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Alice Schwarzer und der Fall Jörg Kachelmann

Zwischenbilanz I



von Gabriele Wolff

Bereits am 3.9.2010 verkündete Alice Schwarzer in ihrem Blog unter: ›Der Fall Kachelmann, Nr. 5‹:

»Ich werde in Mannheim dabei sein und einige der Verhandlungen im Saal 1 des Landgerichtes mitverfolgen. Denn manchmal muss man etwas selber erleben und darf sich nicht nur mit Informationen aus zweiter Hand begnügen. Vom ersten Prozesstag an werde ich nicht nur weiter für Emma über den „Fall Kachelmann“ berichten, sondern den Prozess auch in Bild wöchentlich kommentieren.«

Da fiel es einem wie Schuppen von den Augen: die von juristischer Sachkenntnis ungetrübte, aber meinungsfreudige anti-Kachelmann Propaganda Alice Schwarzers von August 2010 hatte also nicht nur der medialen Selbstvermarktung gedient, um die eigene, längst überlebte Sache zu promovieren –: es handelte sich, was das Niveau zumindestens erklärt, um die Produktion von Bewerbungsunterlagen für einen Job bei Bild. Meine allzu menschenfreundliche Unterstellung: »Von solchen kommerziellen Erwägungen [wie die der auf Auflagensteigerung bedachten Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel] ist Alice Schwarzer frei.« bedurfte demnach, wie die Septemberereignisse zeigten, einer deutlichen Revidierung. Ich tue das ungern, aber die Welt ist, wie sie ist, und mit menschenfreundlichen Unterstellungen kommt man ihr, quod erat demonstrandum, nun mal nicht bei.

Wie Alice Schwarzer und Bild zusammenkamen

Alice Schwarzers öffentlichen Bewerbungsunterlagen fielen einem Mann ins Auge, der als Angestellter von Friede Springer weiß, mit wem seine Chefin Freundschaften pflegt, und der zugleich Probleme hatte, geeignete Kräfte für Prozeßberichterstattungen zu akquirieren. Folgende Anzeige vom 09.06.2010 belegt sein Dilemma nur allzu drastisch:

»Stellenbeschreibung Bild Dir Dein Urteil

Interessieren Sie sich für Presserecht?
Fasziniert Sie das Geschehen im Gerichtssaal?
Sind Sie zeitlich flexibel?
Dann sind Sie bei uns richtig:

Bild sucht Hobby-Gerichtsreporter für die Berichterstattung über aktuelle Presserechtsfälle

Was Sie Tun:
Sie verfolgen und protokollieren ein- bis zweimal pro Woche öffentliche Verhandlungen live im Gerichtssaal. Die Ergebnisse schicken Sie an die Bild-Redaktion.

Was Sie Können:
Juristische Grundkenntnisse sind hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Stenografie oder das Beherrschen anderer Protokolltechniken ist ein Muss.
Haben Sie Lust, der Justiz auf die Finger zu schauen?
Dann melden Sie sich!«

Diese Personallücke tat sich ersichtlich nicht nur in Presserechtsfällen, sondern auch in spektakulären strafrechtlichen Fällen auf. Und da fiel der wohlwollend suchende Blick auf Alice Schwarzer, die bekanntlich dank nur noch quartalsmäßig erscheinender Zeitschrift garantiert zeitlich flexibel und auch durchaus als fasziniert vom Geschehen im medialen Gerichtshof zu charakterisieren ist; die über die nicht zwingend notwendigen juristischen Grundkenntnisse hilfreicherweise nicht verfügt, dafür aber die etwas andere Protokolltechnik beherrscht, einen Block nebst Kugelschreiber zu handhaben und stichwortartig das zu notieren, was ihrer richterlichen Überzeugung dienlich ist. Und vielleicht existieren sogar noch rudimentäre Stenographie-Kenntnisse aus den fernen Tagen von Handelsschule und kaufmännischer Lehre? Traumatische Erinnerungen pflegen ja bei entsprechenden Triggern wieder machtvoll in Erscheinung zu treten.

Diesen Qualifikationen tritt zur Seite, daß ihr eine Lust, der Justiz auf die Finger zu schauen, nicht abgesprochen werden kann. Zwar hatte sich die Staatsanwaltschaft Mannheim als prinzipienfest opferempathisch erwiesen und sich sogar von selbst in Auftrag gegebenen Glaubwürdigkeitsgutachten negativen Inhalts darin nicht weiter beirren lassen; auch ließ sich weder etwas gegen den Haftrichter beim Amtsgericht Mannheim einwenden noch gegen die 5. Strafkammer des Landgerichts, die am 1.7.2010 einen dringenden Tatverdacht (Haftfortdauer) wacker bejaht und am 9.7. das Hauptverfahren eröffnet hatte – aber man hat schließlich schon Pferde vor der Apotheke kotzen gesehen, nicht wahr, und wer garantiert dafür, daß der die Untersuchungshaft beendende Beschluß des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 29.7.2010 oder gar die Hauptverhandlung selbst nicht doch tückisch-unterminierende Wirkungen entfalten könnten? Da sammelt man doch lieber Informationen aus erster Hand und sorgt durch Präsenz in der Hauptverhandlung dafür, daß der Anblick einer ›opferorientierten‹ Reporterin dem Gericht seine Verantwortung klarmacht. Denn, so schrieb Schwarzer schließlich schon am 4.8.2010, es gehe bei dem Verfahren letztlich »auch um die Frage, ob eine von ihrem Ehemann oder Freund vergewaltigte Frau überhaupt das Recht hat, sich zu wehren.« Lust hatte sie also schon, und UrteilsBildung ist ihre unleugbare Stärke.

Dies alles muß Kai Diekmann erwogen haben, und darüberhinaus auch die unkomfortable Lage, in der sich sein Verlag befand. Bereits am 11.8. hatte Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker folgende Erklärung veröffentlicht:

»11.08.2010
Kachelmann erfolgreich gegen Bild: Widerspruch von Bild wird am 01.09.2010 zurückgewiesen.
Unsere Kanzlei hat für Jörg Kachelmann in den letzten Monaten fast 20 einstweilige Verfügungen allein gegen Bild (Print und Online) erwirkt. Die Richter der Pressekammer des LG Köln haben in einer mündlichen Verhandlung heute erkennen lassen, dass der Widerspruch der Bild Digital GmbH & Co. KG (bild.de) gegen die einstweilige Verfügung des LG Köln vom 07.04.2010 keine Aussicht auf Erfolg hat.
So kam es dann auch:

»01.09.2010
Sieg gegen Bild
Am 11.08.2010 verkündete der Axel Springer Verlag voreilig eine "Wende im Rechtsstreit mit Jörg Kachelmann". Das "Verbot gegen die Bild.de-Berichterstattung" sei "vom Tisch". Kachelmann habe "einen Rückzieher gemacht".

In unserer Pressemitteilung vom gleichen Tag hatten wir darauf hingewiesen, dass diese Darstellung falsch ist und Bild am 1. September in vollem Umfang unterliegen werde. Genau so ist es gekommen. Das Landgericht Köln hat Kachelmann heute Recht gegeben. Es hat die einstweilige Verfügung aufrecht erhalten, in der es bild.de verboten worden war, Details aus der Ermittlungsakte zu verbreiten, die bild.de aus einem Focus-Bericht entnommen hatte.

