt erfunden.

Warum Frauen in diesem Fall so wenig solidarisch sind? Ich habe eine kühne Vermutung! Frauen wissen, wie überlegen sie in Auseinandersetzungen mit Männern sein können – sofern sie es nicht mit notorischen Alkoholikern oder gefährlichen Schlägern zu tun haben. Das liegt an ihrem genetisch verankerten empathischen Talent. Sie können mit Worten oft geschickter umgehen und so Eskalation vermeiden. Frauen wissen aber auch, wozu eine wütende und verletzte Frau fähig sein kann. Im Zweifelsfall zerstört sie die Existenz des Mannes, den sie mal so geliebt hat.

Was im Fall Kachelmann gelaufen ist, weiß noch niemand. Ich fühle auf jeden Fall für beide, für ihn und für sie. Denn durch diese unglückselige Geschichte ist sein Leben genauso unwiderruflich zerstört wie das ihre.«

Diese neutrale Haltung einer schicken Betroffenheit, wie er sich für ein Klatsch-Blatt gehört, wird Frau Riekel sehr bald aufgeben, je süffiger die Details sind, die so durchsickern. Und als dann Ende April 2010 der Scoop da ist, eine (an)klagende Ex-Geliebte, die sich augenscheinlich sehr gerne zum Covergirl adeln läßt (frische Korkenzieherlöckchen, perfekt gezupfte Augenbrauen, Mater-Dolorosa-Lächeln im Fotoshop-geglätteten Antlitz), da stößt sie in ein ganz anderes Horn. Auflage! Auflage! Auflage! Im Zweifel fühlt man dann nicht mehr, jedenfalls nicht mehr für beide. Schließlich wurde viel Geld bezahlt für diesen Exklusiv-Auftritt.

Von solchen kommerziellen Erwägungen ist Alice Schwarzer frei. Was die Sache allerdings nicht besser macht. Denn sowohl Kommerz als auch Ideologie leben von einer Verzerrung der Wirklichkeit, die sie sich nutzbar machen. Manchmal, in sehr schwarzen Stunden, ist mir die kommerzielle Simplifizierung fast lieber als die ideologische: sie ist geradezu ehrlich in ihrer Durchschaubarkeit.

Wie dagegen schließt Alice Schwarzer ihren Beitrag?

»Es geht also im Fall Kachelmann – unabhängig von der trotz aller Verfahrenheit vielleicht doch noch zu klärenden Schuldfrage – auch um die Frage, ob eine von ihrem Ehemann oder Freund vergewaltigte Frau überhaupt das Recht hat, sich zu wehren.«

Dieser Satz wiederum ist nicht so leicht durchschaubar. Jede vergewaltigte Frau hat fraglos das Recht, sich gegen den Täter zu wehren. Um dieses Recht kann es im Fall Kachelmann schon deshalb nicht gehen, weil gegen ihn Anzeige erstattet worden ist, von dem bestehenden Recht also Gebrauch gemacht wurde. Was Alice Schwarzer meint, die Hoffnung auf eine »zu klärende Schuldfrage« trotz »Verfahrenheit« ausdrückend: Im Fall Kachelmann darf es zu keinem Freispruch kommen, weil dadurch Opfer von Vergewaltigungen abgehalten werden, den Täter anzuzeigen. Kurz: die justizförmig feststellbare Wahrheit im konkreten Fall ist zweitrangig, ausschlaggebend ist das Signal, das von einem freisprechenden Urteil ausgehen könnte. Sie selbst beurteilt die juristische Lage nämlich durchaus pragmatisch so:

»Auch das Urteil im Fall Kachelmann wird darum vermutlich keine allerletzte Gewissheit bringen können, zumindest nicht, solange Aussage gegen Aussage steht. [...] Der Fall Kachelmann wird also leider auch mit dem Urteil vermutlich nicht abgeschlossen sein. Und er weist schon jetzt weit darüber hinaus.«

Wenn Aussage gegen Aussage steht, und der Aussage der Belastungszeugin kein höherer Beweiswert zuzumessen ist als der des Angeklagten, wird freigesprochen werden müssen. Das sieht sie richtig. Dieses Ergebnis aber darf »wegen des Rechtes, sich zu wehren« nicht herauskommen.

