Zurück zur Startseite
Zurück zu den Notizen

Alice Schwarzer und der Fall Jörg Kachelmann

Zwischenbilanz II



von Gabriele Wolff

Den Auftakt ihrer Prozeßbeoachtung bildet ein Kommentar in eigener Sache, der am 5.9.2010 in Bild unter dem Titel: »Emma-Verlegerin Alice Schwarzer. Warum ich für Bild vom Kachelmann-Prozess berichte« erscheint.

Warum sie gerade für Bild berichtet und nicht für eines der seriöseren Presseorgane, teilt sie den geneigten Lesern freilich nicht mit. Es hätten ja nicht die Blätter sein müssen, in denen ihre Intimfeindinnen Gisela Friedrichsen (Spiegel) und Sabine Rückert (Zeit) schreiben, justizkritische Kennerinnen der Materie, die sie ohne Namensnennung auch in diesem Beitrag angreift.

Dafür erfahren wir immerhin erstmals Persönliches über Alice Schwarzer und ihr Verhältnis zum Angeklagten: »Jörg Kachelmann? Den konnte ich immer gut leiden. Ich war mehrfach in einer seiner Sendungen. Und einmal haben wir sogar Rock ’n’ Roll zusammen getanzt. Live. Und uns ziemlich amüsiert. Ich bin also eine von vielen, denen das scheinbar Unbekümmerte, das Lässige an ihm gefiel.«

Auch wenn es schwerfällt, eine sich amüsierende oder gar mit einem Mann tanzende Alice Schwarzer zu imaginieren, der männliche Unbekümmertheit und Lässigkeit imponiert: ihr Punkt ist gemacht. Eigentlich mag sie ihn ja, und wenn sie jetzt ›Kreuziget ihn!‹ ruft, liegt das ganz bestimmt nicht daran, daß sie den liebenswerten Hallodri (oder Männer überhaupt) irgendwie ablehnt. Das Wörtchen »scheinbar« vor dem »Unbekümmerte« leitet aber schon zu den Abgründen über, die der ›Fall‹ aufgetan hat.

»Auch darum galt im März, als er verhaftet wurde, bei „Emma“ die Richtlinie: abwarten. Denn es stand – und steht – Aussage gegen Aussage. Und so eine Anklage wegen „besonders schwerer Vergewaltigung“ ist schließlich kein Pappenstiel. Weder für den Angeklagten noch für das mutmaßliche Opfer.«

Die Anklage ist tatsächlich kein Pappenstiel, und auch wenn der Gebrauch dieser volksnahen Redewendung der Anpassung an das Niveau der neuen Wirkungsstätte geschuldet ist, muß man der Autorin in der Sache beipflichten. Wenn auch nur halb. Denn eine Anklage belastet lediglich den Angeklagten und nicht die Zeugin. Seltsamerweise führt der Link in Schwarzers Online-Artikel bei Bild keineswegs zu einer Information darüber, was denn nun unter einer »besonders schweren Vergewaltigung« zu verstehen sei, sondern zu einem frühen Artikel, in dem mit vorverurteilender Tendenz über die Vergewaltigungsbeschuldigung berichtet wurde: zur Bild-Ausgabe vom 23.3.2010, 00:19 Uhr, die mit folgenden Überschriften prangte:

»Jörg Kachelmann im Knast! Verdacht auf Vergewaltigung.
Was ist wahr?

Ihr Anwalt: Die Tat wurde „in der Gerichtsmedizin festgestellt“
Sein Anwalt: Die Vorwürfe sind „frei erfunden“.«


Da soll also der Rechtsanwalt der Anzeigeerstatterin Bild ein Interview gegeben haben, das Bild, wie auch die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft vom 22.3.2010 über den Tatvorwurf gegen einen anonymen Moderator, in Fettdruck brachte:

»Opfer-Anwalt Thomas Franz bekräftigte gegenüber Bild die Vorwürfe: „Herr Kachelmann hat meine Mandantin vergewaltigt. Die Verletzungen und die Vergewaltigung wurden bei einer Untersuchung in der Gerichtsmedizin auch festgestellt. Meine Mandantin ging unmittelbar nach der Tat zur Polizei und erstattete Anzeige. Sie leidet stark unter den Vorkommnissen – schließlich war sie 8 Jahre lang Herrn Kachelmanns feste Lebenspartnerin.“«

Erst Monate später, nach Lektüre anderer Presseveröffentlichungen, entsteht ein der Wahrheit sich mehr annäherndes Bild, und langsam dämmerte es dem aufmerksamen Viel-Leser: ganz so war es nun doch nicht. Genau genommen: es stimmt eigentlich nichts von dem, was seinerzeit in Bild zu lesen war. In der Gerichtsmedizin wurde keine Vergewaltigung festgestellt, das wäre auch ein absoluter Ausnahmefall, sondern Verletzungsspuren, deren Beweiskraft der Interpretation zugänglich war. Selbstverletzungen waren von Anfang an nicht ausgeschlossen worden. Die Mandantin ging auch nicht unmittelbar nach der Tat zur Polizei, sondern, unter Zugrundelegung der Tatzeitangabe in der Anklage, erst acht Stunden danach. Die Beziehung dauerte elf Jahre und nicht acht, dafür war sie keine feste Lebenspartnerschaft, sondern bestand, objektiv betrachtet, aus zehn bis zwölf sexuell motivierten Kurz-Begegnungen im Jahr, deren Bindungskraft durch vielfältige SMS-, Mail- und Chatkontakte und seltene Telefonate hergestellt wurde. Mehrfach angesprochene Kinderwünsche des Liebhabers blieben reines Gesprächsthema, und ein gemeinsamer einwöchiger Urlaub in Oklahoma bildete für beide Partner mangels übereinstimmender Interessen eine so ungute Erfahrung, daß sie nicht wiederholt wurde.

Die Sicht des Beschuldigten in diesem Artikel erschöpfte sich in dem nicht fettgedruckten Satz: »Kachelmann ließ die Vorwürfe gestern über seinen Anwalt Ralf Höcker bestreiten, sie seien „falsch und frei erfunden.“«

Wie gehabt blendet Alice Schwarzer auch in ihrem Artikel vom 5.9.2010 aus, daß in den ersten zweieinhalb Monaten nach Kachelmanns Verhaftung eine mediale Vorverurteilung des Beschuldigten stattgefunden hat, die mittels gezielter Streuung von ausschließlich belastenden Aktenbestandteilen durch Focus und Bild, weiterverbreitet durch andere Medien, Interviews mit Ex-Freundinnen in der Bunte und im Magazin der SÜddeutschen Zeitung, Bekundungen des Nebenklagevertreters, ein Interview der Mutter des mutmaßlichen Opfers mit Blick (Schweiz) vom 25.3.2010 und einseitigen Verlautbarungen der Staatsanwaltschaft Mannheim gespeist wurde. Das und nichts anderes haben männliche Täter, die sich an weiblichen Opfern vergreifen, schlicht verdient. Zu schade, daß Alice Schwarzer nach Erscheinen ihres Artikels den Link nicht nachverfolgt hat, den ihr Arbeitgeber eingefügt hat. Dann wäre es ihr erspart geblieben, wegen falscher Tatsachenbehauptungen in ihrem Bild-Artikel vom 15.10.2010 rechtliches und finanzielles Ungemach erleiden zu müssen...

Nein, sie treibt anderes um als ein Blick in die mediale Vergangenheit, wie sie wirklich war:
»So warteten etliche seriöse Blätter keineswegs den Prozess ab, sondern schienen schon vorher die Wahrheit zu kennen. Manche titelten bereits im Sommer [eben! erst im Sommer! Anm. der Verfasserin] mit Schlagzeilen wie „Schuldig auf Verdacht“ [Sabine Rückert] und zögerten nicht zu suggerieren, die vielfach betrogene und frustrierte Ex-Freundin wolle sich nur rächen an dem Armen. [...] Und als der TV-Star dann auch noch nach 130 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, da ging ein Seufzen durch die Reihen der Kachelmann-Freundinnen in den Medien (Es sind auffälligerweise tatsächlich vor allem Frauen): „Endlich! [Gisela Friedrichsen]“

Doch während der Angeklagte Urlaub in Kanada machte, musste die Klägerin in Schwetzingen unter Polizeischutz gestellt werden. Denn die Hetzjagd ist im Internet seit Wochen eröffnet. Gegen sie. Die Radiomoderatorin wird als „faule Luxusfrau“ beschimpft, die „diese Vergewaltigungsgeschichte erfunden“ habe. Verkehrte Welt?
In einem Forum Emanzipations-matter Männer wurde gar ein Foto der Klägerin, ihr voller Name plus Adresse (inklusive Abbildung ihres Wohnhauses) sowie ihr Autokennzeichen veröffentlicht. Dann kann es ja losgehen.
So ein Klima kann nur entstehen, wenn ein Mensch öffentlich degradiert und für vogelfrei erklärt wird.«

Das böse Internet... Wir haben es ja geahnt, daß nichts Gutes daraus erwachsen kann, wenn ›Volkes Stimme‹, von verantwortungslosen ›seriösen‹ Medien aufgehetzt, ein Sprachrohr erhält: denn dann eröffnet sich, es ist wahrhaftig zu beklagen, nicht nur intelligenten Mitbürgern, sondern auch den Wütenden, den ›Trolls‹, den anonymen Heckenschützen mit dem kleinen Mut vor der Tastatur, ein Wirkungsraum. Dieses destruktive Element auf der entgegengesetzten Seite der Skala kann Alice Schwarzer unschwer im hauseigenen Forum von Emma besichtigen. Da wird zur Abwechslung nämlich die Hetzjagd auf Kachelmann betrieben. War sie es etwa, die ihn für ihre Anhängerinnen »öffentlich degradiert und für vogelfrei« erklärt hat? Nein, das kann ja gar nicht sein. Emma hat sich doch mühsam zurückgehalten und Alice Schwarzer selbst erst ab dem 1.8.2010 in der Anne-Will-Talkshow Klarheit über ihren wenig überraschenden Standpunkt in der Sache geschaffen. Der Thread ›Kachelmann‹, der bei weitem meistgelesene im ansonsten wenig beachteten Emma-Forum, fängt aber schon am 26.3.2010 an, und zwar so:

»Hallo,
Mir geht dieser Kachelmann mit seinem Grinsen auf Bildseite eins so auf die Nerven.Mit so einem Vorwurf (schwere Vergewaltigung) behaftet kann man eigentlich nicht so in die Kameras posieren,gleichgültig ob Presse da ist oder nicht.
Grüsse
mint«,

und es gelingt einer soliden Mehrheit der Teilnehmerinnen, dieses Niveau streckenweise noch zu unterbieten, gänzlich ungehindert durch moderierende Eingriffe der Redaktion.