Prof. Dr. Ralf Höcker, LL.M.: "Die heutige Entscheidung ist von großer Wichtigkeit für die künftige Berichterstattung über Strafverfahren. Die Vorverurteilung von Beschuldigten in einem Strafverfahren durch Berichte, die detailliert aus der Ermittlungsakte zitieren, ist rechtswidrig."«

Und schon machten Gerüchte über eine drohende Millionenforderung Kachelmanns gegen Springer wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung die Runde. Das ist für den Springer-Verlag zwar kein gänzlich ungewohntes Szenario, aber angesichts der wackeligen Beweislage im Kachelmann-Verfahren Grund genug, ein wenig einzulenken, ohne die Quote aus dem Auge zu verlieren. Da macht es sich im Vorfeld eines erwartbaren Schadensersatzverfahrens gut, die weitere Vorverurteilungskampagne per Outsourcing zu delegieren und als bloßen Gastkommentar ins eigene Bild zu integrieren. Und wer hätte sich mehr dafür geeignet als eine Frau, die aus dem edlen Motiv der Opferhilfe (in der unteren Etage glomm oder loderte vielleicht gar der ehrgeizige Wunsch, wenigstens einmal im Leben die uneinholbar kompetentere Konkurrentin Gisela Friedrichsen zu übertrumpfen) in dieselbe Kerbe schlug, in die Bild aus weniger edlen Motiven von Anfang an geschlagen hatte?

Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung, die in Sachen Kachelmann die vom Gericht als persönlichkeitsverletzend gewerteten Bild-Artikel abgeschrieben hatte, ermannte sich und wurde investigativ tätig. Vielleicht war es sein Begleitartikel vom 29.7.2010 zum Beschluß des OLG Karlsruhe, der mit den Sätzen anhob: »Immer noch belasten viele Indizien Jörg Kachelmann schwer – die Frage von Schuld und Unschuld wird sich vermutlich nicht endgültig klären lassen. Die Entlassung aus der Untersuchungshaft ist kein Freispruch für Jörg Kachelmann.«, in dem es ihm gelungen war, keinen einzigen der Gründe der Karlsruher Entscheidung mitzuteilen, der ihn beschämt zur Einsicht brachte, den Dingen nunmehr aber wirklich auf den Grund zu gehen. Und so lud er am 9.9.2010 den Chefredakteur von Bild, Kai Diekmann, unterstützt durch den Kollegen Marc Felix Serrao, zum medienkritischen Gespräch vor: seitdem wissen wir immerhin, und das ist ja keine Kleinigkeit, wie es zu dieser auf den ersten Blick schockierenden Mésalliance Kai-Alice kam:

SZ: Alice Schwarzer berichtet als Kolumnistin für Bild über den Jörg-Kachelmann-Prozess. Wer ist eigentlich auf diese Idee gekommen und warum?

Diekmann: Ich. Sie ist eine hervorragende Journalistin. Und ich hatte noch etwas gut bei ihr – immerhin hat Emma mich mal zum 'Pascha des Monats' gekürt«.

»Hervorragende Journalistin«. Da ist was dran aus seiner Sicht. Klar, sie paßt ins Bild-Anforderungs-Profil. Denn dem eigenen Blatt geht es wie Emma nicht um Wahrheit, sondern um populistische Betroffenheitsprosa, nur daß die von Diekmann bespielte Population eher männlich, eher wenig gebildet, vom Typus des diffusen underdogs und wesentlich größer als die Schwarzer-Gemeinde ist, während sich die Instinkte, an die appelliert wird, sehr ähneln: Ohnmacht, Wut, Aggression, Neid, Schadenfreude, und dann und wann wird auch einmal das unabweisbare Kitschbedürfnis befriedigt.

Beispielhaft soll hier Alice Schwarzers Kommentar (in Emma 1994/2, S. 34f.) zu einem der zwar nicht gerade seltenen, aber in diesem Fall doch brutal entgleisten, weiblichen Rachefeldzüge angeführt werden (zitiert nach Wikipedia):

»Schwarzer begrüßte die Tat der US-Amerikanerin Lorena Bobbitt, die ihrem schlafenden Mann John den Penis abgetrennt hatte, nachdem dieser sie angeblich betrogen, zu einem Schwangerschaftsabbruch gezwungen und vergewaltigt hatte. Obwohl Lorena Bobbitt einer Verurteilung nur wegen der Annahme geistiger Unzurechnungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt durch die Geschworenen entging, und obwohl ihr Mann später vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde, äußerte Schwarzer:

„Sie hat ihren Mann entwaffnet. (…) Eine hat es getan. Jetzt könnte es jede tun. Der Damm ist gebrochen, Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr. Es kann zurückgeschlagen werden. Oder gestochen. Amerikanische Hausfrauen denken beim Anblick eines Küchenmessers nicht mehr nur ans Petersilie-Hacken. (…) Es bleibt den Opfern gar nichts anderes übrig, als selbst zu handeln. Und da muss ja Frauenfreude aufkommen, wenn eine zurückschlägt. Endlich!“«

Das erreicht fast Bild-Niveau. Fast. Franz Josef Wagner ging nämlich noch einen Schritt weiter (Bobbitts abgetrenntes Geschlechtsteil konnte immerhin wieder angenäht werden) und erwog für mindere mutmaßliche Vergehen Schlimmeres: in seiner ›Post von Wagner‹-Kolumne vom 5.9.2010 («Lieber Jörg Kachelmann«) schrieb er:

»Selbst, wenn Sie freigesprochen werden, bleiben Sie ein Frauen-Belüger, ein Einsames-Herz-Betrüger.Wie vielen Frauen versprachen Sie die Liebe? Treue, Kinder, Glück? Zehn, elf Frauen gleichzeitig. Eine Menge Herzen gingen zu Bruch. [...] Ihre langjährige Freundin lebt mit gebrochenem Herzen, betreut von Psychiatern, in einer Kleinstadt. Sie ist eine 37-jährige Frau, die von der Liebe träumte. Kachelmann ist für mich ein Liebe-Lügner. Ich weiß nicht, welche Strafe es für so einen Mann gibt. Die Kastration?«

In diesem Blatt schreiben eben auch Frauenversteher. Und selbst Paschas sind ja gerne gönnerhaft, wenn sie sich davon etwas versprechen.

Bild wurde und wird mit Akten gefüttert und kann sich daher den Ausgang der Causa Kachelmann denken. Bild mag einen auf blöd machen. Es hieße aber die Macher zu unterschätzen, wenn man sie für genauso blöd hielte wie das Produkt, das sie verantworten. Man honoriert eine Gast-Kommentatorin und läßt sie im Zweifel ins offene Messer laufen, als flankierende Maßnahme sozusagen, während ansonsten eine übergreifende Springer-Strategie gefahren wird.

Die da lautet: superschnelle Live-Ticker Infos über das Gerichtsgeschehen, die an inhaltlicher Relevanz zumindest die geradezu albern neben der Sache liegenden Agentur-Berichte toppen, werden in Bild online geschaltet; eine die Schlicht-Sicht von Schwarzer konterkarierende, stilistisch und inhaltlich sehr feine Psycho-Studie von Thea Dorn, Schwarzers F-Klasse-Konkurrenz, erscheint in der Bild Am Sonntag. Hannelore Crolly schlägt in der Welt durchaus (justiz)kritische Töne an und nimmt eine neutrale Position ein. Die die Nebenklägerin und den ›Club der Teufelinnen‹ der Ex-Geliebten demontierende Enthüllungsstories, teilweise aus noch unbekannten Aktenteilen, werden in verhandlungsfreien Tagen wiederum in Bild placiert. Im Hintergrund dürften schon Rechercheure am Werk sein; schließlich hat die Öffentlichkeit Anspruch darauf, über das Privatleben der Belastungszeugin, das in den 353 Kachelmann-freien Tagen im Jahr stattgefunden hat, informiert zu werden, zumal der Prozeß zum Geheimverfahren zu werden droht und das mediale Loch gefüllt werden muß. Falls der Wind sich endgültig drehen sollte, hat das Feigenblatt Alice Schwarzer ausgedient. Spätestens dann zieht die schadenfrohe Promi-vom-Sockel-Stoßen-Masche nicht mehr beim Publikum, das ohnehin mehrheitlich pro-Kachelmann eingestellt ist. Man wechselt die Pferde mitten im Galopp, und die mit Asteriskus gekennzeichnete und so distanzierend wie entschuldigend als »Herausgeberin der Zeitschrift Emma« (da weiß man zuverlässig, was man an Interpretation von Wirklichkeit zu erwarten hat) vorgestellte Exklusiv-Prozeßbeobachterin Alice Schwarzer wäre stantepede excludiert. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. So das Kalkül, das sich einem für Zynismus empfänglichen Betrachter dieses Trauerspiels nach gut einem Monat der fragilen Kooperation Diekmann/Schwarzer erschließt.