Menschen, die wegen eines Prinzips die Einzelfallgerechtigkeit opfern, sind mir geradezu unheimlich. Zu Ende gedacht, führt dieser Weg umstandslos in die Barbarei.

Alice Schwarzer und die Bunte

Noch unfroher stimmt der Befund, daß sie den Fall Kachelmann lediglich benutzt, um sich selbst noch einmal in die Medien zu bringen. Jeder Bettgenosse ist ihr recht. Ihre Kritikerin und Antipodin Patricia Riekel, Chefredakteurin der Bunte: schon vergessen, wie Frau Riekel das Desaster des gescheiterten Versuchs, im Jahr 2008 eine jüngere Frau, eine Mutter, eine nicht verbissene Feministin, Lisa Ortgies nämlich, als Emma-Chefredakteurin unter Alice Schwarzer zu installieren, kommentierte?

»"Alice Schwarzer ist so gern Chef, dass ich mich gewundert habe, warum sie die Leitung überhaupt abgibt", sagt "Bunte"-Chefin Patricia Riekel. Sie werfe einen "übergroßen Schatten". [...] Ob der Generationswechsel doch noch gelingen kann? "Bunte"-Chefin Riekel ist skeptisch: "Emma steht für eine Form von Feminismus, die man eigentlich nicht modernisieren kann. Wenn es eine Chance gäbe, dann nur, wenn sich der Geist der Gründerin verflüchtigt. Aber dann verliert 'Emma' auch ihren Charme."«

Vergeben und vergessen. Die Bunte hat nun mal mehr Auflage als die Emma. Schwarzer begibt sich also am 5.8.2010 in die Niederungen der Bunte, wo unter dem Titel-Slogan: ›Jörg Kachelmann. So leiden jetzt seine Ex-Freundinnen‹ erneut anonyme Heckenschützinnen das Wort gegen den leider wieder frei herumlaufenden Ex ergreifen dürfen. Denn seit dem 29.4.2010 ist es mit der Ratlosigkeit von Patricia Riekel vorbei. Ihr Mantel flattert nun auflagesteigernd im Wind des Zeitgeistes, wie ihr Editorial klarmacht:

»„Solche Männer haben etwas gemeinsam“, schreibt die Psychologin Julia Onken in der „Weltwoche“, „sie sind nicht in der Lage, in ihrem intimsten Bereich Farbe zu bekennen.“ Auf der einen Seite hätte man es mit einer kompetenten Berufsperson, auf der anderen Seite mit einem in seiner Entwicklung zurückgebliebenen Kind zu tun. Das klingt mir fast zu verständnisvoll. Denn das Interview mit dem Opfer von Jörg Kachelmann zeigt, wie brutal er in seinem Egoismus war. Ein moderner König Blaubart, der Frauen nicht umbrachte, aber ihren Seelen Gewalt antat.«

Und daher ist jetzt sogar Alice Schwarzer, Fachanwältin für die Frau als Opfer, per Interview gern gesehener Gast. Sie sitzt nun allerdings in einem schrill eingerichteten Wohnzimmer, in dem neben verkitschten Schmerzensfrauen auch die fiesen Luder Platz nehmen dürfen: auf S.41 derselben Bunte-Ausgabe schreibt Eva Kohlrusch über Liliana Matthäus und Oksana, die Ex von Mel Gibson: »Was bringt Frauen dazu, einen ehemals geliebten Partner öffentlich bloßzustellen, noch das intimste Detail nach außen zu kippen und sich ohne jeden Filter in eine Geständnis-Bulimie zu stürzen, geradezu süchtig nach Aufmerksamkeit? Um Rache könnte es gehen. Oder nur um Selbstüberschätzung.« Wie schön, daß es die Bunte gibt, die die unübersichtliche Welt für die geneigte Leserin so klar einteilt: hier die seelisch mißbrauchten Frauen des Blaubarts Kachelmann, und dort die »Karrierejägerin Liliana« sowie die »Liebesverrat« verübende Oksana. Seelenstrip sells.