Klar, darauf hat ein sich unschuldig Wähnender natürlich zu achten: daß er betroffen, ernst und ein wenig verschämt aus der Wäsche guckt angesichts eines Vergewaltigungsvorwurfs; jedenfalls sobald Kameras auf ihn gerichtet sind. Und zwar auch dann, wenn es sich um die Arbeitsgeräte einer Medienmeute handelt, die dank der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft über Zeitpunkt und Ort des nichtöffentlichen Haftprüfungstermins das Amtsgericht schon seit Stunden belagert. Und wenn die Öffentlichkeit, die ja sehr genaue Vorstellungen darüber hat, wie sich ein Unschuldiger üblicherweise verhält, nämlich mittelmäßig empört bis mittelmäßig souverän, ihn daraufhin für schuldig hielte, hätte er auch das mit Fassung zu tragen. Vergewaltigung ist einer der schlimmsten Vorwürfe überhaupt, da grinst man nicht verlegen unschuldsbeteuernd beim Zehn-Sekunden-Spießrutenlauf zwischen Seitenausgang des Amtsgerichts und der Grünen Minna.

Schon recht, wir sind uns einig: Urteile ›Im Namen des Volkes‹ sind uns Allen allemal lieber als Volksurteile.
Aber abgesehen davon: die Macht der Medien ist immer noch ungleich höher als die von obskuren Seiten im Internet – weshalb eine Vielzahl der User sich darauf beschränkt, Kommentare zu Artikeln der ›Qualitätspresse‹ in deren online-Auftritten zu verfassen, weil dieses Vorgehen eine größere Reichweite und Resonanz verspricht.

Differenzierte Betrachtungen sind Alice Schwarzers Sache allerdings nicht: vereinzelte Internet-Hetze gegen die Anzeigenerstatterin wiegt für sie genau so viel wie monatelange, von Gerichten als persönlichkeitsrechtsverletzend gewertete, Berichterstattung durch die etablierte Presse. Rechtsstaatliche Bedenken gegen die Art und Weise, in der dieses Verfahren geführt wurde, die im Beschluß des OLG Karlsruhe zur Aufhebung der Untersuchungshaft ihre Bestätigung fanden, existieren nicht wirklich. Sie sind bloße Camouflage für herzinnige pro-Kachelmann-Wünsche, denn wie sie selbst müssen logischerweise auch Friedrichsen und Rückert dem Charme des Moderators verfallen sein: nach dem OLG-Beschluß ging schließlich ein »Seufzen durch die Reihen der Kachelmann-Freundinnen in den Medien (Es sind auffälligerweise tatsächlich vor allem Frauen): „Endlich!“«

Der Schluß von sich auf andere ist eine polemische Insinuation, nichts weiter. Und überhaupt: sollte Alice Schwarzer es nicht vielmehr als Erfolg der Frauenbewegung, ihrer Frauenbewegung, rühmen, daß es keine männlichen Gerichtsreporter gibt, die den von ihr bekämpften Damen Rückert und Friedrichsen das Wasser reichen können? No way. Ihre vielfach belegte Devise – ihre posthumen Ausfälle gegen Petra Kelly in ›Eine tödliche Liebe‹ lassen einem den Atem stocken – lautet: Ich dulde keine erfolgreichen Frauen neben mir und beuge mich weiblicher Macht nur, wenn sie Unangreifbarkeit verleiht. Die Kanzlerin ist sankrosankt, eine Ministerin von deren Gnaden nicht.
Schwarzers Arbeitsauftrag nach alldem lautet:

»Nicht zuletzt darum werde ich ab heute den Kachelmann-Prozess an manchen Tagen auch ganz aus der Nähe, im Sitzungssaal Nr. 1 des Landgerichts Mannheim, verfolgen – und mindestens einmal wöchentlich in Bild berichten.
Noch steht Aussage gegen Aussage. Noch sind die Worte der Ex-Freundin nicht weniger ernst zu nehmen als die des Mannes, den sie der Vergewaltigung beschuldigt.«

Noch? Man reibt sich die Augen und liest den letzten Satz erneut. Doch, da steht wirklich: »Noch«! Was ja bedeutet, daß Alice Schwarzer ihre Wertung als eine vorläufige einstuft. Kann es möglich sein, daß Alice Schwarzer ergebnisoffen und an Beweiswürdigung orientiert dem am nächsten Tag beginnenden Prozeß entgegensieht? Will sie gar Kachelmanns Medienanwalt Lügen strafen, der schon am 3.9.2010 über Alice Schwarzers neuen Job bei Bild geunkt hat:

»Sie verkennt die Grundregeln eines objektiven Journalismus und agiert nach dem kindischen Motto: „Wenn die anderen einseitig pro Kachelmann sind, darf ich auch einseitig gegen Kachelmann sein.“ Mit der Bild, die sich bereits mehr als ein Dutzend einstweilige Verfügungen wegen rechtswidriger Berichterstattung im Fall Kachelmann gefangen hat, hat sie sich hierfür genau das richtige Medium ausgesucht.«

Alice-Schwarzer-Kenner geben sich ohnehin keinen Hoffnungen hin. Jenes »Noch« war reine Rhetorik...

1. Prozeßtag, 6.9.2010

Ungeheurer Medienandrang – die Nebenklägerin erscheint – Streit um die Sitzposition der Gutachter – der Prozeß ist nach wenigen Minuten beendet, weil die Verteidigung einen 67-seitigen Antrag wegen Besorgnis der Befangenheit des Vorsitzenden Richters Seidling und der Richterin am Landgericht Bültmann eingereicht hat, der nicht verlesen wird – Alice Schwarzer gibt zahlreiche Interviews zum Thema Unschuldsvermutung und Opfersicht

»Der mutige Auftritt der Ex-Freundin vor Gericht«

titelt Alice Schwarzer in Bild am 6.9.2010 um 23.44 Uhr – und rettet sich angesichts der relativen Ereignislosigkeit des ersten Verhandlungstages in kitschige Betroffenheitsprosa.

»Die zarte, blonde junge Frau, die in diesem Prozess Hauptzeugin und Nebenklägerin zugleich ist, sitzt neben ihrem stattlichen Anwalt, Thomas Franz, der rein optisch auch ein erfolgreicher Ringer sein könnte. Ihr Gesicht ist blass, aber gefasst, ja entschlossen.
Rechts von ihr, etwa acht Meter entfernt, mit bedrücktem Gesicht und im untadeligen graublauen Anzug Jörg Kachelmann, mit dem sie elf Jahre lang eine Beziehung hatte. [...]

Jetzt sitzt die in den vergangenen Wochen von vielen als „Lügnerin“ und „Rachsüchtige“ Abgestempelte da. Mit erhobenem Haupt. Ihre ganze Ausstrahlung signalisiert: Ich habe nichts zu verbergen! Ich muss mich nicht schämen! Und: Ich bin entschlossen, meine Glaubwürdigkeit zu verteidigen!«

Immerhin, das ist schon ein erhebenderes Szenario als das Klischeebild des traumatisierten Opfers, das Alice Schwarzer zuvor gezeichnet hat. Noch deutlicher wird sie in ihren prozeßbegleitenden Interviews, aus denen hervorgeht, daß die Nebenklägerin nur eine Projektionsfläche feministischer Phantasien bietet:
»Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer: “Die große Überraschung ist, dass die Klägerin vor Gericht erscheint. Es handelte sich bisher um eine gesichtslose Person, von der wir nicht wissen ob sie lügt oder die Wahrheit sagt. Ihre Anwesenheit war eine Demonstration der Entschlossenheit.“ Schwarzer geht sogar noch weiter und spricht von einer “Kampfansage“ gegenüber Kachelmann. “Ich verstecke mich nicht, wollte sie damit zum Ausdruck bringen. Sie ist eine von acht oder neun gedemütigten Frauen. Und sie zeigt Kachelmann heute: Ich habe keine Angst vor Dir. Auch wenn wir nicht wissen, ob die Frau in der Nacht vergewaltigt worden ist, sein Opfer als Frau war sie auf jeden Fall. Strafrechtlich ist das nicht relevant, aber wichtig ist: In Deutschland müssen sich Opfer nicht mehr verstecken.“«

Schade bloß, daß die Wahrnehmungen ihrer professionellen Bild-Kollegen Wollbrett,Völkerling & Co. sich nicht stimmig in ihren Entwurf des Tribunals einer kämpferischen Frau eintragen lassen:

»9.09 Uhr

Kachelmann kommt! Er trägt Anzug und Krawatte, kürzere Haare als sonst. Sein Gesicht wirkt hagerer. Mit ernster Miene lässt er sich fotografieren, schaut kurz zu den Zuschauern. Sabine W. sieht er nicht an.