Leider reichte der investigative Mut von Leyendecker & Co. nicht aus, nach der nicht uninteressanten Entlohnung der Hobby-Gerichtsberichterstatterin zu fragen, und auch sonst war Kai Diekmann, sehr sehr unangenehm, kritischer und angriffslustiger als der/die Befrager:

»SZ: Der Boulevardjournalismus ist nicht die gesellschaftliche Mitte.

Diekmann: Das hätten Sie wohl gerne. Alle so genannten Qualitätsmedien sind bunter geworden: Die FAZ widmet der neuen Nase der spanischen Kronprinzessin profunde Analysen, Ihrer Zeitung liegt Britney Spears sehr am Herzen.

SZ: Richtig ist, dass wir stärker als bisher über gesellschaftliche Themen berichten.

Diekmann: Ach ja? Gehört dazu auch 'Wer hat Angst vor Jörg Kachelmann?', neulich im SZ Magazin? Ich las das und dachte nur: Hallo? Wir sind Bild, nicht Ihr!

SZ: Das SZ-Magazin erscheint in eigener redaktioneller Verantwortung und nicht in der Verantwortung der Chefredaktion der SZ. Trotzdem haben Sie in diesem Fall Recht. Die Geschichte war auch bei uns im Haus umstritten.

Diekmann: Das ist ein hübscher Begriff für Grenzüberschreitung: Fünf seiner Ex-Frauen und Kolleginnen berichten über einen der Vergewaltigung verdächtigen Mann – anonym! Na bravo. Nur ein Rat: Wer sich auf das Terrain des Boulevards begibt, muss es beherrschen. Sonst rutscht er aus.«

Wo er recht hat, hat er recht. Anonymer, widersprüchlicher, in keiner Weise prozeßrelevanter Klatsch und Tratsch, dazu noch herausgefiltert aus der mageren Rücklaufquote von fünf zum Plaudern geneigten Umfeld-Damen bei achtzehn angefragten: sowas muß nicht nur sein, sowas darf nicht sein, darf insbesondere nicht in einer Zeitung stattfinden, die einst den Ruf eines Qualitätsblatts genoß...

Wie Alice Schwarzer ihren Job bei Bild rechtfertigt

(1) Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

»Bevor es nun wieder losgeht mit Bild („Wie können Sie nur…“) ein paar Worte dazu. Erstens bin ich grundsätzlich der Meinung, dass rund 12 Millionen Bild-LeserInnen ernstzunehmen sind.« wehrt Alice Schwarzer am 3.9.2010 in ihrem Blog den zu erwartenden Entrüstungssturm ihrer Fan-Gemeinde ab.

»Bevor es nun wieder losgeht mit Bild« – damit spielt Alice Schwarzer auf ihre Werbekampagne für besagtes Presseorgan im Jahr 2007 an («Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht.«), durch die sie nicht wenige Anhängerinnen verprellt hatte. Man erinnert sich ihrer damaligen Verteidigung:

»Verständlich, dass viele glauben, dies sei ohne meine Zustimmung geschehen, denn mein kritisches Verhältnis zu Bild (und deren Wahrheitsgehalt) ist kein Geheimnis. Doch ich habe zugestimmt. Ganz einfach, weil ich finde, dass es nicht schaden kann, wenn in so einer Runde – von Gandhi bis Willy Brandt – auch mal eine Frau auftaucht. Und eine sehr lebendige noch dazu.«

Es war also der Drang nach Nähe zu den Großen Namen, der Wunsch nach Selbsterhöhung, der das kritische Bewußtsein seinerzeit ausgeschaltet hatte, und dieses Erklärungsmuster findet sich auch in der aktuellen Rechtfertigung wieder. Daß man die zwölf Millionen Bild-Leser ernst nehmen müsse, ist ja ein Leersatz aus der Politik: »Ich nehme die Sorgen der Bürger ernst«, sagt man da gern, und der besorgte Bürger hört sogleich den Nachsatz mit: »aber mehr auch nicht«. Bei den zwölf Millionen Menschen, vier pro verkaufter Zeitung, geht es allein um die Quantität. Es ist nun mal erhebender, für ein zwölf Millionen-Publikum bei medialer Aufmerksamkeit wegen dieses Karriereschritts und vorhersehbarer Fernsehpräsenz vor und im Gerichtssaal zu wirken, als vier Mal im Jahr ein Nischenprodukt zu verantworten und ansonsten relativ resonanzlos vor sich hinzubloggen, Preise entgegenzunehmen und sich bei Events sehen zu lassen. Ihre auf Wahrnehmung zielende Attacke vom 8.2.2010 auf Bushido, von ihr zu »Deutschlands Rapper Nr. 1« befördert, was Sido nicht sehr erfreut haben dürfte, hatte kaum mehr als ein müdes, leicht ironisches Rauschen im Blätterwald verursacht. Ein vor dem Karriereende stehender Nicht-Sänger & Nicht-Reimer für auf Krawall gebürstete Teenys, und dazu auch noch ein Nicht-Komponist, wie das einschlägige Plagiatsurteil des Landgerichts Hamburg vom 23.3.2010 kurz danach feststellte, bietet wenig Erregungspotential, selbst wenn ihm die feministischen Leviten in adressatengerechtem Derbdeutsch gelesen werden. Auch der Biopic-Film über ihn, der Bushido kurzfristig der Teilnahme auch des Feuilletons empfahl, half nicht: er floppte. »Fortsetzung folgt, jede Wette«, kommentierte der Spiegel diesen skurrilen Kampf beider Protagonisten um »Aufmerksamkeit«.

Sie folgte. Aus Erfahrung klug geworden, wurde das nächste publizitätsträchtige Objekt aber mit mehr Bedacht ausgewählt. Mehr Anlaß für den Herostratos-Affekt einer Altfeministin als ein wegen Vergewaltigung angeklagter allseits beliebter Wetter-Moderator mit unkonventionellem Liebesleben kann wohl kaum jemand generieren. Ein Geschenk des Himmels sozusagen.

Die öffentlichkeitswirksame Präsenz, die das Diekmann-Angebot in Aussicht stellte, diente zudem nicht unzufällig der Promotion einer am 23.9.2010 erschienenen Anthologie von in den letzten Jahren in Emma publizierten Artikeln. Wobei dieses von Schwarzer herausgegebene überflüssige Buch mit seinen sattsam bekannten Klagen über unterdrückte Muslimas und weltverschwörerische Tendenzen aus dem Morgenland sich wiederum nicht unzufällig an den spätestens seit Kirsten Heisigs und Thilo Sarrazins Erfolgen als Bestseller-Garant erkannten Trend der Islam-und Integrationsdebatte anhängt. ›Die große Verschleierung‹ der ökonomischen Zusammenhänge fällt hier eher luftig wie eine Spitzengardine aus; jetzt fehlte nur noch ein aktueller Artikel mit einer griffigen skandalisierungsgeeigneten Verbotsforderung, die mit der grundgesetzwidrigen ›Kopftuch-ab-für Schülerinnen‹-Parole sehr schnell gefunden war, und schon waren beide gleichzeitig in aller Munde: die Bild-Gerichtsreporterin & die Anthologie-Herausgeberin, beide in dem Wunsch vereint, den weiblichen Opfern in Okzident wie Orient mit Brachialgewalt zur Seite zu stehen, ob die das wollen oder nicht. Denn wichtiger als die vermeintlichen Opfer ist die Deutungshoheit der Feministin, die den ›kleinen Unterschied‹ als Welterklärungsmodell niemals aus den Augen verloren hat. Und dazu bedarf es nun mal der massenhaften Rekrutierung weiblicher Opfer. Wie das geschieht, läßt sich dem unnachgiebigen Vorwort entnehmen, in dem Alice Schwarzer dekretiert:

»Die Taktik der Alt- und Neu-Islamisten ist seit dem 11. September 2001 mehr denn je die Verschleierung: die Verschleierung ihrer Absichten wie die Verschleierung der Frauen. Doch unabhängig von den jeweils subjektiven Motiven der verschleierten Frauen selbst (die durchaus lauter sein können), ist die objektive Bedeutung eindeutig: Das Kopftuch ist seit dem Sieg Khomeinis im Iran 1979 weltweit die Flagge der Islamisten.«

Da mögen die Frauen das Kopftuch aus noch so lauteren, modischen, pubertär-trotzigen, ja, auch aus religiösen Motiven tragen: auf die Sicht der Frauen kommt es nicht an. Was die sich so denken, ist irrelevant. Sie sind, auch wenn sie das nicht wissen, Opfer böser Islamisten, die mit dem Islam eigentlich gar nichts zu schaffen haben, sondern durch Unterwanderung und Terror unter dem bloßen Deckmantel der Religion die Weltherrschaft anstreben. Die zahlreichen aufgeklärten, akademisch gebildeten kopftuchtragenden Musliminnen, die sich öffentlich gegen diese Opferzuschreibung wehren, werden als nicht repräsentative Ausnahmen ignoriert, auf daß das wie immer holzschnittartige Weltbild keinen Schaden nehme.

Hand aufs Herz, ist es nicht unsäglich albern, anzunehmen, daß durch das halbtägliche Ablegen eines Bekleidungsstücks eine etwaige real vorhandene, das komplette ›Ich‹ umfassende, Unterdrückung bekämpft werden könnte? Unwillkürlich fällt einem die feministische »Burn the bra!«-Bewegung ein, die qua ritueller Verbrennung von Büstenhaltern die Befreiung von unverschuldeter Unmündigkeit zu erleben glaubte. Um danach zu schickeren und bequemeren BH-Modellen zu greifen, weil Bindegewebsrisse dann doch ein zu hoher Preis für eine nicht recht verstandene Freiheit sind.

Der einzige Feinsinn, den Schwarzer sich leistet, nämlich zwischen Islam als Religion und Islamismus als politischer Bewegung eine zumindest gedanklich trennscharfe Linie zu ziehen, – wie soll diese Unterscheidung praktisch und im Einzelfall geleistet werden? –, um sich nicht den Vorwurf der Bedienung von rassistischen und religiösen Ressentiments einzuhandeln, verfing prompt bei denen nicht, gegen deren unvermeidlichen Beifall sie sich schon am 27.9. zur Wehr zu setzen hatte:

»Wie ich gerade erfahre, wirbt die FPÖ, die rechtsliberale Haider-Partei in Österreich, mit einem Zitat von mir in einer Anzeige zur so genannten „Islam-Debatte“. Dieses Zitat lautet: „Diese Leute, die Islamisten, die müssen wir als das begreifen, was sie sind – als unsere Feinde. Und denen haben wir politisch Paroli zu bieten.“ Ich erinnere mich nicht, könnte das aber durchaus so gesagt haben. Doch selbstverständlich geht es mir dabei nicht um „den Islam“ oder „die Muslime“, sondern ausschließlich um den islamistischen Fundamentalismus. Allerhöchste Zeit, dass wir lernen, das zu unterscheiden. Nein, die FPÖ hat mich nicht gefragt, ob sie mich in ihrer Parteienwerbung zitieren darf. Ich hätte das selbstverständlich nicht zugelassen

Lassen wir es ihr durchgehen, daß die FPÖ in der Nach-Haider-Ära, die bereits 2005 mit Haiders Austritt aus der FPÖ begann und mit seinem Tod im Jahr 2007 nicht endete, keine rechtsliberale Partei mehr ist. Sie darf mit Fug und Recht (ein entsprechendes Urteil liegt vor) als ›rechtsextremistische‹ Partei bezeichnet werden. Aber welch schönen Erfolg, den auch zwangsläufig in Erscheinung tretende Trittbrettfahrer nicht vermiesen können, durfte sie schon am 23.9.2010 vermelden: »Der Erfolg des Buches – Startauflage 50.000! – freut uns alle natürlich sehr.«

Diese kommerziell erfreuliche Verlagsentscheidung kann sie durchaus auf dem Erfolgskonto ihrer medialen Einmischung in das Kachelmann-Verfahren verbuchen. Denn ebenso unzufällig wie alles andere fügte es sich, daß sie am 21.9.2010 in Focus online ein Interview zum Buch und in Focus 39/2010 vom 27.9.2010 ein Interview sowohl zum Kachelmann-Verfahren als auch zu dem von ihr herausgegebenen Buch geben durfte. Zuguterletzt erschien in Focus online am 28.9.2010 auch noch, wenig überraschend, eine positive Buch-Rezension, die mit der wahrhaft zutreffenden Analyse begann:

»Alle reden über den Kachelmann-Prozess, alle reden über Integrationsprobleme. Alice Schwarzer berichtet für die „Bild“- Zeitung vom Kachelmann-Prozess, Alice Schwarzer gibt das Buch „Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus“ heraus. Die Frauenrechtlerin hat Geschäftssinn und den richtigen Riecher dafür, wann sie was am geschicktesten und öffentlichkeitswirksam platziert. Dass die Chefin der Frauenzeitschrift „Emma“ ausgerechnet für ihren einstigen Feind, die „Bild“-Zeitung, von der Verhandlung gegen Jörg Kachelmann berichtet, ist vielen schleierhaft. Bei Integration und Islamismus ist die 67-jährige Autorin aber schon lange am Ball.«

Schleierhaft ist da eigentlich nichts: der Geschäftssinn der Frauenrechtlerin und die presserechtliche Prozeßniederlage von Bild gegen Kachelmann pflastern den Boden, auf dem das Paar zum Traualtar schreitet. Das hätte man in den Redaktionsstuben von Focus eigentlich unschwer nachvollziehen können, denn dort stellte sich die Ausgangslage für das Promoting von Alice Schwarzer (auch als Kachelmann-Verurteilerin) nicht anders dar. Nach zwei einstweiligen Verfügungen gegen die Berichterstattung des Focus drohte die erste gerichtliche Niederlage im Hauptsacheverfahren, wie aus der Pressemitteilung von Kachelmanns Medienanwalt hervorgeht:

»12.05.2010
Kachelmann: Einstweilige Verfügung gegen Focus wird nach mündlicher Verhandlung aufrecht erhalten

Vor der Pressekammer des LG Köln wurde heute der Widerspruch des Focus gegen eine einstweilige Verfügung verhandelt, die Jörg Kachelmann gegen die Illustrierte erwirkt hatte. Darin war dem Blatt verboten worden, bestimmte Details aus der Ermittlungsakte zum Ermittlungsverfahren gegen unseren Mandanten zu verbreiten. In der mündlichen Verhandlung machte das Gericht heute klar, dass die Verfügung aufrecht erhalten bleibt. Es wies darauf hin, dass es aus gutem Grund kein Einsichtsrecht der Presse in die Ermittlungsakten eines Strafverfahrens gebe, sondern dass die Inhalte der Ermittlungsakte gemäß § 353d StGB ganz im Gegenteil sogar gegen unbefugte Preisgabe geschützt seien.
RA Prof. Dr. Ralf Höcker, LL.M.«

Danach zog es Focus vor, sich mit diesem unangenehmen Gegner zu einigen:

»11.06.2010
Einigung mit Focus

Herr Jörg Kachelmann hat sich mit der Focus Magazin Verlag GmbH sowie der Tomorrow Focus Portal GmbH einvernehmlich über die Beilegung der Streitigkeiten geeinigt, die Gegenstand der einstweiligen Verfügungsverfahren vor dem Landgericht Köln mit den Aktenzeichen 28 O 175/10 und 28 O 196/10 waren. über den Inhalt der Einigung haben die Parteien Stillschweigen vereinbart.«

Tatsächlich fiel die danach erfolgende Berichterstattung deutlich vorsichtiger aus: »Gewalttat oder Sexfalle« betitelte Focus 35/2010 am 30.8.2010 die Veröffentlichung von aufschlußreichen ›Tatortfotos‹ aus den Akten. Eine Neutralität, die man von dem polemischen Verriß der zugunsten des Angeklagten ausfallenden Gutachten, insbesondere der von Staatsanwaltschaft und Gericht bestellten, in Focus 38/2010 vom 20.9.2010 (»Versuchte Hinrichtung«), wiederum nicht behaupten kann. Die Strategie ist durchsichtig: fall- und aktenbezogen bemüht man sich um Ausgewogenheit, im Meinungsteil zeigt man weiterhin Anti-Kachelmann-Flagge. Und so war es eine do-ut-des-Situation, die Schwarzer und Focus zusamenschmiedete: Focus befeuerte die Promotion des Emma-Buches und berichtete aufwertend über die Bild-Reporterin, und Schwarzer durfte ohne Blatt vor dem Mund ihre bloße von Tatsachen nicht gestützte Meinung zum Kachelmann-Verfahren kundtun:

»Immerhin hatte das mutmaßliche Opfer gelogen. Die Frau ahnte schon länger, dass Kachelmann ihr nicht treu ist.
Die kleine Lüge hatte nichts mit der Tatnacht zu tun. Von Kachelmann aber war inzwischen öffentlich geworden, dass er sich mindestens sechs Frauen gleichzeitig hielt, denen er allen die Ehe und Kinder versprochen hatte. Das deutet natürlich auf pathologische Züge der Persönlichkeit hin. Und darum ist es auch richtig, dass das Gericht mehrere seiner Ex-Freundinnen vernimmt. Die fragliche Tat muss ja im Kontext der Persönlichkeit des Angeklagten gesehen werden.« [Focus 39/2010, S. 107]

Wer instrumentalisiert hier wen? Eine bloß ›interessante‹ Frage für denjenigen, der das Weltgetriebe mit dem akademischen Interesse eines Zellkultur-Forschers betrachtet. Ist er historisch beschlagen, wird er konstatieren müssen, daß es schon lange her ist, daß ein David einen Goliath bezwang. Den empathischen Weltbetrachter, der zudem mit einem ganz altmodischen Bedürfnis nach Wahrheit & Gerechtigkeit geschlagen ist, überkommt Übelkeit angesichts dieser unheilvollen Mélange aus Kommerz, Ideologie und persönlicher Eitelkeit, die die soziale Vernichtung eines wahrscheinlich zu Unrecht angeklagten, jedenfalls aber von der Unschuldsvermutung geschützten, Menschen als Kollateralschaden in Kauf nimmt. Und das ist noch zurückhaltend formuliert.

(2) Die Unübersichtlichkeit der Medien

Als weiteren Grund für die Annahme des Diekmannschen Angebots benennt Alice Schwarzer die Orientierungslosigkeit, in die sie die neuere Entwicklung der Medien gestürzt habe:

»Zweitens ist die Einteilung der Medien in hie Gut und da Böse, hie objektiv und da verantwortungslos schon lange nicht mehr so einfach, wie viele es gerne hätten. Das sehen wir nicht zuletzt am Fall Kachelmann.«

Eigentlich sollte es einfach sein, zu überprüfen, welches Medium sich die meisten Rügen des Presserates einhandelt, welches Blatt am häufigsten mit unwahren Aussagen und gefaketen Fotos hantiert und die ehrverletzendsten Kampagnen (wie die gegen Sibel Kekilli, für die sich Schwarzer im Jahr 2004 ins Zeug gelegt hatte) führt –: eine Betrachtung des Bildblog sei empfohlen, der die täglichen kleinen und große Sünden von Bild akribisch verfolgt und notiert – nicht selten mit der Folge, daß Bild seine online-Auftritte nach Kritiklektüre rasch abändert. Nicht nur über Jobbewerber, auch über prospektive Arbeitgeber lassen sich treffliche Erkenntnisse gewinnen, wenn man die Suchmaschine anwirft. Das sollte man tun, jedenfalls wenn man glaubt, man habe noch einen Ruf zu verlieren. Und daß eine sittlich gefestigte Anti-Pornographie-Streiterin ein Blatt, das Erotikfotos und reißerische Anzeigen des sexuellen Dienstleistungsgewerbes als selbstverständlichen Leser-Service versteht, nicht gut finden kann, ist ebenfalls eine eher einfache Überlegung. Zu diesem Thema sagt sie auf ihrem Blog nichts, äußert sich aber gegenüber Focus [39/2010, S. 107]:

»Stört es Sie nicht, dass sich auf der Seite eins der „Bild“-Zeitung tagtäglich ein anderes nacktes Mädchen räkelt?

Sicher stört mich das. Aber als Feministin darf man nicht pingelig sein. Wenn ich ausschließlich in feministisch korrekten Blättern veröffentlichen würde, dann bliebe mir nur noch die „Emma“.«

Danach wäre die Einteilung der Medien in Gut und Böse allerdings eine überaus einfache, ja geradezu kinderleichte Angelegenheit. Es gibt nur ein einziges gutes Medium, das ist die eigene Zeitschrift, und alle anderen sind abstufungslos gleichartig böse, von TAZ und FAZ über Süddeutsche, Welt und Tagesspiegel bis hin zu Bunte und Bild. (Daß der Spiegel und die Zeit in dieser Aufzählung fehlen, geschieht aus Gründen.) Angesichts dieser niederschmetternden Diagnose der allumfassenden Nichtexistenz von feministisch korrekten Blättern kann man sich keine Pingeligkeit leisten und muß eben auch unmoralische Angebote annehmen, wenn man keine Wahl hat. Die hatte Alice Schwarzer nun mal nicht, denn die seriöse Presse sah keine Vakanz im Sektor Prozeß-Kommentierung. Schon die eigene Arbeitsplatzbeschreibung läßt tief blicken: braucht die Leserschaft laienhafte Kommentare zu einer Hauptverhandlung, die von allen Seiten mit juristischen Kniffs und Tricks geführt wird, oder will sie über das Geschehen, von einem Kenner der Materie kritisch gewertet, informiert werden? Auf letzteres hat sie Anspruch, ersteres ist überflüssig, da bloße Stimmungsmache.

Nein, in dieser Argumentation Schwarzers stimmt gar nichts. So kann sie es nicht gemeint haben. So orientierungslos blickt keine langjährige Chefredakteurin auf den Markt. Was sie eigentlich sagen wollte, enthüllt der kleine Nachsatz: »Das sehen wir nicht zuletzt am Fall Kachelmann.«
Unter diesem Gesichtspunkt ordnen sich die Fronten freilich auf ungeahnte Weise neu.