In dieser Umgebung bleibt es nicht aus, daß Alice Schwarzer das Niveau ihres Blogbeitrags sogar noch unterschreiten muß.

»Sie [das mutmaßliche Kachelmann-Opfer] war allerdings schlecht beraten, an einigen, wenn auch eigentlich nebensächlichen Punkten zu schwindeln. Eine Frau, die Sexualgewalt anzeigt, muss wissen: Ich werde auf Herz und Nieren geprüft und durchleuchtet werden. Meine Darstellung muss unerschütterbar sein.«

Für den Interpunktionsfehler kann sie nichts, sowas muß man als Kollateralschaden verbuchen, wenn man sich der Klatschpresse anvertraut. »Nebensächliche Punkte«, »schwindeln« (klingt schon mal viel viel harmloser als ›lügen‹). Das Oberlandesgericht Karlsruhe existiert weiterhin nicht. Und die Hauptsache ist sowieso, daß die Geschichte unerschütterbar ist. Ob sie stimmt, ist sekundär. Auf die Performance kommt es heutzutage an.

»Es gibt genug Staatsanwälte und Richter, die inzwischen auch die Opfer ernst nehmen, wie der zuständige Staatsanwalt in Mannheim. Aber es gibt natürlich immer noch solche, die heimliche Komplizen der Täter sind.«

Die Lage ist nämlich so: der anklagende Staatsanwalt war opfer-empathisch und guten Glaubens, weshalb das ohnehin überflüssige Glaubwürdigkeitsgutachten nicht abgewartet werden mußte, bevor Anklage erhoben wurde, und die Richter des dritten Strafsenats in Karlsruhe waren Komplizen mit heimlichen Vergewaltigungswünschen, die folgerichtig täter-empathisch agierten. Da werden die drei Herren die einzige Dame des Senats überstimmt haben... So kann, nein, so muß es gewesen sein. Die Welt ist wieder in übersichtlicher Ordnung und Alice Schwarzer mit sich im Reinen.

»Denn wie auch immer der Prozess ausgehen wird: Beide kommen beschädigt da raus. Selbst wenn Kachelmann freigesprochen würde, könnte das kein Freispruch erster Klasse sein, sondern maximal ein „Im Zweifel für den Angeklagten“. Und selbst wenn Kachelmann verurteilt würde, ist das Opfer mit zum Teil nicht tatrelevanten Informationen in den Schmutz gezogen worden.«

Juristisch gibt es keinen Freispruch erster und zweiter Klasse. Ein Tatvorwurf muß in einer Art und Weise bewiesen werden, daß an der Schuld ein vernünftiger Zweifel nicht mehr besteht. Gelingt das nicht, wird freigesprochen. Die Erörterung einer ›erwiesenen Unschuld‹ ist nur dann angezeigt, wenn die Beweislage dramatisch kippt. Ob das geschehen wird (auszuschließen ist gar nichts bei dieser hochkomplexen emotionalen Gemengelage), bleibt abzuwarten. Die nicht tatrelevanten Informationen, die das nun nicht mehr mutmaßliche Opfer in den Schmutz ziehen, sind dieselben, die den Angeklagten laut Schwarzer nicht in den Schmutz ziehen, sondern zur Sache gehören: nämlich die über das gemeinsame Ausleben einer sado-masochistisch geprägten Sexualität, die die elfjährige Beziehung überhaupt erst tragfähig machte. Und dazu gehören nun mal zwei.

Zu Gisela Friedrichsen:

»Ich denke, bei solchen Frauen handelt es sich um die psychologisch sogenannte Identifikation mit dem Täter, also das opportunisische Sich-auf-die-Seite-des-Stärkeren-Schlagen – um auf keinen Fall zu den schwächeren Opfern zu gehören.«

