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»Soziale Rendite«


Eine Story und ihre Geschichte

Am Anfang des Erfindens stehen oft Anfragen, die inspirieren. Handwerkliche Herausforderungen reizen mich besonders: eine Geschichte in tausend Zeichen. In tausend Worten. Ein Kurzkrimi mit dem zuvor noch nicht bedachten Thema Schule, Tiere, Gärten, das Meer, die bedrohliche Großstadt. Gut honorierte achtzig Zeilen à zweiundfünfzig Zeichen für die Kundenzeitschrift eines Finanzdienstleisters. Ein Mini-Krimi über Geld sollte es sein, spannend schon, aber nix mit Anlagebetrug und so. Kunden wollen unterhalten und nicht verstört werden. So entstand meine Geschichte ›Soziale Rendite‹ über eine Anlageform, die eine Gesellschaft kennzeichnet, in der die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer: die wohltätige Stiftung. Finanzprofis und Expertenbeiräte speisen das überflüssige Geld der Reichen in kulturelle, wissenschaftliche und soziale Projekte, aus deren Finanzierung sich der Staat zurückgezogen hat. Die soziale Rendite der Geldgeber besteht in Hochglanzprospekten und dem guten Gewissen, das sich angesichts strahlender Kinderaugen, genesener Schwerkranker und engagiert fiedelnder Orchester unschwer einzustellen pflegt. Meine kleine Story sei den Kunden nicht zumutbar, hieß es: Literatur bewegt also doch?! Sie erschien dann später in meiner Heimatzeitung, ironischerweise als Beitrag einer lokalen Initiative zum Internationalen Frauentag, die mich um einen Text gebeten hatte. Natürlich wurde er nicht honoriert, Frauen freuen sich ja schon, wenn sie mal ganz unabhängig eine ganze Zeitungsseite gestalten dürfen... So diente die Geschichte letztlich dann auch dem guten Zweck und erbrachte soziale Rendite. Die Geschichten um eine Geschichte sind oft das Beste.

»Soziale Rendite«
Genehmigt. Dr. Ludwig 10.2.05 Ein Chaot, dieser Dr. L. Erst genehmigt er einem das Exposé und dann pappt er diesen gelben Post-it-Zettel dran. Das ist ja wohl eine Nummer zu klein für uns. Rücksprache erbeten. Was ihm wohl durch den wirren Kopf geschossen sein mag? Die Szene, wie er vor dem Beirat das Projekt vorstellt und dabei ins Stottern gerät? Wie er sich vor der versammelten Prominenz aus Wissenschaft, Kultur und Politik zu einer Null degradiert, nur weil er keine Ahnung hat von Hip-Hop, Breakdance, Kun-Tai-Ko? Wie sollte dieser alte dürre nervöse Knacker derlei fremdartige Dinge auch überzeugend präsentieren können? Sascha riß den gelben Zettel ab, zerknüllte ihn und warf ihn in den Papierkorb. Hätte er den Geldbedarf des Streetkid-Vereins mit 30.000,- statt mit 15.000,- angesetzt, wäre das nicht passiert. Aber Maria war eben zu bescheiden. Maria... Als er sie das erste Mal gesehen hatte in ihrem blauen Gymnastikanzug, straff, federnd, energisch, ein Wirbelwind, der die schlaffen Jungs mit dem gefährlichen Glitzern in den Augen förmlich mitriß, hatte es ihn erwischt. Wie sie die zeitlupenhaften Macho-Posen der kleinen Paschas beschleunigte. Die leeren Gesichter zu Ausdruck zwang. Tanz und Kampfsport als Weg zum Ziel. Er hatte ihr sofort von seinem Job erzählt, Finanzdienstleister, abgestiegen als Hexenmeister der Hedgefonds in die Niederungen der Stiftungsabteilung, die Anlegern soziale Rendite und ein gutes Gewissen versprach. Nun ja, er war fünfunddreißig und ausgebrannt. Zu fett und zu lahm geworden. Meine ABM läuft im nächsten Monat aus, hatte Maria gemurmelt. Und hoffnungsvoll strahlende Augen auf ihn gerichtet, wie zwei Scheinwerfer, die ein Leben erhellen können. Drei Tage hatte er an dem Exposé gearbeitet, Fotos eingescannt, begeisterte Kommentare vom Bezirksbürgermeister, von der Polizei und vom Jugendamt eingeholt. Ludwig kapierte einfach nicht, welch magische Kräfte Maria ausübte. Eine Zauberin. Sie forderte Leistung. Und unterwarf JEDEN.

Freitag, der 11.2., fünfzehn Uhr. Ein ödes Wochenende dehnte sich vor ihm aus. Kühlschrank füllen und Kühlschrank leeren, ein paar Chats im Internet, Abhängen in seinem Club um die Ecke. Denn so konnte er Maria nicht unter die Augen treten, nicht mit leeren Händen. Er wartete, bis Dr. Ludwig nebenan sein Büro abschloß und zu den Aufzügen ging. Sascha ließ alles stehen und liegen, spurtete zum Treppenhaus, rannte die Treppen hinunter. Unten atmete er schwer. Er war wirklich zu fett geworden. Aber das würde Maria ändern. An der Drehtür stieß er wie zufällig mit Ludwig zusammen. Wie ein verschrecktes Huhn reagierte dieser Dr. L., zuckte zusammen, stammelte sinnloses Zeug, und über seinem verzerrten Mund flackerte ein Blick, der Angst verriet. Gelbe Zettel waren eine Sache. Die direkte Konfrontation eine andere. Sascha dachte an Maria, und plötzlich wurde ihm klar, daß Ludwig als Gegner nicht ernstzunehmen war.

»Ach, wegen der Rücksprache«, sagte er betont ruhig und kontrollierte seinen Atem. »Ich würde sie gerne gleich jetzt wahrnehmen. Wenn Sie mitkommen wollen? Es sind nur ein paar Schritte. In zwanzig Minuten findet dort ein Workshop statt. Den sollten Sie sehen.« Sie standen am Rand der Fahrbahn. Dichter Verkehr. Ludwig trat von einem Bein auf das andere, murmelte was von »eigentlich keine Zeit«. Ein kleiner Stoß würde reichen, eine kleine Bewegung, so, als ob er, Sascha, losgehen wolle...

Dann stand er im Flur des Vereinsgebäudes und traute seinen Augen nicht. Maria in den Armen einer großen dunklen Frau. Ein langer Kuß. Maria, die sich umdreht und ihn mit einem Lächeln begrüßt.

»Ilona, Liebste, darf ich Dir unseren Retter vorstellen? Sascha von der Maxima-Invest. Wie ist es gelaufen?« Die reine engelhafte Unschuld. Und er mit Blut an den Händen.

»Beim Chef ist es durch«, sagte er. Sie fiel ihm um den Hals, schluchzte fast vor Freude. Ilonas Mundwinkel hoben sich um Millimeter, ihre Augen blieben kalt. Zu viel investiert. Minimale soziale Rendite. Er war wirklich nicht mehr in Form.

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