9.11 Uhr

Die Türen werden geschlossen. Sabine W. vermeidet es, zur Anklagebank zu schauen. Sie starrt vor sich hin, schaut an die Wand. Kachelmann sitzt nur acht Meter entfernt, mit gefalteten Händen zwischen seinen Anwälten, ernster Blick.«

Gisela Friedrichsen hat noch etwas anders hingesehen:
»Sichtlich verunsichert in der ungewohnten Rolle als Angeklagter betritt Jörg Kachelmann am ersten Prozesstag vor der 5. Strafkammer des Landgerichts Mannheim den Saal, ungewohnt seriös in grauem Anzug, weißem Hemd und hellgrauer Krawatte. Während der kurzen Verhandlung sucht er mehrfach den Blickkontakt – fragend und irritiert wirkend – zu seinem mutmaßlichen Opfer.
Die junge Frau, sehr dünn, blass und spitz im Gesicht, verweigert jeglichen Blick in seine Richtung. Sie lässt sich allerdings filmen und fotografieren, als wolle sie so ihre Aussage bekräftigen.«

Wobei sie aber einer Veröffentlichung unverpixelter Film- und Fotoaufnahmen widersprechen läßt... In Kenntnis späterer Vorgänge um die Zeugin Katharina T., die nach einem Vertrag mit der Bunte auf Ausschluß der Öffentlickeit bestand, um am Tag nach ihrer nichtöffentlichen gerichtlichen Vernehmung für 8.500,- Euro Honorar ein von negativen Emotionen gespeistes peinliches Intim-Interview zum Nachteil des Ex-Lovers zu geben, stellt sich die Frage, ob sich die bereits seit März von der Bunte-Redakteurin Tanja May umworbene Nebenklägerin nicht lediglich einem Exklusiv-Vertrag unterwarf, als sie die Veröffentlichung der gestatteten Aufnahmen untersagte. Als Jurist steht man der medialen Überformung des Prozesses geradezu fassungslos gegenüber: die Botschaft sickert ein, daß man mit Allem rechnen muß...

Noch bedauerlicher ist, daß Alice Schwarzer sich eines Kommentars über den Schal enthält, den die Zeugin an diesem wie auch an allen weiteren Tagen demonstrativ trägt. Andere Prozeßbeobachter geraten über das Erscheinungsbild der Zeugin ins Grübeln. Selbst die Boulevardpresse, hier Patricia Riekel in ihrem Bunte-Editorial vom 9.9.2010, macht sich über den Inszenierungscharakter eines Prozesses so ihre Gedanken:

»Ein Prozess ist immer eine Inszenierung und Jörg Kachelmann ein Profi, wenn es um Öffentlichkeit geht. Er hat als Moderator genügend Kameraerfahrung und weiß, wie man schauen muss, damit einem die Herzen zufliegen. Am ersten Verhandlungstag des Vergewaltigungsprozesses gegen ihn überraschte der Wetterexperte durch stilles Auftreten. Ein Mann, der mit sich im Reinen ist.

Aber auch sein mutmaßliches Opfer wusste sich zu behaupten. Die 37-jährige Radiomoderatorin erschien in einem übergroßen Jackett, das ihre Zerbrechlichkeit unterstrich. Zart, blass, aber entschlossen. Um den Hals ein Tuch, das die Stelle verbarg, wo ihr Kachelmann das Messer hineingedrückt und sie mit dem Tod bedroht haben soll. Das Tuch wirkte wie ein stummer Vorwurf

Der Rest von Schwarzers Artikel, der den Befangenheitsantrag und die Scharmützel zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung über die Sitzordnung der Gutachter außer Betracht läßt, pinselt das Bild eines ruchlosen Frauenverführers aus, der selbst dann schuldig ist, wenn er strafrechtlich keine Schuld auf sich geladen hat. Mit den Fakten geht sie dabei eher sorglos um:

»Allein innerhalb der letzten drei Jahre haben die beiden 1400 E-Mails ausgetauscht. Dabei ging es in seinen E-Mails auch immer wieder um die baldige Eheschließung, das Haus im Schwarzwald und das Wunschkind. Inzwischen wissen wir, dass der TV-Star diese Idylle mindestens einem halben Dutzend weiterer Frauen gleichzeitig versprochen hatte. Neun werden im Prozess aussagen.«

Die im Laptop der Zeugin vorgefundenen Protokolle von E-Mails, Chats und SMS der letzten vier Jahre (2006 – 8.2.2010), deren Anzahl unbekannt ist, sind auf 1.400 Seiten ausgedruckt. Um »baldige Eheschließung« ging es im Rahmen der schriftlichen Kommunikation keineswegs, im Gegenteil, im Januar 2010 bekundete die Nebenklägerin, mit welcher Motivation auch immer, jedenfalls in konkreter Kenntnis der Untreue des Partners erstmals, sie wolle auch ohne Trauschein seine ›Frau‹ sein. Und ihm auch ohne Hochzeit ein Kind schenken. Denn wenn sich jemand ein Kind wünschte, dann war es der Angeklagte und nicht die Zeugin oder die anderen Geliebten, die niemals einen originär eigenen Kinderwunsch geäußert haben. Auch die in Bunte und im Magazin der Süddeutschen Zeitung plaudernden Ex-Geliebten haben explizite Heiratsanträge des von August 2004 bis November 2009 verheirateten Jörg Kachelmann nicht erwähnt... Aber offenbar gibt es auch so etwas wie gefühlte Heiratsanträge wie das Überreichen von Hochzeits-Magazinen und die Frage nach der Ringgröße. Pipedreams eben, die frau, sofern nicht verbl – – – endet, einzuordnen weiß.

Alice Schwarzers Interpretation dessen, was »wir inzwischen wissen«, nämlich aus der umfänglichen Presseberichterstattung, schwebt frei im Raum. Aber was interessieren auch noch so sekundär und verzerrt übermittelte ›Fakten‹, wenn es um die Installation des altfeministischen Wirklichkeitsmodells schlechthin geht: der Täter ist männlich, das Opfer weiblich.

Da es mit der Befreiung von der »Zwangsheterosexualität«, wie im ›Kleinen Unterschied‹ Anno 1975 gefordert, nicht geklappt hat, die Frauen weiterhin in der Sexualitätsfalle verharren und ihre Unterdrücker immer noch begehren und ›haben‹ wollen, sind sie in diesem Setting per se Opfer ihrer fehlgeleiteten Wünsche. Sie kapieren es einfach nicht, daß man als Frau abstinent oder homosexuell leben muß, um wenigstens privat friedfertig existieren zu können. Denn es herrscht Krieg zwischen den Geschlechtern, so Alice Schwarzer noch in dem im Jahr 2001 mit der neuen Überschrift ›Die Theorie‹ versehenen Kapitel in ›Eine tödliche Liebe‹, KiWi 2001 [EA 1993: ›Zur Analyse‹, S. 167-174 (174)], S. 173-180 (180) zur Beziehung zwischen Petra Kelly und Gert Bastian:
»Die einfache Antwort auf die schwere Frage, warum niemand in die tödliche Eskalation der Haßliebe zwischen den beiden eingegriffen hat, lautet: Weil es so ist.
Weil wir den Alltagskrieg zwischen den Geschlechtern gewohnt sind. Weil wir gegen Fremdenhaß protestieren, aber Frauenhaß kaum als solchen wahrnehmen und noch immer als »Privatsache« begreifen. Kein Wunder, liegen doch hinter uns 5000 Jahre Patriarchat (und wie viele vor uns?) In all dieser Zeit war das Verhältnis zwischen den Geschlechtern immer ein Machtverhältnis und Sexualität historisch leider nichts als ein Instrument zur Demütigung und Stigmatisierung von Frauen. [...] Die archaischen Gewaltverhältnisse zwischen Männern und Frauen galten letztendlich eben auch für das scheinbar so fortschrittliche, scheinbar so emanzipierte Liebespaar Kelly und Bastian.«

Andere ehemalige Wegbegleiterinnen haben sich längst von derlei manichäischen Schlicht-Vorstellungen gelöst. Die Gender-Forscherin Christina von Braun spricht das Offensichtliche gelassen aus: »Der Begriff der Zwangsheterosexualität nervt mich sowieso. Weil er voraussetzt, dass alle heterosexuellen Menschen irgendwie unter Zwang leben. Ich schlafe gerne mit Männern und ich lasse mir nicht sagen, dass das ein Zwang ist.«

Das Gewaltverhältnis zwischen Mann und Frau, das archaisch immer irgendwie vorhanden ist und durch singuläre Verzweiflungstaten wie den erweiterten Suizid im Fall von Bastian/Kelly, von Alice Schwarzer, der Hobby-Juristin, fälschlicherweise als Mord qualifiziert, nur in die Erscheinung tritt, gilt für sie, die es nur aus der Ferne betrachtet, fort. Man sieht ja immer klarer, wenn man nicht (mehr) Beteiligte ist. Es muß dem Publikum, das mittlerweile auch Frauen kennt, die interessante Liebhaber als erotische Bereicherung eines selbstbestimmten Lebens empfinden und nicht auf Ehe- und Familienglück als Lebensinhalt programmiert sind, jetzt aber noch einmal drastisch vor Augen geführt, wenn nicht gar eingebleut werden:

»Ob die mutmaßliche Vergewaltigung wirklich so stattgefunden hat, wie die Ex-Freundin behauptet, wird das Gericht hoffentlich klären können. Noch steht Aussage gegen Aussage. Gewiss jedoch ist schon jetzt, dass der Mann auf der Anklagebank die Frau auf der Nebenklägerinnenbank schwer gedemütigt und verletzt hat. Auch wenn so was nicht strafbar ist.«

Das ist nicht korrekt formuliert: ›ob eine Vergewaltigung stattgefunden hat‹, hätte es heißen müssen, wenn man die Unschuldsvermutung wirklich ernst nimmt. Nicht, ob »die mutmaßliche Vergewaltigung wirklich so wie behauptet« stattgefunden hat. Denn diese Einschränkung zieht lediglich in Zweifel, ob die Qualifikation eines besonders schweren Falles (Vorhalt eines Messers) vorliegt, den Vorwurf an sich läßt sie unberührt.

Aus feministischer Sicht besonders unkorrekt ist natürlich der Tatbestand, daß nun auch noch eine mutmaßliche Frau ins Verteidigerteam aufgenommen worden ist. Denn Kachelmann »war eingerahmt von vier Verteidigern. Der vierte ist neu in der Männer-Crew und eine Verteidigerin: die renommierte Strafverteidigerin Andrea Combé, an diesem spektakulären Tag direkt neben Kachelmann platziert.«

Opfer und Verräterinnen, wohin man auch schaut. Überall Trigger für den Kampfmodus, der allein erfülltes Leben bedeutet.
Mangelnde Sachkenntnis allerdings ebenfalls, wohin man auch schaut: Die Zahl der gewählten Verteidiger darf drei nicht übersteigen, dekretiert § 137 der Strafprozeßordnung. Bei dem vierten »Verteidiger« wird es sich daher um den »gewieften«, so Schwarzer, Medienanwalt Prof. Dr. Ralf Höcker gehandelt haben, dessen Präsenz angesichts solcher Berichterstattung ganz offensichtlich gefordert ist.