Friedrichsen steht auf Seiten der Justiz-Opfer, ganz unabhängig vom Geschlecht. Im Fall ›Pascal‹ beispielsweise, dem sie sich intensiv gewidmet hat, waren Männer und Frauen zu Unrecht inhaftiert und angeklagt worden. Im Spiegel 34/2010 vom 23.8.2010 rückt ihre Prozeßberichterstattung das Bild von Nadja Benaissa gerade, die zuvor Opfer einer gnadenlosen medialen Hetzkampagne geworden war. Einerseits ist für Alice Schwarzer die Psychologie im Zweifel – nämlich dann, wenn ihr die Ergebnisse nicht passen –, keine Wissenschaft, (»Gutachter sagen ja auch nur ihre Meinung«, behauptet sie gleich darauf), andererseits eignet sie sich aber als Beleidigungs-Waffe; insbesondere in Gestalt der Küchenpsychologie, als deren Anhängerin sie sich hier und gleich danach outet. Denn wie, so lautet die nächste Frage, ließe sich im Fall Kachelmann die Behauptung entkräften, es gehe dem mutmaßlichen Opfer einzig um Rache?

»Mir ist aufgefallen, dass die Klägerin [nicht eimal die simpelsten Sachen kriegt sie hin: Anzeigenerstatterin, Zeugin oder Nebenklägerin: ist das denn so schwierig? Geklagt wird in Zivilverfahren!] direkt bei der ersten Vernehmung bei der Polizei ausgesagt hat, sie hätte sich nach der angeblichen Tat eigenartig verhalten: Sie habe aufgeräumt, gestaubsaugt, ihre CDs nach dem ABC geordnet. Das aber ist ein klassisches Verhalten für durch Sexualgewalt Traumatisierte: wenigstens eine äußere Ordnung schaffen, wenn das Innere schon im Chaos versinkt. Dass diese Verhaltensweise so typisch ist, konnte die Klägerin nicht wissen.«

Nicht einmal in dem Bereich, in dem sie sich doch auskennen müßte, kennt sie sich aus. Jedes Merkblatt jeder Frauenberatungsstelle stellt klar, daß es gerade kein typisches Verhalten nach einer Vergewaltigung gibt. Wenn es überhaupt ein Verhalten gibt, daß jedenfalls, sehr nachvollziehbar, eine Vielzahl von Vergewaltigungsopfern verbindet, dann das Bedürfnis nach einer Dusche, um sich wieder reinzuwaschen, sich von Geruch und Sperma des Täters zu befreien – wovor jede Beratungsstelle wegen der damit einhergehenden Spurenvernichtung warnt. Dieses Bedürfnis hatte die Anzeigenerstatterin nicht, worauf Friedrichsen in der ›Anne Will‹-Sendung hinweisen wollte, als Alice Schwarzer dieses hier ebenfalls wieder als untrüglichen Tat-Beweis dargestellte Verhalten ins Feld führte. Aber Alice Schwarzer zieht es vor, selbst zu unterbrechen: sie ließ sich nicht unterbrechen.

Falsch ist überdies der Schluß von einem berichteten Verhalten auf ein vorangegangenes Ereignis. Das Leben bereitet nur allzuviele existenzielle Katastrophen: Eine Todesnachricht. Die Diagnose, daß man an Krebs erkrankt sei. Ein Polizeibeamter steht vor der Tür und sagt, daß die fünfjährige Tochter einen Unfall erlitten habe und im Krankenhaus liege. Das jähe und trostlose Ende einer Beziehung, die über Jahre der essentielle Lebensinhalt war. Die plötzliche Festnahme und Inhaftierung eines Unschuldigen. Undundund. Typische Reaktionen auf derlei die eigene Lebensgewißheit erschütternde Ereignisse gibt es nicht. Aber oft genug sind sie absurd, ›unangemessen‹, banal.

Bloße Behauptungen sind übrigens die beweisverstärkenden Hinweise, daß das berichtete Aufräumverhalten bereits in der Erstvernehmung zur Sprache kam und daß sich die Aneigenerstatterin vor der Aussage, in der dieser Bericht erstattet wurde, nicht über das Thema informiert habe. Alice Schwarzer hat so wenig Akteneinsicht wie ich, und den vorliegenden Publikationen lassen sich derartige Unterstellungen nicht entnehmen. Zu lesen war vielmehr Folgendes: »Am 21. März hatte sich die Frau aus dem Internet ein Merkblatt für Vergewaltigungsopfer heruntergeladen.«

Am 30. März fand die dritte polizeiliche Vernehmung statt, in der sie mit ersten Erkenntnissen aus der Untersuchung ihres am 26.3.2010 sichergestellten Laptops konfrontiert wurde. Aber wenn es der Beweisführung dient, darf man schon mal freihändig konfabulieren.