Da befindet sich dann in dem »hie objektiv« = gut bezeichneten Mediensegment die seit dem 23.3.2010 agitierende Anti-Kachelmann-Front von Bild, Focus, Bunte und Blick (Schweiz), ergänzt durch diejenigen, die von diesen Massenblättern abschrieben, und in dem »da verantwortungslos« = böse verorteten Bereich die beiden einzigen justizkritischen Artikel von Spiegel (Gisela Friedrichsen war an diesem Artikel übrigens nicht beteiligt) und Zeit (Sabine Rückert) von Juni 2010, die die unzulängliche Arbeit der Staatsanwaltschaft sowie die unverständliche Haftentscheidung des Landgerichts rügten. Zurecht, wie das Oberlandesgericht später klarstellte. Zuvor war aus den gezielt gestreuten Akten ausschließlich zum Nachteil Kachelmanns zitiert worden. Im Juni erreichten die Akten endlich Medien, die sie zu lesen verstanden: und daß für sie die real existierenden Lügen der Belastungszeugin, die die seit langer Zeit von ihr arrangierte Untreue-Konfrontation und die Motivlage beider Beteiligter in der ›Tatnacht‹ betrafen, sowie das die Aussage der Belastungszeugin als Überführungsmittel entwertende Glaubwürdigkeitsgutachten Thema sein mußten, geht man mit der Justiz ins Gericht, ist eine Selbstverständlichkeit. Zudem wurde die von Bild kolportierte Falschmeldung über die Identifizierung von Täterspuren am angeblichen Tat-Messer korrigiert und die diversen rechtsmedizinischen Gutachten referiert, die Selbstverletzungen der Anzeigenerstatterin von einem Grad von ›möglich‹ bis ›wahrscheinlich‹ nahelegen.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, sind an justizkritischer Aufklärung interessierte Medien »böse«. Am allgegenwärtigen offiziellen Opferstatus der Frau darf nicht gerüttelt werden, weil sonst das Feindbild ›Mann‹, Legitimation der altfeministischen Frauenbewegung, zu verblassen droht. Daher mutieren Medien, die eigentlich nichts weiter im Sinn haben, als das Drama des gefallenen Helden zu inszenieren, kurzerhand zu feministischen Kampfblättern. Weil sie, was purer und jederzeit revidierbarer Zufall ist, in diesem spezifischen Fall zugunsten der weiblichen Opferseite agieren. Und damit geschwind der »guten« Fraktion zugeschlagen werden, wenn ein plötzliches Job-Angebot kommerziell nutzbare Verwertungsketten, Ego-Steigerung und eine massenwirksame Plattform versprechen. So geht es zu, wenn realitätsausblendende Ideologie und wahrheitsverachtende Prominentenhatz einen Berührungspunkt finden, der im Mann-Sein des zu Erlegenden und im Frau-Sein dessen angeblichen Opfers besteht. Dann wird bedenkenlos paktiert, und die Entlohnung der Ideologin ist zugleich Schmerzensgeld für die schmuddelige Umgebung, in der die gemeinsam exekutierte Hinrichtung einer sozialen Existenz stattfindet. Ja, so deutlich muß man es tatsächlich sagen. Die Phrase vom Kollateralschaden, die ich benutzt habe, trifft die Sache nicht wirklich.

Die sexy Mädels auf S. 1 stören den Pakt nicht weiter. Denn Alice Schwarzer hat sich dem mainstream angepaßt und bringt auf dem Titelbild der am 23.9. erschienenen Emma eine mir bislang unbekannt gebliebene Dame namens Lady Gaga: geistlos starres Antlitz unter einer lilafarbenen Perücke, stierer Blick, halbgeöffneter Mund mit Lippen, deren Schminke farblich auf die Perücke abgestimmt ist; eine mimische Pose, die Begehrlichkeit signalisieren soll, die aber wegen fehlenden Talents fürs Model-Gewerbe eher wie ein schafsdummes ›Häh?‹ rüberkommt; die linke Hand, von den Fingern bis zum Handgelenk mit schlagringartigem Metallschmuck verziert, zupft halbseitig ein Dekolleté frei, dem entweder durch einen Push-up BH oder durch Silikon nachgeholfen wurde. Die Haut in allerhöchster Fotoshop-Qualität aseptisch glattgebügelt, als solle dieses edelnuttige Foto in den Katalog einer Agentur für den gehobenen Begleitservice aufgenommen werden. »Die wahre Lady Gaga«, verspricht der Covertext. Links von der Dame ein knallgelb unterlegter Hinweis: »Skandal Sorgerecht«, unter ihr (und diese Gesellschaft hat er nun wirklich nicht verdient) ein ebenso knallgelber Balken mit dem Foto eines betreten wirkenden Jörg Kachelmann vom ersten Prozeßtag. In rot daneben: »Alice Schwarzer«, es folgt in Schwarz: »Der Fall Kachelmann«.

Sex sells. Kachelmann auch. Es ist die wohl kommerziellste Emma, die je lanciert wurde.

Titelslogans, die mehr versprechen als sie halten, kennt man eigentlich nur vom Boulevard. Auch hier hat Emma abgekupfert: über Lady Gaga gibt es nur eine im Schulaufsatzstil gehaltene Lebensnacherzählung des »kalkulierten Freaks« von Beatrice Schlag, die sich ausschließlich aus Sekundärquellen speist und garantiert weder etwas Neues noch gar etwas Wahres bringt. Die Bildstrecke bietet vier halbausgezogene und zwei bekleidete Gaga-Girls, und wir erfahren: »Warhol, sagt Lady Gaga heute, habe sie gelehrt, aus sich ein Spektakel zu machen. Inzwischen konsequent als exzentrischer Popstar gekleidet, nahm sie Tanzunterricht und drehte ihr erstes Video.« Und so klappte es dann endlich mit der Gesangs-Karriere. Das hätten wir nicht gedacht. Der feministische Dreh am Ende: „Eine Neudefinition von „sexy“ ist in Gang gesetzt.« Vermutlich wegen des Schlagring-Schmucks oder des abgebildeten Coverfotos, auf dem sie in Stringtanga und BH gewandet unbedarft mit zwei Maschinenpistolen hantiert, während der ziellos-blöde Blick anderswo umherschweift und nach dem Heiligen Geist zu suchen scheint, auf daß er segensreich auf sie niederkomme. Während die Emma-Redaktion wegen dieses unbedarften Artikels die Krise kriegte, den Aufstand probte und am 1.10.2010 einen kritischen Gegenartikel in Emmaonline stellte:

»Lady-Gaga: Pop-Emanze oder Porno-Queen?
Steht der mit zahlreichen Musik-Awards ausgezeichnete „Freak“ für eine neue und selbstbestimmte Form der Sexyness? Oder bedient sich der Star zwecks Aufmerksamkeits-Steigerung schlicht der alten Hüte aus der Porno-Mottenkiste? Emma-Redakteurin Chantal Louis erklärt auf Emmaonline, warum sie die Titelgeschichte über Lady Gaga in der Print-Emma zu unkritisch findet.«,

verteidigte die für diesen ersichtlich auf Auflagesteigerung zielenden Coup verantwortliche Chefredakteurin Alice Schwarzer ihre Entscheidung, die leider sowohl von feministischer wie auch von konservativer Seite angegriffen worden war. Schwer zu sagen, welche Attacke ihr unangenehmer war. Sie sucht ja gern die Nähe zur Macht, einerseits, aber auf den Nimbus der sich zeit Jahrzehnten unbeirrt gegen den jeweiligen Mainstream auflehnenden Frauenrechtlerin will sie ebenfalls nicht verzichten. Und so eierte sie in Focus 39/2010 vom 27.9.2010 (S. 107) herum:

»Stephanie zu Guttenberg wirft in ihrem Buch »Schaut nicht weg!« Popstar Lady Gaga Pornographie vor. Sie haben mit Ihrer PorNO-Kampagne schon vor Jahren dagegen gekämpft. Wann beginnt Pornografie?