Schon am 9.9.2010 legt Alice Schwarzer nach:

»Hat Kachelmann etwas zu verbergen?«
fragt sie sich und ihre Leser.

Und belegt mit diesem Artikel gleich doppelt und dreifach, wie ungünstig es ist, Hobby-Reporter ohne juristisches Basiswissen, dafür aber mit klarem Verurteilungsfuror, als Gerichtsberichterstatter auf die Menschheit loszulassen.

»Was soll man davon halten? In diesem Prozess haben wir ein mutmaßliches Opfer, das seit Monaten auf Herz und Nieren geprüft wird. Eine Gutachterin hat 128 Seiten über die Glaubwürdigkeit der Ex-Freundin verfasst und sie zu ihrem ganzen Leben – von der Kindheit bis heute – befragt, plus intimer Details ihrer Beziehung zu Kachelmann.«

Welches Ergebnis zur Glaubhaftigkeit der Aussage das tatsächlich 126-seitige Glaubwürdigkeitsgutachten von Prof. Dr. Luise Greuel hat, verschweigt sie ihren Lesern, die sich angesichts der Flut diskreditierender Kachelmann-Artikel vielleicht nicht mehr so genau an den einschlägigen Bild-Bericht vom 6.6.2010 erinnern, in dem hierüber wie folgt informiert worden war:

»Das Ergebnis: Für Greuel erfülle die Schilderung der Vergewaltigung „nicht die Mindestanforderung an die logische Konsistenz, Detaillierung und Konstanz“. So könne das mutmaßliche Opfer die Tat selbst bei eingehender Befragung nur „vage und oberflächlich“ wiedergeben. Außerdem würden Sachverhalte dargestellt, die „handlungstechnisch unwahrscheinlich bis unmöglich“ seien, etwa, dass Kachelmann ihr nahezu ständig das Messer an den Hals gehalten haben soll.
Eine Falschaussage sei nach Angaben der Gutachterin damit keineswegs erwiesen, aber die im gerichtlichen Kontext gebotene Zuverlässigkeit der Aussagen sei nicht gegeben.«

Aber wenn Bild beim Spiegel abschreibt, ist das neue Hausblatt eben keine zuverlässige Quelle mehr.

»Ein weiterer Gutachter hat sich über sie gebeugt, um zu prüfen, ob die Frau, die ihren Ex-Freund der Vergewaltigung beschuldigt, auch wirklich einen traumatisierten Eindruck macht.«

Prof. Dr. Hans-Ludwig Kröber hat selbstverständlich nicht den Auftrag erhalten, zu prüfen, ob die Nebenklägerin »einen traumatisierten Eindruck mache«, sondern den, ob die von ihrem Psychotherapeuten, Prof. Dr. Günter Seidler, gestellte Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung zutreffend bzw. eine Aussagetüchtigkeit der Zeugin gegeben und die u.a. die Unzuverlässigkeit der Aussage begründende Lückenhaftigkeit der Tatschilderung als Folge eines erlittenen Psychotraumas zu erklären sein könnte.

»All diese Befragungen und Begutachtungen hat die 37-jährige Radiomoderatorin freiwillig über sich ergehen lassen. Sie hätte es nicht machen müssen. Doch sie tut es. In der Absicht zu beweisen, dass sie die Wahrheit sagt und keine Lügnerin ist.«

Mit der Freiwilligkeit ist das so eine Sache. Ein Zeuge steht unter Wahrheitspflicht. Er ist Beweismittel, in Fällen wie dem vorliegenden das einzige. Und nachdem mindestens zwei Aussagepsychologen der Verteidigung aufgrund einer Aktenanalyse durchschlagende Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihrer Aussage geäußert hatten, hätte eine Verweigerung der Mitwirkung an der daraufhin von der Staatsanwaltschaft am 15.4.2010 angeordneten Begutachtung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Einstellung des Verfahrens geführt. Insbesondere, nachdem der Zeugin in ihrer Vernehmung vom 20.4.2010 unwahre Angaben zur unmittelbaren Vorgeschichte der fraglichen Tat nachgewiesen worden waren. Hatte sie also eine Wahl, wenn sie, wie aus ihrem von Focus im Konjunktiv veröffentlichten ›Tagebuch‹ hervorgeht (»21.3. Der Sadist schmore im Knast. Dort gehöre er hin.«), Kachelmann hinter Gittern sehen wollte?

Daß der behandelnde Arzt, Prof. Dr. Seidler, ein Psychotraumatologe, seiner Klientin bedingungslos glaubt, nützt ihrer Sache wenig.

Wer sich mit einer unklaren Befindlichkeitsstörung an einen Internisten wendet, wird eine internistische Diagnose erhalten; dieselbe Störung wird von einem Orthopäden als orthopädische Problematik erkannt und von einem Psychosomatiker als typische psychosomatische Erscheinung. Spezialistentum verengt den Blickwinkel. Zutreffende Diagnosen werden oft erst nach jahrelanger Odyssee durch den medizinisch-industriellen Komplex erstellt.
Ein Psychotraumatologe, der von einem belastenden Ereignis im Leben seiner Klientin ausgeht, diagostiziert demnach eher eine Symptomatik, die auf einem Psychotrauma beruht, als eine andere seelische Störung. Das vertrauliche Therapeuten-Klienten-Verhältnis generiert zudem aus sich selbst heraus eine Befangenheit – überdies: die Klientin bezahlt den Therapeuten, und ohne ihre Entbindung von der Schweigepflicht dürfte er keine Angaben machen –, die den Arzt von vorneherein als unabhängigen Sachverständigen ausschließt.

War es also tatsächlich ›Freiwilligkeit‹, die die Zeugin mit dem vom Gericht bestellten Sachverständigen Kröber kooperieren ließ? Seidlers Meinung, daß das seiner Diagnose ›posttraumatische Belastungsstörung‹ zugrundeliegende lediglich behauptete Ereignis tatsächlich stattgefunden habe, war schon vom OLG Karlsruhe als »Zirkelschluß« und damit für eine juristische Beweisführung als ungeeignet verworfen worden. Die Mitwirkung an der Begutachtung durch Kröber bot demnach die letzte Chance, zumindestens die Lückenhaftigkeit der Tatschilderung als Begleiterscheinung eines spezifischen traumatischen Prozesses zu etablieren; die von Greuel zur Erklärung herangezogene weitere und nicht ausgeschlossene Hypothese für die Unzuverlässigkeit der Angaben war allzu schädlich: Absicherung des Managements einer Falschaussage...

»Jörg Kachelmann aber, der mutmaßliche Täter, hat bisher nur einmal gesprochen. Direkt nach der Verhaftung hat er bei der Polizei die fragliche Nacht aus seiner Sicht geschildert und bestritten, seine Ex-Freundin vergewaltigt zu haben.«

Falsch. Und zwar derartig falsch, daß man zwischen den Annahmen schwankt, Schwarzer verstehe den Bild-Job als anstrengungslos anzuzapfende Geldquelle, die eine Lektüre der bisherigen Presseveröffentlichungen zum Fall entbehrlich erscheinen lasse, oder aber: es liege eine bewußte Falschdarstellung vor, die die Bedeutung von Kachelmanns Aussage minimieren soll. Jörg Kachelmann war offenbar intelligent genug, sich spontaner Aussagen vor der Polizei zu enthalten. Daß man so etwas nicht tut, gehört überdies fast schon zur Allgemeinbildung. Jörg Kachelmann hat sich in einer Riverboat-Sendung von Januar 2009 von dem Ex-Staatsanwalt und -Richter Alexander Hold über das günstigste Verhalten bei Konfrontation mit der Polizei eingehend informieren lassen. Spontane Einlassungen vor der Polizei ohne anwaltliche Beratung waren demnach absolutes no-go.

Seine Sicht der Dinge, die über ein bloßes Bestreiten im übrigen weit hinausgeht, hat er daher erst in einer mehrstündigen Einlassung vor dem Haftrichter, vier Tage nach der Festnahme, am 24.3.2010, vorgetragen und ihm selbst ins Protokoll diktiert. Nach Aktenkenntnis und aufgrund von anwaltlicher Beratung. Was bedeutet, daß die bis zu diesem Zeitpunkt existierende Beweislage aus professioneller Sicht so gewertet worden war, daß eine substantiierte Aussage günstiger sei als ein Schweigen. Die Überprüfung der Angaben, so das offensichtliche Kalkül, werde Ermittlungen in Gang setzen, die nicht dem Beschuldigten, sondern der Anzeigeerstatterin schaden. So kam es dann auch, denn die auf seine Aussage hin am 26.3.2010 erfolgte Untersuchung von Laptop und Handy der Zeugin sowie die erneute Spurensicherung in ihrer Wohnung führten zu einer Erschütterung ihrer Glaubwürdigkeit.

Daß Beschuldigte und Angeklagte das Recht haben, zu den Vorwürfen zu schweigen, teilt Alice Schwarzer ihren strafprozessual unbedarften Lesern nicht mit – möglicherweise weiß sie es zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht. Es gehört ja bloß zu den grundlegenden Prinzipien eines Rechtsstaats, daß ein Beschuldigter an seiner Überführung nicht mitzuwirken braucht. Ganz sicher jedenfalls weiß sie nicht, daß es verboten ist, aus der Inanspruchnahme dieses Rechts negative Schlüsse zu ziehen.