Geradezu unterirdisch geht das von Tanja May geführte Interview zu Ende. May hat fleißig recherchiert, nämlich in Alice Schwarzers Publikationen, und stellt demzufolge die falsche Frage: »Vergewaltigung in der Ehe/Beziehung ist erst seit 1997 vom Gesetz her strafbar. Wie viele Frauen werden jedes Jahr Opfer häuslicher Gewalt?«

Schwarzer: »Die internationalen Statistiken sagen uns, dass jede zweite bis dritte Frau Erfahrung mit häuslicher Gewalt hat.«

Nun traue ich keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe. Und das Wörtchen »international« läßt befürchten, daß hier auch Elendsgebiete, Schurkenstaaten und bürgerkriegsgeplagte Zonen einbezogen waren, in denen auch jeder zweite bis dritte Mann und jedes zweite bis dritte Kind Erfahrung mit häuslicher Gewalt bekunden dürften, wenn man sie denn befragte. Aber immerhin räumt Alice Schwarzer eine in der Frage mitgelieferte Insinuation beiseite.

»Das [nämlich die häusliche Gewalt] geht nicht immer bis zur Vergewaltigung.«

Kaum atmet man auf (»nicht immer«! Da ist also noch Raum für die Hoffnung auf zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit!), versetzt sie den ultimativen Tiefschlag:

»Doch das Fatale ist, dass in Zeiten der Pornografie für zunehmend viele Männer schon die reine Gewalt sexualisiert ist.«

Das wäre ja...! Bereits ein Schubsen, ein Durchrütteln, eine Ohrfeige (jedenfalls, wenn vom Mann gegen die Frau ausgeübt und nicht umgekehrt, und auch nicht, wenn als mütterliche ›Erziehungsmaßnahme‹ eingesetzt) ist »in Zeiten der Pornografie« (darauf, ob der Gewalttäter sich sowas schon mal angesehen hat, kommt es gar nicht an, Pornographie lauert immer und überall und nistet sich subkutan ein) also schon ein sexueller Übergriff.

Ich nehme den Vorwurf zurück, daß Alice Schwarzer sich seit den seligen ›Kleiner-Unterschied‹- Zeiten nicht fortentwickelt habe. Hier ist doch eine Sensibilisierung fürs Thema zu besichtigen, die seit dem mehrfachen Scheitern ihrer ›PorNO‹- Kampagne aus dem Jahr 1987 unverächtliche Fortschritte gemacht hat.

Das falsche Opfer

Bedenkt man, welchen Inhalt ihre gut zwanzigjährigen fruchtlosen Bemühungen um eine abermalige Verschärfung des Pornographie-Paragraphen hat, wird überdeutlich, welche inneren Hemmschwellen Schwarzer überwinden mußte, um sich öffentlich für das mutmaßliche Opfer starkzumachen. Die gelungene Überwindung erhellt zugleich, daß ›der Fall Kachelmann‹ lediglich die Bühne ist, auf der ein mangels Zuspruch abgesetztes Stück, das bereits Patina angesetzt hat, dann doch noch zum Kassenmagneten werden soll.

Vertrauen wir ausnahmsweise allein ›Wikipedia‹:

»Das Thema der PorNO-Kampagne wird regelmäßig wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. Alice Schwarzer kritisiert insbesondere die Vermischung von Sexualität mit Gewalt, da sie „die Frauen und die Sexualität kaputt“ mache. Sie lehnt daher sadomasochistische Praktiken generell ab und bestreitet deren Legitimität. Ihre bekannteste Aussage in diesem Zusammenhang wurde erstmals in Emma, Heft 2, 1991 veröffentlicht:

„Die Propagierung des weiblichen Masochismus durch Männer ist ein Angriff, durch Frauen ist es Kollaboration mit dem Feind.“

Wenn schon die Propagierung weiblichen Masochismus’ durch Frauen ein Kriegsverbrechen ist, was ist dann erst das lustvolle Ausleben des weiblichen Masochismus?