Ich begrüße es sehr, dass endlich auch eine Politikerin, bzw. immerhin schon mal die Frau eines Politikers, sich gegen den rasanten Anstieg der so menschenfeindlichen Pornografie einsetzt. Denn Pornografie ist ja nichts anderes als die Verknüpfung von Erniedrigung und Gewalt mit sexuellem Begehren. [...] Was nun Lady Gaga angeht: Da bringen Sie mich leicht in Verlegenheit. „Emma“ titelt in der aktuellen Ausgabe mit Lady Gaga ... Ich persönlich denke, es ist mit ihr wie mit Madonna: Für sich selbst haben diese coolen Italo-Amerikanerinnen das im Griff. Sie bedienen die Sexmaschine und verdienen daran. Als Vorbild für junge Mädchen allerdings sind beide untauglich.«

Jetzt endlich können wir den Schwenk hin zu Bild vollends verstehen: die Sex-Mädchen auf S. 1 sind keine ausgebeuteten Opfer der männlich dominierten Sexindustrie (›ich war jung und brauchte das Geld‹), sondern im Zweifel haben sie das für sich selbst im Griff und bedienen die Sexmaschine, weil’s sich damit leichter Geld verdienen läßt als anderswie. Gucken und strecken sich ja auch alle so keck, selbstbewußt und wollüstig, und Vorbilder für noch jüngere Mädchen wollen sie ganz bestimmt nicht sein. Soweit denken sie gar nicht.

Die Emma-Titelzeile »Der Fall Jörg Kachelmann« entpuppt sich ebenfalls als Mogelpackung: ein hastig am 20.9.2010 zusammengeschusterter 2-Seiten-Text, in dem Schwarzer wiederholt, was sie in ihrem Blog und in der Bild schon längst von sich gegeben hat. 1,3 Seiten mit Medienkommentaren zur Zusammenarbeit Schwarzer/Bild, mit Mühe konnte eine fifty/fifty-Auswahl zusammengestellt werden, und eine besonders kritische Meinung von Andreas Zielcke aus der Süddeutschen Zeitung wurde dann auch noch mit einer kritischen Anmerkung der Emma-Redaktion versehen. 1,7 Seiten mit Leserbriefen und Forumsbeiträgen zu demselben Thema, zu 80 % positiv und bisweilen derartig peinlich lobhudelnd, daß sich jeder Chefredakteur einer handelsüblichen Zeitung wegen deren Abdruck geniert hätte. Aber Nischenprodukte funktionieren nun mal anders: da darf die Chefredakteurin auf S. 24-25 durch Teilabdruck ihres Vorwortes das eigene Buch promoten. In diesem Milieu schmort man eben gern im eigenen Saft.

Das war’s schon zum »Fall Kachelmann«, wenn er auch in dem Artikel über Vergewaltigung (S. 40-47) Erwähnung findet, denn da gehört Jörg Kachelmann als typischer Täter schließlich auch hinein.

Und der »Skandal Sorgerecht«? Selbstverständlich ist es ein Skandal, wenn der Europäische Gerichtshof (und zuvor schon das Bundesverfassungsgericht) Rechte nichtverheirateter Väter einfordert, die hierzulande aus gutem Grund nicht existieren; ist es doch sehr richtig, daß es die Frauen sind, die bestimmen, ob Väter ihre Kinder sehen und sich um sie sorgen dürfen. Gegen den Mutter-Mythos, der Jugendämter wie Familiengerichte beseelt und dem sich auch der Gesetzgeber hingibt, haben sogar der Ehe und dem Kinderkriegen abholde Feministinnen nichts einzuwenden, im Gegenteil. Sie empören sich wegen der drohenden Entmachtung von Frauen. Die stärkste Waffe im Kampf gegen die der Politik endlich aufgezwungene Gesetzesreform zum Sorgerecht nichtehelicher Väter ist wiederum der weibliche Opferstatus: »Und überhaupt: Was ist im Falle Häuslicher Gewalt und Missbrauch in der Ex-Beziehung? Was mit Kindern, die aus Vergewaltigung oder Inzest entstanden sind? Für all diese Fälle müssten im Falle des automatischen Sorgerechts Ausnahmeregelungen geschaffen werden.« (S.73) Ein berechtigter Einwand, wenn man die Welt so sieht, wie sie im überwältigenden Normalfall nicht ist. Aber echte Feministinnen wähnen sich im permanenten Kriegszustand. Für sie hat sich in den letzten dreißig Jahren nichts geändert, und wenn, dann nicht zum bleibenden Vorteil der Frau.

Alice Schwarzer bestätigt es in ihrem Focus-Interview vom 27.9.2010:

»Was unterscheidet Ihre heutige Position von der vor 30 Jahren?

Im Kern nichts.«

Im Gegensatz zu dem Brecht’schen Herrn K. ist ein Erbleichen von Frau S. während dieser Antwort auszuschließen.

Ist es unzulässig, die nachfolgenden Erläuterungen zum eingeräumten Stillstand der eigenen Entwicklung weg- und das entlarvende Zitat isoliert dastehen zu lassen? Nein, allenfalls unfair. Ein Selbstvorwurf, der mich aber genugsam trifft. Ich liefere also Schwarzers Erläuterungen getreulich nach:

»Ich war immer schon für gleiche Rechte und Pflichten. Und ich habe noch nie geglaubt, dass Frauen das bessere Geschlecht sind und Männer von Natur aus das schlechtere. Es ist die Macht, die Menschen verdirbt.«

Väterrechte, die denen der Mütter entsprechen, lehnen die Emma-Frauen von heute in Wirklichkeit ab, bestehen aber auf der Erfüllung der finanziellen Pflichten der Erzeuger. Und die politische, ökonomische und berufliche Macht, die die Menschen verdirbt, haben mehrheitlich immer noch die Männer, so daß sie letztlich dann doch das schlechtere Geschlecht sind, wenn auch nicht von Natur aus. Wölfe, die aus taktischen Gründen Kreide gefressen haben, produzieren solche Sätze...

(3) Eintreten für das weibliche ›Opfer‹

»Drittens scheint es mir gerade in diesem Fall nötig, dass in einem tagesaktuellen, meinungsprägenden Blatt auch die Sicht des mutmaßlichen Opfers ernst genommen wird. Denn die anderen Leitmedien der Republik – wie Spiegel oder Zeit – waren bisher in einem solchen Maße parteiisch pro Kachelmann, dass von diesen Seiten eine voreingenommene Berichterstattung zu befürchten ist.«

Das ist Alice Schwarzers Rechtfertigung für die Übernahme des Bild-Jobs, die mitten ins feministische Herz zielt. Schon wieder wird die Leerformel des „Ernstnehmens“ benutzt – mit welcher Art von Leben sie diese Leerformel füllen wird, ist aber bereits angedeutet. Wenn die Leitmedien der Republik voreingenommen zugunsten des Angeklagten agiert haben und so auch künftig agieren werden, dann wird Alice Schwarzer, ausgleichende Ungerechtigkeit muß sein, voreingenommen zugunsten des mutmaßlichen Opfers in Erscheinung treten, was edler klingt als die Kehrseite der Medaille aussieht, nämlich voreingenommen zuungunsten des Angeklagten. Ein fundamentaler Verstoß gegen die Rechtsordnung, die nun mal keine religiös/feministisch fundierte Scharia ist. Sondern ein klug erdachtes System, das den Strafanspruch des Staates nicht höher einstuft als das Interesse des Individuums, das sich dem staatlichen Machtapparat ausgesetzt und unterworfen sieht. Die Strafprozeßordnung wurzelt in der aufregenden Umbruchphase des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und sie ist heute sowohl durch immer hektischer werdende gesetzgeberische Ausweitungen von Machtbefugnissen des Staates wie auch durch mediale Kampagnen, die wiederum politische Weisungen an die Staatsanwaltschaften generieren, unter Druck geraten –: aber als ehrwürdig allen Zeitläuften widerstehende aufklärerische Idee hat sie verpflichtend überlebt. Ihr nachzukommen, wird angesichts der immer schwieriger werdenden Arbeitsbedingungen nicht leicht sein. Aber das ist eine andere, noch unerzählte Geschichte.