»Eine Befragung für ein psychologisches Gutachten zu seiner Persönlichkeit hat der TV-Star bisher strikt abgelehnt. Und jetzt gehen seine Anwälte sogar so weit, die Anwesenheit eines Gutachters im Gerichtssaal verhindern zu wollen, der sich im Auftrag des Richters ein Bild von dem Angeklagten machen soll. Warum? Hat Kachelmann etwas zu verbergen?«

Manchmal gibt es Fragen, die klüger sind als jede denkbare Antwort. Manchmal belegen sie erschreckende Wissensmängel. Und dann gibt es noch die rhetorische Figur der Frage als Polemik. »Hat Kachelmann etwas zu verbergen?« bedeutet: Selbstverständlich, nämlich exakt diejenige psychische Deformation, die ihn zum Täter machte. Die Kenntnis seiner seelischen Konstitution, so denkt sie sich das in der berühmt-berüchtigten ›Parallelwertung in der Laiensphäre‹, ersetzt den Tatnachweis. Tatsächlich hat das Gericht den forensischen Psychiater Prof. Dr. Hartmut Pleines vorsorglich für den hypothetischen Fall des Tatnachweises bestellt, um die Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten zu klären, die für die Art und Höhe der Sanktion bedeutsam wäre. Naturgemäß versteht die Verteidigung Schwarzers Frage daher nicht:

»Im Gegenteil. „Wir sehen keine Veranlassung für eine Begutachtung, weil unser Mandant unschuldig ist. Er wird daher nicht mitwirken“, teilte seine Verteidigerin Andrea Combé mit. Ach so. Ja dann.«

Mehr fällt ihr zu dieser logischen Erklärung nicht ein. Sie hält nicht nur nichts von der Unschuldsvermutung, sie kann sich nicht einmal auch nur für wenige Sekunden vorstellen, daß Jörg Kachelmann unschuldig sein könnte, daher – schließlich leben wir in einem Rechtsstaat – zwingend von einem Freispruch ausgeht und eine Begutachtung zur Überprüfung seiner Schuldfähigkeit aus seiner Sicht daher überflüssig sein muß. Oder hat sie überhaupt Alles falsch verstanden und als Auch-Hobby-Psychologin die Funktion des psychiatrischen Sachverständigen Pleines verkannt? Hat sie womöglich »ein psychologisches Gutachten zu seiner Persönlichkeit«, das korrekterweise ein psychiatrisches genannt werden muß, mit einem aussagepsychologischen Glaubwürdigkeitsgutachten verwechselt? Ich befürchte, daß das der Fall ist. Denn so endet ihr ›Bericht‹:

»Übrigens, Frau Combé: Auch die Frau behauptet, die Wahrheit zu sagen. Es gibt also zwei Wahrheiten. Aber nur einer ist anscheinend bereit, seine persönliche Wahrheit auch überprüfen zu lassen.«:

Tatsächlich, so sieht es aus. Die »Überprüfung seiner persönlichen Wahrheit«: damit kann eigentlich nur gemeint sein, daß seine Aussagen über die ›Tatnacht‹ aussagepsychologisch auf ihre Glaubhaftigkeit begutachtet werden sollen: so stand’s schließlich am 7.9.2010 in ihrer besten Quelle, dem neuen Leib-& Magenblatt Bild:

»Nach Befangenheitsantrag

Richter setzt diesen Psychiater auf Kachelmann an

Dr. Hartmut Pleines soll den Wetter-Moderator im Verhandlungssaal auf Glaubwürdigkeit beobachten«


Da hätte sie lieber mal im grundsätzlich Kachelmann-feindlichen Focus nachgeschlagen, der schon am 2.8.2010 wußte, was am 6.9.2010 Sache sein wird:
»Auch will die 5. Große Strafkammer am Landgericht Mannheim Kachelmann selbst psychiatrisch begutachten lassen. Im Gespräch ist Hartmut Pleines, Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut in Heidelberg. Seine Gutachten gelten als kompetent, überzeugend und verständlich. Auf Kachelmanns Mitarbeit darf Pleines wahrscheinlich nicht zählen. Dessen Anwalt Birkenstock hatte bereits in der Vergangenheit eine psychiatrische Begutachtung seines Mandanten strikt abgelehnt.«

Oder sich, horribile dictu, auf Gisela Friedrichsen verlassen sollen, die in ihrem Bericht über den ersten Verhandlungstag anmerkt:
»Auch dass ein Sachverständiger anwesend ist, der sich zu Kachelmanns Schuldfähigkeit äußern soll, befremdet. Der Angeklagte hat sich diesem Gutachter gegenüber nicht geäußert. Auch vor Gericht wird Kachelmann schweigen. Soll er dann begutachtet werden aufgrund der Aussage des mutmaßlichen Opfers, von dem noch nicht bewiesen ist, ob es wirklich ein Vergewaltigungsopfer ist?«

Diese Frage gehört eindeutig zu denen, die klüger sind als jede denkbare Antwort.

Denkt man Schwarzers Irrtum über die Rolle des Sachverständigen Pleines zu Ende, wird einem rabenschwarz vor Augen. Welche Vorstellungen von ›Rechtsstaat‹ solche Irrtümer erst ermöglichen... Mittelalterliche Daumenschrauben sind zwar abgeschafft, aber die moderne Wissenschaft wird’s ersatzweise schon richten: sie entlarvt die bestreitende Einlassung eines Beschuldigten als Lüge.

Noch einmal zum Mitschreiben: ein Beschuldigter darf schweigen und er darf lügen. Das ist sein gutes Recht. Ein Zeuge darf ersteres nur in den gesetzlich geregelten Ausnahmefällen und letzteres gar nicht. Denn auf ihn müssen sich Staatsanwaltschaft und Gericht verlassen können, wenn dem Beschuldigten/Angeklagten eine Tat nachgewiesen werden soll. Ein Angeklagter ist unschuldig bis zum jenseits eines vernünftigen Zweifels erbrachten Beweis des Gegenteils.

Hat eventuell Schwarzer etwas zu verbergen?

Leider allzuviel, und es gelingt ihr nicht immer, es durch bloße Rhetorik zu überspielen.

2. Prozeßtag, 13.9.2010

Der Befangenheitsantrag ist zwischenzeitlich zurückgewiesen worden – Die Nebenklägerin erscheint erneut – Antrag auf Zulassung der Mediatorin Post- Birkenstock zur Betreuung des Angeklagten – Verlesung der Anklage – Erklärung, daß der Angeklagte an seiner früheren Aussage festhalte, eine Einlassung vorerst aber nicht erfolgen solle – ein erfolgloses Rechtsgespräch – umfangreich begründeter Antrag der Verteidigung mit Zitaten aus den Gutachten Greuel und Kröber, die Beziehungszeuginnen nicht bzw. erst nach der Vernehmung der Nebenklägerin zu vernehmen – Antrag auf Vernehmung einer Zeugin – Antrag auf Vernehmung der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft, die der Nebenklägerin am 20.4.2010 Haftfortdauer des Beschuldigten zugesagt haben sollen – Verlesung der Aussage Jörg Kachelmanns vom 24.3.2010 vor dem Haftrichter in öffentlicher Hauptverhandlung

»Kachelmanns Anwalt will Zeuginnen verhindern«

lautet die Überschrift von Alice Schwarzers Artikel vom 13.9.2010, 23.47 Uhr, zum ereignisreichen zweiten Prozeßtag.

Und wären die Bild-Leser nicht zuvor zeitnah durch die Bild-Profis Jörg Völkering & Co. über das Geschehen vor Gericht:

sowie detailreich über den Inhalt der bestreitenden Einlassung Kachelmanns vor dem Haftrichter am 24.3.2010 unter der reißerischen Schlagzeile informiert worden:

»So war die Sex-Nacht«

hätten sie nichts von dem, was sich wirklich ereignet hat, erfahren. Daß die Anklage verlesen wurde, welchen Inhalt die Aussage des Angeklagten hat, die in öffentlicher Hauptverhandlung verlesen wurde – das alles ist Alice Schwarzer keines Kommentars wert. Nein, für diesen Tag hat sie sich etwas anderes vorgenommen. Sie will die Verteidigung aufs Korn nehmen. Sie will dem Publikum suggerieren, daß zwischen Täter und Opfer, ganz ohne Anführungszeichen, keine Waffengleichheit herrsche. Bereits vor Betreten des Gerichtssaals ist sie auf entsprechenden Krawall gebürstet:

»8.50 Uhr: Noch immer stehen rund 20 Menschen an, die den Prozess im Saal verfolgen wollen.

Alice Schwarzer zu Bild: „Ich hoffe, dass der Prozess heute ohne weitere Verzögerungstaktiken der Verteidigung weitergeht.“«

Und auch später sagt sie mutig ihre Meinung:

»Alice Schwarzer in der Verhandlungspause zu Bild: „Auf der einen Seite das mutmaßliche Opfer, ihr gegenüber Kachelmann mit seinem Tross. Da wird das Ungleichgewicht der Kräfte richtig sichtbar. Hoffentlich wirkt sich das nicht auch auf den Prozess aus.“«

Befangenheitsanträge sind naturgemäß ein Element von Verzögerungstaktik, denn Richter können schon von Berufs wegen gar nicht befangen sein; so steht es doch auch in vielen der zu 95% abschlägigen Entscheidungen der Gerichtskollegen. Ein langwieriges Verfahren liegt selbstverständlich im Interesse des Angeklagten, der der Stunde der Wahrheit nicht so rasch ins Auge blicken will und dafür gern in Kauf nimmt, monatelang im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen und ein Vermögen für seine Verteidigung auszugeben. Kein normales Leben mehr zu haben. Sehr nachvollziehbar. Dazu paßt es dann allerdings nicht, daß die Verteidigung auf eine Reduzierung des Prozeßstoffs hinaus will:

»So richtig zur Sache ging es vor der Mittagspause. Da beantragte der Kachelmann-Verteidiger die Ausladung der Mehrheit der neun Ex-Geliebten, die als Zeuginnen geladen sind.
Begründung: Er hält die zu erwartenden Aussagen für einen Verstoß gegen die Menschenwürde seines Mandanten. Dabei dürften sie eher ein Verstoß gegen die Menschenwürde dieser Frauen sein, denen Kachelmann allen gleichzeitig die Ehe, Kinder, kurzum das Glück versprochen hatte.«

Steter Tropfen höhlt den Stein: schon wieder werden die keineswegs bewiesenen unmoralischen Versprechungen des Herzensbrechers aufs Tapet gebracht. Nun sind es gar schon neun, denen Heiratsanträge gemacht wurden. Überdies: eine Alice Schwarzer, die sich als empathische Kämpferin für Frauen geriert, deren Lebensziel Ehe, Kinder, »kurzum das Glück« ist, wirkt schlicht unglaubwürdig. Solche Frauen würde sie normalerweise lieber auf den Mond schießen als deren Interessen zu vertreten. Interessant sind sie nur, wenn sie als Opfer männlichen Egoismus’ rekrutiert und zum Zweck der Selbsterhöhung instrumentalisiert werden können.