»Anfangs denkt sie noch, sie solle Kachelmann schlagen, er suche eine Domina. Dann stellt sie fest: Umgekehrt ist es, er will sie „züchtigen“. Sie wird später sagen, sie sei ja experimentierfreudig. Und – der Sex sei toll gewesen.« [Stern Nr. 31/2010, 29.7.2010, S.58]

Das mutmaßliche Opfer gehört also nicht nur zu der »auch gut!«-Fraktion, die von der Penetration trotz jahrzehntelanger Belehrung einfach nicht lassen will, sondern genießt sogar eine Spielart von Sexualität, die für Schwarzer nicht legitim ist. Wieviele Bedenken mußte sie wohl beiseiteschieben, um für diese Verräterin an der Sache einzutreten? Offenbar spricht sie der Anzeigenerstatterin die Kompetenz ab, eine eigenständige Wahl in sexualibus zu treffen, und um Lust kann und darf es bei einem so eminent politisch-symbolischen Thema wie Sexualität ja ohnehin nicht gehen. Die ist kein Kriterium für eine abstrakte »Legitimität«.

Wenn die »Arme« also elf Jahre lang falsch praktiziert und falsche Freuden erlebt hat, kann sie nur ein Opfer des Mannes sein, denn sonst hätte sie, bei korrekt geleiteter Experimentierfreude, doch die Domina-Rolle ergriffen. Falsch gedacht: auch wenn die Domina den Mann unterwirft, ist und bleibt sie Opfer von dessen Gelüsten: denn der will ja gerade von ihr unterworfen und gezüchtigt werden. Da nimmt man Schaden an der Seele, wenn man sich in so unheimliche Männer-Wünsche einfühlen muß. Nachzulesen in einem Gespräch, das Alice Schwarzer 1988 mit der Prostituierten Domenica führte:

»Du hast den Ruf einer Domina. Aber bist du im klassischen Sinn ja gar nicht. In Wahrheit bist du eher der Typ "energische Frau'', du quälst die Männer doch nicht, oder?

Also, ich quäle auch ganz gerne. Aber nur seelisch. Durch mein äußeres, die strenge Frisur und so, provoziere ich bei den Männern meistens die Phantasie, dominiert, bestimmt zu werden. Als Tante, Mutter oder Lehrerin. Ich soll dem Mann befehlen, was er zu machen hat. Ich befehle ihm zum Beispiel, meine Stiefel zu küssen. Er muß um alles betteln. Er darf mich nicht einfach so anfassen – ich muß ihm das erlauben. So gesehen arbeite ich ganz gerne mit Masochisten. Ich mache nur nichts, was mit Blut zusammenhängt oder wehtut. Was ich für mich nicht will, mache ich auch nicht mit anderen.

Eine Kollegin von dir hat mal gesagt: Masochistische Ehemänner lassen deshalb ihre Phantasien nicht bei den eigenen Frauen raus, weil sie derselben Frau dann nicht fünf Minuten später befehlen können: Deck jetzt mal den Tisch!

Klar. Für 'ne Stunde ist das ja mal ganz schön, aber ansonsten wollen die doch der Mann bleiben. Ich mache ja auch nur das, was die Männer eigentlich wollen. Die bezahlen mich doch dafür. Das heißt, ich spiele ihre Wünsche. Die Männer sind also die wahren Herren der Situation.

Auf den ersten Blick scheint diese Variante der Prostitution leichter für die Frauen. Auf den zweiten aber frage ich mich, ob das aktive Sich-Reindenken in die Männer nicht in Wahrheit härter ist als ein passives Die-Beine-breit- machen? Das faßt zwar nicht den Körper an, aber die Seele.