Daß es so etwas wie eine Unschuldsvermutung gibt, daß die Staatsanwaltschaft den erhobenen Vorwurf beweisen muß, daß ein Angeklagter eine andere Position hat als eine Zeugin, daß die Wahrunterstellung einer belastenden Zeugenaussage die Unschuldsvermutung aufhebt: das alles weiß Alice Schwarzer zwar vom Hörensagen und streut entsprechende Worthülsen in ihre sturzbachartigen Suaden auch gerne ein –: aber begriffen hat sie die Prinzipien unseres Rechtsstaates nicht:

»Ob die drei Berufsrichter und zwei LaienrichterInnen allerdings je die Wahrheit herausfinden werden, das ist keinesfalls garantiert. Noch steht Aussage gegen Aussage. Nur noch nicht bekannte Fakten könnten wohl die Waagschale der Justitia zugunsten Kachelmanns senken – oder zugunsten der Ex-Freundin.«

Sie glaubt tatsächlich, daß bei einer Aussage-gegen-Aussage-Konstellation automatisch eine Verurteilung des Angeklagten erfolge, der er nur entgehen könne, wenn sich nicht doch noch ein paar entlastende Fakten finden lassen. Sie tritt ihren neuen Arbeitsplatz als Prozeßbeobachterin also in dem falschen Bewußtsein an, daß der Angeklagte seine Unschuld beweisen müsse. Klarer hätte man nicht belegen können, daß hier der Bock zum Gärtner gemacht wurde. Da eine Zeugin nicht angeklagt ist, wird sich auch keine der Waagschalen der Justitia für sie in Bewegung setzen. Sie ist ein Beweismittel, sonst nichts. Oder redet Schwarzer durch die Blume einer unverstandenen Metapher von der Genugtuungsfunktion einer Verurteilung für die Nebenklägerin? Man weiß es nicht. Nur eins steht fest: ihr Justitia-Bild ist schief.

Ganz geradeaus weist allerdings ihre Marschrichtung: Frauen lügen nicht, wenn sie den Vorwurf der Vergewaltigung erheben, und wenn sie es doch tun, schwindeln sie nur in unwichtigen Randbereichen, die mit der ›Tatnacht‹ nichts zu tun haben. Kurzum: wer der Frau nicht glaubt, schützt den Täter, als den sie den Angeklagten schon längst entlarvt hat. Denn so fährt sie noch vor Beginn der Hauptverhandlung fort: »Doch unabhängig von der Wahrheit dieser Nacht ist schon jetzt eines klar. Hier verhandelt eine ganze Nation anlässlich dieses einen Prozesses über die Frage: Ist sexuelle Gewalt in Beziehungen Privatsache? Oder ist sie ein Verbrechen?«

Das Wesen eines Strafprozesses hat sie ebenfalls nicht erfaßt: dort wird keineswegs über die Frage verhandelt, »ist sexuelle Gewalt in Beziehungen Privatsache? Oder ist sie ein Verbrechen?« Zur Bejahung der letzten Frage genügt ein Blick ins Gesetz oder, wem das zuviel Mühe macht, in die Zeitungen, die über das Ermittlungsverfahren, die Anklageerhebung und das Verfahren lang und breit berichtet haben. Es waren Berichte über einen schwerwiegenden Verbrechensvorwurf, läßt man die Artikel unter den Tisch fallen, die sich ausschließlich mit dem anderweitigen Privatleben des Angeklagten als ›Herzensbrecher‹ befaßten.

Tatsächlich geht es in der Hauptverhandlung um die Alice Schwarzer weniger interessierende Frage: hat sexuelle Gewalt in diesem konkreten Fall in der Nacht zum 9.2.2010 stattgefunden? Da sie die Antwort schon kennt und von sich auf andere schließt, muß es ihr gleich die ganze Nation nachtun (darunter macht sie es nicht, dazu ist ihr Ego zu groß) und über Fragen verhandeln, die sich nicht stellen. Denn eins ist klar: wenn der Prozeß überhaupt Anlaß geben kann, über sexuelle Gewalt nachzudenken, dann nur, weil sie stattgefunden hat. Warum sonst sollte man ernsthaft über einen Tatbestand des Strafgesetzbuchs nachdenken, der lediglich als Anklagevorwurf gegen einen bestreitenden Angeklagten existiert? Diese Konstellation erzeugt doch einzig und allein diejenigen Diskussionen, die sich in online-Kommentaren und Foren besichtigen läßt.

Dort finden sich die Themen, über die die Menschen anläßlich des Kachelmann-Verfahrens – zurecht – tatsächlich diskutieren; sie haben nichts mit Schwarzers rein rhetorischer Fragestellung: »Ist sexuelle Gewalt in Beziehungen Privatsache? Oder ist sie ein Gewaltverbrechen?« zu tun. In Wirklichkeit wird über die dem Gericht aufgegebene Frage gestritten, ob wir es hier mit einem unvermutet brutal gewalttätig werdenden Mann oder mit einer sich wegen enttäuschter Hoffnungen und Träumen raffiniert rächenden Falschbeschuldigerin zu tun haben. Über das Problem des Schwindens der Unschuldsvermutung in Öffentlichkeit und Justiz, wenn eine Frau einen Mann einer Sexualstraftat bezichtigt (was auch für die in streitigen Umgangs- und Sorgerechtsverfahren oft erhobenen haltlosen Vorwürfe gilt, der Ex mißbrauche die Kinder). Über die Frage, warum Frauen den gesellschaftlich anerkannten Status des Opfers einem selbstbestimmten Leben vorziehen. Darüber, warum der Feminismus, der zur Selbstachtung, zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit, zum emanzipierten Leben von Frauen beitragen wollte, nur noch zwei Rollenmodelle zu kennen scheint: die des Opfers und die der Karrierefrau. Diese Auseinandersetzungen finden manchmal auf erschreckenden niedrigem Niveau statt. Manchmal aber auch in einer kritischen Ernsthaftigkeit und Recherchefreude, die professionelle Journalisten Mores lehren könnten. Es ist zu vermuten, daß Schwarzer lediglich das Forum ihrer eigenen Zeitschrift konsultiert hat: es läßt einen in Abgründe blicken...

Alice Schwarzer hat den Anschluß an die Wirklichkeit verloren.

Ausblick

Es kommt hinzu, daß auch hier, wie im Fall der Muslimas, nicht die geringste Legitimation ersichtlich ist, die ihr zur (Für)Sprecherrolle für das mutmaßliche Opfer verhelfen könnte. Sie selbst hat in der ›Anne Will‹-Sendung vom 1.8.2010 mitgeteilt, daß der Nebenklageanwalt, Thomas Franz, von ihr zur Vorbereitung des Fernsehauftritts um eine Detailinformation zur Aussage seiner Mandantin gebeten, eine Kooperation mit ihr abgelehnt habe. Alice Schwarzer weiß, daß sie polarisiert. Sie weiß, daß ihr Beliebtheitsfaktor hinter ihrem Bekanntheitsgrad zurückbleibt. Hat sie sich überlegt, daß ihre Bildmächtige Interpretation der »Sicht des mutmaßlichen Opfers« die von ihr Vertretene Sympathiewerte kosten könnte? Ist ihr bewußt, daß sie die Nebenklägerin instrumentalisiert und zum Puzzle-Teil degradiert, das einzig und allein der Komplettierung ihres eigenen zusammengestückelten Schwarz-Weiß-Panoramas dient? Daß sie lediglich ein mediales Zerrbild eines Menschen produziert, wenn sie ihn auf die politisch korrekte Opferrolle beschränkt?

Dies alles sind ausgesprochen ungünstige Vorzeichen, unter denen ihre publizistische Begleitung des Kachelmann-Verfahrens in Bild steht. »Sie hat unsere Erwartungen zur vollsten Zufriedenheit erfüllt«, dürfte ihr der Kurzzeit-Arbeitgeber bescheinigen, wie ein Blick auf ihre ersten ›Prozeßbeobachtungen‹ zeigt. Ein solches Zeugnis wäre alles andere als ein Ruhmesblatt. Vielleicht eine Abdankungsurkunde?

8.10.2010
(Fortsetzung folgt)

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