Schwarzer ist zudem die Einzige, die diese Begründung – Verstoß gegen die Menschenwürde des Angeklagten – gehört hat. Was hatten ihre Bild-Kollegen noch mal geschrieben? Ah ja:
»Er kritisierte den Ablauf des Verfahrens, vor allem die Tatsache, dass das angebliche Opfer Sabine W. erst so spät aussagen soll. Er beantragte, die Aussage von Sabine W. vorzuziehen.
Birkenstock: „Wir sind in einer Situation wo wir nicht einmal wissen ob die Belastungszeugin eine Aussage machen wird, oder ob sie vielleicht einräumt, dass sie Herrn Kachelmann falsch belastet hat. Und bevor wir das nicht wissen, gibt es keine Gründe das Privatleben des Herrn Kachelmann auszubreiten.«

Das hört sich logisch an. Dagegen läßt sich nichts einwenden – weshalb Schwarzer auch nur den Antragsteil erwähnt, mit dem eine Beschränkung auf diejenigen Zeuginnen erstrebt wird, die Kontakt zur Belastungszeugin oder Kontakt zum Angeklagten kurz vor und nach der Tat hatten. Denn die anderen können bei der Tataufklärung nicht mitwirken. Wie schon Gisela Friedrichsen angemerkt hatte:
»Die Kontroverse am ersten Prozesstag gibt einen Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf. Denn ob tatsächlich all jene Damen als Zeuginnen auftreten werden, die das Gericht als ehemalige Geliebte Kachelmanns geladen hat, ist fraglich. Was können sie zum Tatvorwurf beitragen? Sie waren nicht dabei. Und ob der Angeklagte sich ihnen gegenüber nett oder weniger nett benommen hat – was sagt das über sein Verhalten in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar aus?«

Die letzte Frage ist für Alice Schwarzer lediglich eine rhetorische:
»Oder hat sie sich das alles nur ausgedacht und will sich rächen?
Nach einer Antwort auf diese zentralen Fragen wird das Gericht ebenso bei den Aussagen der anderen Ex-Freundinnen von Kachelmann suchen. Haben auch sie ihn schon mal als herrschsüchtig, bedrohlich oder gar gewalttätig erlebt? Hat er der einen oder anderen unter ihnen ebenfalls gestanden, er sei ein krankhafter Frauenhasser und müsse dringend in Behandlung – wie es das Opfer für die fragliche Nacht behauptet?
Es ist also unwahrscheinlich, dass das Gericht auf diese Zeuginnen verzichtet. Doppelt nicht, da Kachelmanns Verteidiger gleich zu Beginn verkündete, dass sein Mandant in diesem Prozess nicht reden werde.«

Fragen wird man ja wohl noch dürfen. Auch wenn nichts in der bisherigen Berichterstattung ›aus den Akten‹ oder aus den Selbstdarstellungen der an die Öffentlichkeit strebenden und dafür gut bezahlten Zeuginnen darauf hingedeutet hat, die Ex-Freundinnen könnten derartiges aussagen. Mit Ausnahme eines behaupteten Vorfalls aus dem Jahr 2001 (Focus berichtete in der Printausgabe vom 2.8.2010, die entsprechende Vorab-Online-Kurzfassung ist aus unmittelbar einleuchtenden Rechtsgründen ebenso entfernt worden wie die entsprechende Passage in der Online-Fassung des Artikels) haben diejenigen Frauen, die am Ausleben von SM-Phantasien Gefallen gefunden haben, betont, daß die einvernehmlich gezogenen Grenzen immer respektiert worden seien. Fragezeichen-Sätze als Mittel der Unterstellung sind ein gängiges Stilprinzip in Schwarzers Texten. Im Ergebnis behält sie, das war abzusehen, recht: der Vorsitzende lehnt den Antrag der Verteidigung in der nächsten Hauptverhandlung, am 15.9.2010, ab. Nebenbei entzieht er Schwarzers Annahmen aber die Grundlage, wie wir verständlicherweise nicht bei Schwarzer, sondern bei Friedrichsen lesen:

»Die Kammer bemüht sich um Ausgleich. Zwar bleibt es bei der Ladung der Zeugen – erst Polizei, dann die Eltern der mutmaßlich Geschädigten, dann die Reihe der Ex-Freundinnen des Angeklagten, ehe die Hauptzeugin aussagen soll – wogegen die Verteidiger Kachelmanns protestierten.
Doch die Frage, ob sich dies nachteilig für den Angeklagten auswirken werde, habe nicht Sorge der Verteidigung zu sein, so der Vorsitzende Michael Seidler [recte: Seidling]. Die Kammer wolle sich einen Eindruck von der Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin verschaffen. Außerdem habe keine der Zeuginnen bisher von Gewalt im Kontakt mit Kachelmann berichtet. Die Kammer sehe auch nicht die von der Verteidigung beschworene Gefahr, “dass sich die Nebenklägerin dem bis dahin erzielten Beweisergebnis anpasst“. Denn es gebe schließlich bereits zahlreiche Äußerungen der Nebenklägerin vor Verhörspersonen.«

Nun aber leistet sich die Verteidigung Ungeheuerliches, findet Alice Schwarzer:

»Im gleichen Atemzug stellte Verteidiger Birkenstock auch die Erkenntnisse der Traumatologie, dieser Wissenschaft vom Opfer, fundamental infrage. Er griff den renommierten Heidelberger Traumatologen Prof. Dr. Seidler, der als Zeuge geladen ist, als inkompetent an. Denn der habe bei der Befragung des mutmaßlichen Opfers die „manipulative Potenz“ der Frau nicht erkannt.«

Daß sie hier und im Folgenden immer die Psychotraumatologie meint, sei nur am Rande angemerkt. Viel wichtiger ist, was sie dem Publikum verschweigt: nicht der Jurist Birkenstock greift den behandelnden Therapeuten der Nebenklägerin – der sie gerade nicht mit Aufklärungsinteresse »befragt« hat – als inkompetent an: er zitiert ausführlich aus dem nun vorliegenden und der Öffentlichkeit noch unbekannten Gutachten des vom Gericht bestellten Sachverständigen Prof. Dr. Hans-Ludwig Kröber. Der eben zu dem Ergebnis kam, daß die Zeugin uneingeschränkt aussagetüchtig sei, bei ihr kein Psychotrauma vorliege und demzufolge auch keine psychotraumatisch begründeten Gedächtnisstörungen anzunehmen seien. Was dieses Ergebnis für die Beweislage im Kachelmann-Verfahren bedeutet, versteht Alice Schwarzer durchaus:

»In dem in den Medien bereits im Voraus zitierten Gutachten der Psychologin Prof. Greuel wird die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers angeblich als zum Teil „nicht belastbar“ eingestuft, weil die Frau sich nur bruchstückhaft erinnern kann.
Heißt das, dass sie lügt?
Nicht unbedingt. Es könnte sogar genau das Gegenteil bedeuten, sagen Traumaforscher. Diese schemenhaften Erinnerungen in Fragmenten könnten ein Beweis dafür sein, dass sie die Wahrheit sagt. Denn genau dieses gestörte Erinnerungsvermögen ist typisch für Traumatisierte.«

Unabhängig davon, daß die angeblich typischen Erinnerungsstörungen wissenschaftlich umstritten und neurobiologisch noch nicht nachgewiesen sind: Schwarzer teilt ihren Lesern nicht mit, daß dieser Erklärungsversuch für die Lückenhaftigkeit der Tatschilderung durch das Gutachten Kröbers widerlegt ist. Nach ihrer Darstellung handelt es sich vielmehr um den dreisten Versuch der Verteidigung, ohne Sachkenntnis einen »renommierten« Arzt zu demontieren, nur weil der als Therapeut auf der Seite des mutmaßlichen Opfers steht... Vor allen Dingen aber haben wir es mit einer Verteidigung zu tun, die nicht davor zurückschreckt, das mutmaßliche Opfer als Staatsschauspielerin schlechtzumachen.

Hätte es zuvor nicht den aufklärenden Beitrag Sabine Rückerts vom selben Tag in Zeit-Online, 13.9.2010, 17.35 Uhr:
»Prozesstag mit schwachen Beweisen
Das Gutachten eines Sachverständigen ließ schon zu Beginn des Prozesses gegen Jörg Kachelmann viele Fragen offen. Wie will die Staatsanwaltschaft die Tat nachweisen?«

gegeben: diese wichtige Weichenstellung für den Prozeß wäre einem glatt entgangen. Hat Schwarzer lediglich nicht mitbekommen, daß Birkenstock aus dem Gutachten Kröbers zitierte? Oder hat sie diese Information bewußt weggelassen, weil sie ihr nicht ins Verurteilungs-Konzept paßte?

Es gibt starke Anhaltspunkte für die letzte Annahme: denn noch am selben Tag, dem 13.9.2010, schlägt Emma gegen Sabine Rückert zurück, in dem ungezeichneten, aber im typischen Schwarzer-Behauptungs-Stil, der insbesondere bei zweifelhafter Faktenlage den sonoren Brustton der Überzeugung produziert, (»Wie wir wissen, ist die Vergewaltigung quasi immer mit Todesdrohungen verbunden. Vergewaltigte Frauen (oder Männer) sind also klassische Traumatisierte.« »Wir erinnern:«) verfaßten Artikel:

»Kachelmann-Prozess Die Zeit disqualifiziert Traumatologie«

In diesem Beitrag wird mit derselben Methode gearbeitet wie in dem Bild-Bericht: war es dort Rechtsanwalt Birkenstock, der aus durchsichtigen Gründen die Psychotraumatologie angreift, ist es hier die Gerichtsreporterin Sabine Rückert:
»In der aktuellen Ausgabe der Zeit stellt Gerichtsreporterin Sabine Rückert in ihrer Berichterstattung über den Fall Kachelmann mit ein paar Sätzen mal eben die gesamte Traumaforschung in Frage. Denn deren Erkenntnisse passen offenbar so gar nicht zu Rückerts Sicht der Dinge.«

Weiter heißt es dort:

»„Viele forensische Sachverständige halten allerdings wenig von der Traumatologie“, schreibt nun Sabine Rückert.« Besonders empörend für Emma: »Als Kronzeugen für diese Aussage beruft sie ausgerechnet den seit Jahren hochumstrittenen Berliner Aussagepsychologen Prof. Max Steller, der mit seinen Gutachten im „Fall Pascal“ oder den Wormser Missbrauchs-Prozessen entscheidend zum Freispruch der Angeklagten beigetragen hatte. Dieser Gutachter, der seit Jahren die „Zeitgeist“-Manie geißelt, „überall sexuellen Missbrauch finden zu wollen“, negiert die Bedeutung einer international etablierten Disziplin, die Phänomene wie Abspaltung und Dissoziation seit Jahrzehnten an Holocaust-Überlebenden und Vietnam-Veteranen sowie später dann auch an Opfern sexueller Gewalt nachgewiesen hat.«

Prof. Dr. Max Steller ist tatsächlich ein rotes Tuch für Feministinnen und daher lediglich in diesen Kreisen »hochumstritten«, während er in der Sphäre von Justiz und Wissenschaft als ›Aussagepapst‹ gehandelt wird; seine Beratungstätigkeit für den Bundesgerichtshof hat nämlich dazu geführt, daß das oberste Gericht am 30.7.1999 wissenschaftliche Mindeststandards für aussagepsychologische Gutachten festlegte, die die klassischen ›Aufdeckungsgutachten‹ feministischer Beratungsstellen hinsichtlich ›verdrängter‹ traumatischer Sexualerlebnisse mittels Deutung von Kinderzeichnungen und Spiel mit anatomisch korrekten Puppen als unwissenschaftlich und damit als Beweismittel ausschlossen. Und mit seinen Gutachten in den drei monströsen Wormser Mißbrauchsprozessen, in denen von Aufdeckungsspezialistinnen suggestiv bearbeitete Kinder immer absurdere Geschichten erzählten (wie schon im gleichgelagerten ›Montessori‹-Verfahren), hat er drohende Fehlurteile verhindert – diese Freisprüche hält Schwarzer, unbelehrbar bis zur Schmerzgrenze, auch heute noch für himmelschreiendes Unrecht.

Emma/Schwarzer kritisiert hier einen Artikel Rückerts aus der »aktuellen« Zeit, nämlich die Prozeßbeobachtung »Ein verfahrenes Verfahren. Prozessauftakt im Fall Kachelmann: Kann der Angeklagte noch auf eine faire Behandlung hoffen?« in der Ausgabe vom 9.9.2010.

Der tagesaktuelle Zeit-Online-Artikel Rückerts »Prozesstag mit schwachen Beweisen« vom 13.9.2010 bleibt hier noch unbeachtet: erkennbares Ziel ist es, Rückert als ideologisch verblendete Person zu diskreditieren, die auf Seiten der ›Täter‹ steht und kein Herz für kindliche oder weibliche Opfer hat. Daß es der engagierten Journalistin Rückert darum geht, wahre Opfer von vermeintlichen zu unterscheiden, um den Rechtsstaat vor Fehlurteilen zu bewahren, wird ausgeblendet – ebenso wie es peinlich vermieden wird, den Sachverständige Hans-Ludwig Kröber zu erwähnen, der die Belastungszeugin im Fall Kachelmann untersucht hat.
Und so wird nicht nur dem Bild-, sondern auch dem Emma-Publikum vorenthalten, was Rückert aktuell, am 13.9.2010, zum Kachelmann-Verfahren tatsächlich schreibt:

»Was Reinhard Birkenstock nun aus dem Kröber-Gutachten zitiert, lässt vermuten, dass dieser Sachverständige die Zunft der Traumatologen bestenfalls für eine Glaubensgemeinschaft hält. Wer eine existenziell bedrohliche Lage erlebt habe, schreibt Kröber, der schalte seine Wahrnehmung doch keineswegs ab – im Gegenteil: “Es findet eine Fokussierung auf das Kerngeschehen statt.“ Dieses Kerngeschehen werde “nahezu eingebrannt ins Gedächtnis“ und werde auch noch nach Jahrzehnten “prägnant erinnert“.«
Aus Rückerts Prozeßbericht ergibt sich auch, wem die Urheberschaft an dem Begriff »manipulative Potenz« zukommt:
»Bei der Nebenklägerin, der Kröber durchaus einige “manipulative Potenz“ zuerkennt, hat der Kriminalpsychiater allerdings kein Trauma gefunden.«

In ihrem Editorial vom 20.9.2010 zur Emma/Herbst 2010 legt Schwarzer nach: und mittels entstellenden Teil-Zitats schafft sie es auch hier, zu verschleiern, daß Sabine Rückert in ihrem Prozeßbericht den Sachverständigen Kröber zitiert:

»Am 13. September lud die von tieferen Erkenntnissen offensichtlich wenig belastete Hobbypsychologin Rückert auf ZeitOnline nach. Sie erklärte kurzerhand die gesamte „Zunft der Traumatologen“ – also der WissenschaftlerInnen, die die Folgen der Traumatisierung von Opfern erforschen – zu einer „Glaubensgemeinschaft“. Die Traumatologie ist seit 1980 eine international anerkannte Wissenschaft. Und ohne ihre Erkenntnisse – gewonnen bei Holocaust-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern sexueller Gewalt – hätten die verstummten Opfer bis heute keine Stimme.«

Danach versucht sie, Rückert und Friedrichsen irgendwie dafür verantwortlich zu machen, daß das Landgericht Mannheim einen erfahrenen forensischen Psychiater (unter denen sich nun mal keine Psychotraumatologen befinden, die sich auf Therapie und Forschung verlegt haben) mit der Untersuchung der Aussagetüchtigkeit der Nebenklägerin beauftragt hat, bleibt aber naturgemäß einen Beweis für den von ihr vage angedeuteten Zusammenhang schuldig:

»Doch es zeichnete sich schon länger ab, dass ausgerechnet die Gerichtsreporterinnen der zwei als fortschrittlich geltenden Wochenblätter Zeit und Spiegel, sich bedingungslos in den Dienst der traditionellen Psychiatrie und deren Abwehrkampf gegen die neuere Disziplin der Traumatologie stellen. Im Fall Kachelmann gipfelt das in einem wahrhaft vernichtenden Angriff auf den Traumatologen Prof. Günter Seidler von der Universität Heidelberg durch den Psychiater Prof. Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité, der vom Gericht für ein Gutachten über die Gutachter bestellt wurde. [...] Das Gutachten über die Gutachten des Berliner Psychiaters geriet schließlich über 58 Seiten zu einem Traktat: zur vernichtenden Abrechnung mit der von ihm offensichtlich verachteten Traumatologie. Dem behandelnden Therapeuten Seidler wirft er „Kritiklosigkeit“ und „Selbstverleugnung“ gegenüber der Patientin vor.«

Was soll das sein, ein »Gutachten über die Gutachter«? Oder gar »über die Gutachten«? (Derselbe Druckfehler findet sich auch in der Printfassung des Editorials). Nicht, daß Schwarzer es nicht besser wüßte: die Bild-Leser hat sie schließlich, schon etwas näher dran an der Wahrheit, am 9.9.2010 über den Gutachtenauftrag Kröbers halbwegs aufgeklärt: »Ein weiterer Gutachter hat sich über sie gebeugt, um zu prüfen, ob die Frau, die ihren Ex-Freund der Vergewaltigung beschuldigt, auch wirklich einen traumatisierten Eindruck macht.« Ein Auftrag, der auf eine Überprüfung der Diagnose des als Therapeut ›befangenen‹ Psychiaters Seidler, der prozessual nur als sachverständiger Zeuge in Betracht kommt, hinausläuft.

So genau wie die Bild-Leser dürfen es ihre Emma-Leserinnen allerdings nicht wissen: sie werden bewußt für dumm verkauft und in die Irre geführt; das unter Umständen mitprozeßentscheidende Ergebnis des Kröber-Gutachtens – es liegt kein Trauma vor, die Diagnose des »kritiklosen« Psychotraumatologen ist falsch – wird ihnen vorenthalten. Alice Schwarzer muß gar nicht einmal aus Rückerts Prozeßbericht abschreiben, um das Ergebnis referieren zu können. Das Gutachten liegt ihr vor: sie weiß, daß es 58 Seiten stark ist, zitiert daraus: »Die erzählte nun dem Gutachter der Gutachter ohne Arg, sie sei heute ganz sicher nicht mehr am Leben ohne die Hilfe von Seidler. Was Kröber spöttisch mit den Worten kommentierte, es sei „sehr gefühlvoll und mit einem schwärmerischen Strahlen vorgetragen“ worden«, und sie bietet den Leserinnen auch den letzten Satz der Expertise dar.

Ihr Wissen unterschlägt sie jedoch und verfälscht das für die Nebenklägerin desaströse Ergebnis ins Gegenteil: »Doch in Bezug auf die Kernfrage geht die Sache aus wie das Hornberger Schießen. Kröbers letzter Satz lautet: „Die Glaubhaftigkeit der Aussage war nicht Gegenstand dieses Gutachtens.“«

Selbstverständlich kann etwas, das nicht Gegenstand des Gutachtens war, nicht eine andersgelagerte prozessuale »Kernfrage« behandeln. Schwarzer muß ihre Leserinnen für intellektuell minderbemittelt halten, wenn sie glaubt, mit dieser Desinformationspolitik auf Dauer durchzukommen. Natürlich widmet sich ein Psychiater, der seine fachlichen Grenzen kennt und einen begrenzten Auftrag hat, keiner aussagepsychologischen Fragestellung. Selbstverständlich bedeutet seine Diagnose der Nebenklägerin, wie sie Rückert am 13.9. gemäß Birkenstocks Vortrag in der Hauptverhandlung zitiert: »eine normalpsychologisch nachvollziehbare emotionale Labilität, insbesondere durch Kränkungen, die ihr Jörg Kachelmann zugefügt habe“«, nicht, daß damit eine unmittelbare Würdigung der Glaubhaftigkeit oder Unglaubhaftigkeit ihrer Aussage getroffen wird.