Man muß schon sehr einfallsreich und sehr einfühlsam sein.«

Womit klargestellt ist: aus ihrer Opferrolle kommen Frauen einfach nicht heraus, da können sie machen, was sie wollen. Während selbst der unterworfene und gezüchtigte Mann per Inszenierung die Kontrolle behält, weil ihm die Rolle Lust verschafft und neue Energie, um alsbald wieder in traditioneller Art und Weise die Ehefrau herumscheuchen zu können, ist und bleibt die inszenatorisch unterworfene Frau die unterjochte Frau, die sie auch außerhalb des Bettes ist.

Eine Gedankenführung von bestechender Schlicht- und Klarheit, die so manches Hemmnis aus dem Weg räumt. Und so konnte Alice Schwarzer, nachdem das falsche Opfer dann doch noch zum richtigen mutiert war, schon am 2.8.2010 Jörg Kachelmann beherzt zurufen:

»Es ist richtig, Kollege Kachelmann, dass ich Sie eigentlich immer geschätzt habe – und dasselbe gilt für die ganze Emma-Redaktion. Ihnen ist vielleicht auch aufgefallen, dass Emma sich bisher zurückgehalten hat im Fall Kachelmann. In der aktuellen Emma steht nur eine kleine Meldung, in der wir Ihnen den Rat geben: „Sollte der Vorwurf stimmen, verteidigen Sie sich nicht auch noch auf Kosten des Opfers.“ Nun, entweder der Vorwurf stimmt nicht – oder Sie verteidigen sich auf Kosten des Opfers. Und wie.

Vielleicht geht Ihnen aufgrund Ihrer Sexualpraktiken aber auch alles durcheinander. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall Nein sagt, sondern Ernst.

Und übrigens: Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann. Leider.«

Wer inszeniert (und in diesen speziellen Settings bedeutet ein Nein regelmäßig kein Nein, ein echtes Nein wird durch ein vorher vereinbartes Codewort übermittelt), der verwechselt einverständliches Rollenspiel im Zweifel mit der Wirklichkeit und wird zum Vergewaltiger. Denn Nett-Sein zähmt das allzeit sprungbereite Raubtier im Manne nicht, sondern ist nur eine täuschende Maske.

Daß Alice Schwarzer so unverhohlen verächtlich auf eine angeblich von Jörg Kachelmann stammende private Mail vom 1.8.2010 reagiert, ist eine Sache. Eine andere ist die, daß sie aus der privaten Mail mit dem Absender »jk« freimütig zitiert: ihr Rechtsverständnis darüber, was ›die Presse‹ veröffentlichen darf, legt sie ebenso freimütig dar: »Doch kommen wir zur Post von Kachelmann. Denn die ist keine Privatsache, sondern aufschlussreich.«

Woraus man den Schluß zu ziehen hat, daß sich private Mails oder Briefe durch inhaltliche Nichtigkeit auszeichnen, während Erhellendes, wie auch immer es erlangt wurde, umstandslos in den öffentlichen Raum verbracht werden darf und soll. Damit hat sie das deutsche Presserecht zweifellos um eine originelle Auslegung bereichert und den Presse-Codex gar revolutioniert.

Unabhängig von der Absurdität ihres Maßstabes: warum hält sie sich dann nicht an ihn, sondern trägt ihre inhaltlichen Nichtigkeiten zum ›Fall Kachelmann‹, die lediglich Aufgewärmtes aus den vierzig Jahren ihrer propagandistischen Tätigkeit offerieren, per Blog, Fernsehauftritt und Zeitungsinterview in die Öffentlichkeit?

Sie spricht nicht für das mutmaßliche Opfer. Sie spricht nicht für ›die Frauen‹. Sie spricht von und über sich selbst. Das eigene Selbst nicht wichtig zu nehmen, ist fatal. Es zu überschätzen, lächerlich. Es aus dem Wunsch nach Publizität mit einer Sache zu verknüpfen, die weitaus komplexer ist als die eigene Schwarz-Weiß-Sicht, könnte sich als GAU für die eigene Reputation herausstellen.

Vielleicht war es ja wirklich ihr Schwanengesang. Andererseits soll der ja besonders schön ausfallen. Und schön ist der hier nicht. Aber immerhin authentisch.

(24.8.2010)

.....und jetzt zu Teil II

 
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