Sie bedeutet allerdings, daß die Lückenhaftigkeit und Unzuverlässigkeit ihrer Aussage nicht mit einem traumatischen Prozeß begründet werden kann, wie es ihr Therapeut behauptet und von der Aussagepsychologin zumindest als Hypothese diskutiert worden sein muß, versteht man die Veröffentlichungen recht. Das Ergebnis von Kröbers Untersuchung dürfte Alice Schwarzer auch nicht weiter verwundern: im Rahmen des Artikels »Vergewaltigung / das straflose Verbrechen« in Emma/Herbst 2010, S. 41-47, in dem die Psychotraumatologie sogar bemüht wird, um eine Erweiterung des Tatbestandes der Vergewaltigung zu fordern, bekundet die Oberärztin für Psychotraumatologie an der Uniklinik Dresden, Dr. Julia Schellong, klipp und klar: »Fehlende Erinnerung ist allerdings kein Beweis für ein traumatisches Erlebnis.« (S. 44). Dem ist nichts hinzuzufügen.

Es entspringt daher einem Kalkül, daß Alice Schwarzer in ihrem Bild-Artikel vom 13.9. die Gutachterzitate Kröbers unterschlägt und dessen Einschätzung, wonach die Zeugin über »manipulative Potenz« verfüge, zu Unrecht der Verteidigung als Diffamierung des Opfers anhängt. Aus demselben Kalkül wird Sabine Rückert in den Emma-Artikeln vom 13. und 20.9.2010 wahrheitswidrig als inkompetente Demagogin gegen die Psychotraumatologie gegeißelt, weil letztere nicht in deren subjektiv-parteiische ›Kachelmann ist unschuldig‹-Kampagne passe.

Denn umgekehrt wird ein Schuh daraus: dem Kampf für eine falsch verstandene Psychotraumatologie, die aus Symptomen auf eine Ursache schließt, obwohl Voraussetzung der Diagnose PTBS ein tatsächlich stattgefundenes (und nicht unterstelltes oder sogar erst zu eruierendes, da nicht einmal berichtetes) lebensbedrohliches Ereignis ist – kriminologisch trifft das nur für eine Minderheit der Sexualdelikte zu –, liegt die Neigung zugrunde, Frauen und Kinder als Opfer männlicher Gewalt zu definieren. Je ungenauer etwas erinnert wird, desto stärker die Traumatisierung, lautet die Devise, die letztlich das Erfordernis eines rechtsstaatlich einwandfreien Tatnachweises negiert und auf eine Abschaffung der Aussagepsychologie als wissenschaftlicher Disziplin abzielt.

Rechtsanwalt Johann Schwenn, Revisions- und Wiederaufnahmespezialist, der zahlreiche Fehlurteile wegen sexuellen Mißbrauchs bzw. Vergewaltigung verhindern bzw. zu deren Aufhebung beitragen konnte (und der seit dem 29.11.2010 neuer Hauptverteidiger im Kachelmann-Verfahren ist), faßte am 16.9.2010 nach einer neuerlichen Aufhebung eines gravierenden Fehlurteils des Landgerichts Hannover wegen mehrfacher Vergewaltigung das Dilemma in einem Interview wie folgt zusammen:

»Bei der Polizei oder bei der Staatsanwaltschaft erscheint eine Zeugin, die einen mitleiderregenden Eindruck macht, und berichtet von den ihr zugefügten Verbrechen. Und dieser Eindruck führt dazu, dass man jede Professionalität fahren lässt und von Anfang an davon überzeugt ist, dass man es mit einem Opfer zu tun hat. Dabei weiß man überhaupt nicht, ob die Zeugin, wenn sie nicht ohnehin lügt, tatsächlich Opfer des von ihr Beschuldigten oder Opfer einer psychischen Störung ist. Doch solche psychischen Auffälligkeiten werden nicht nur übersehen, sondern sie werden oft zwanglos mit der Modediagnose der posttraumatischen Belastungsstörung erklärt. Menschen, die etwas Schreckliches erlebt haben, werden oft an psychischen Folgen leiden – – – denken Sie an die Überlebenden des Eschede-Unglücks. Aber die seriöse Psychiatrie lehrt vor allem eines: Ein Trauma führt weder zu unwahren Angaben noch zu selbstverletzendem Verhalten. Es gibt keinen empirischen Beleg für die Annahme, dass die Symptome einer Borderline-Persönlichkeitsstörung durch sexuellen Missbrauch ausgelöst werden. Trotzdem ist es das Glaubensbekenntnis vieler Staatsanwälte und leider auch Richter, dass es so sei. Und man lässt sich nach Möglichkeit auch nicht von einem unabhängigen Sachverständigen belehren, sondern von dem Arzt des jeweiligen Mädchens. Das ist die dunkle Seite des Opferschutzes, indem man dem vermeintlichen Opfer bedenkenlos glaubt. Auch der Psychiater des Vertrauens des Landgerichtes Hannover war dem Kreisschluss erlegen, mit der Tat, die ja erst festgestellt werden sollte, sei die Ursache der Störung erklärt. Das ist ein Fehler, den alle Traumatherapeuten machen. Die leben davon. Die posttraumatische Belastungsstörung ist eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Von keinem Traumatherapeuten werden Sie hören, dass kein Trauma vorliegt. Er ist der natürliche Verbündete der Nebenklägervertreterin.«

Diese Fehlerquellen-Analyse klingt wie eine Blaupause zum Dissens zwischen dem Therapeuten Seidler und dem Sachverständigen Kröber im Kachelmann-Verfahren...

Immerhin, die Verteidigung schafft es, die Prozeßbeobachterin Schwarzer nicht nur in aufgebrachte, sondern streckenweise auch in heitere Stimmung zu versetzen:
»Nicht ganz ohne Komik war der erste Antrag des Kachelmann-Verteidigers an diesem Tag. Er forderte für den Angeklagten die Zulassung eines vierten Anwalts: des Medienanwalts Ralf Höcker, „zum Schutz meines Mandanten vor den Medien“.«
Das wäre doch nun wirklich nicht nötig gewesen, bei so vielen ›Freundinnen‹ in der seriösen Presse und angesichts der Berichte der einzigen objektiven Journalistin Schwarzer, als die sie sich verkauft.

»Damit nicht genug: Birkenstock beantragte außerdem, dass seine Frau, Johanna Post-Birkenstock, an diesem Prozess im Saal teilnehmen dürfe. Die war schon im Vorlauf als „Mediatorin“ für Kachelmann in der U-Haft tätig gewesen, quasi als Lebensberaterin. Jetzt soll sie, so ihr Ehemann wörtlich, den Angeklagten „in den Pausen betreuen“. Ihm also das Händchen halten? Dem Antrag wurde stattgegeben.«
So eine Anklage ist zwar kein »Pappenstiel«, aber die hat sich der Angeklagte selbst zuzuschreiben, genauso wie das mediale Dauerfeuer, und überhaupt: ein Mann braucht keine Betreuung. Männer sind nicht schwach. Ein Mann steht so einen Strafprozeß durch wie – wie ein Mann eben. Selbst wenn er unschuldig ist. Wenn es hart auf hart kommt, vergißt Alice Schwarzer die »Positionen«, die sie als ihr Credo in ihren Blog eingestellt hat:

»2. Ich glaube nicht, dass Frauen von Natur aus das bessere Geschlecht sind und Männer das destruktivere. Es ist die Macht bzw. die Ohnmacht, die die Menschen verformt. Ich bin dafür, dass Frauen auch kreativ oder stark sein können – und Männer auch fürsorglich oder schwach.«

Weshalb auch die Aussagen des Angeklagten außerhalb ihrer Betrachtungen bleiben – schade, ein feministischer Kommentar zu diesen Ausführungen wäre doch für unsereins, der ohne Scheuklappen durchs Leben schreitet, sehr erhellend gewesen:
»Kachelmann hatte in der Vernehmung vor dem Haftrichter gesagt, er habe feststellen müssen, dass seine beiden Kinder in Kanada nicht von ihm stammten. Daraufhin habe er sich in wechselnde Beziehungen geflüchtet. “Meine Suche nach Bestätigung habe ich sicher etwas ausführlicher gestaltet.“«

Aber jetzt wird es auch schon wieder ernst. Es geht um Gerechtigkeit, und die ist in diesem Verfahren schon deshalb in Gefahr, unter die Räder zu geraten, weil sich der Angeklagte eine aufwendige Verteidigung leisten kann:

»Da fällt das Ungleichgewicht der Waffen doppelt ins Auge: Hier der Angeklagte, eingerahmt von vier Anwälten, einer Seelentrösterin und vier Experten. Da das mutmaßliche Opfer, allein, neben sich nur den Opferanwalt.«

Man fragt sich, wie Schwarzer die beiden Staatsanwälte übersehen kann, die so unübersehbar auf der Seite des mutmaßlichen Opfers sitzen und agieren. Vier Experten (Pleines, Mattern, Greuel und Kröber) rahmen auch das mutmaßliche Opfer ein, weil sie von Gericht und Staatsanwaltschaft bestellt wurden und daher von vorneherein ein Fragerecht haben (im Gegensatz zu den von der Verteidigung gestellten Sachverständigen). Daß Schwarzer diese Experten bei Betrachtung des Gerichtssaals ausblendet, liegt wohl daran, daß die drei Gutachten, die sich auf die Belastungszeugin beziehen, nicht zu deren Gunsten ausgefallen sind; aber das kann sie beim besten Willen leider nicht der ›übermächtigen‹ Verteidigung anlasten. Zum Schluß menschelt es, Boulevard ist eben Boulevard:

»Wohl nicht zufällig trug die 37-jährige Radiomoderatorin an diesem Tag eine robuste schwarze Lederjacke, drei Nummern zu groß. Wie ein Panzer. Sie verließ den Saal nach Verlesung der Anklage und wird erst als Zeugin wiederkommen.
Ihr hält vermutlich in den Pausen niemand die Hand.«

Eine wohl nicht zufällige Vermutung, so wenig wie wie diejenige, die »Seelentrösterin« Johanna Post-Birkenstock werde dem Angeklagten »das Händchen halten«. So schließt sich zwanglos der Kreis.

Alice Schwarzer wird es der Zeugin nachmachen (nein, nicht extra eine drei Nummern zu große Panzerjacke kaufen! Derlei plakative Botschaften an die Öffentlichkeit hat sie nicht nötig) und auch erst wieder vor Gericht erscheinen, wenn die Zeugin aussagt. Sie hat es eingesehen: auf Informationen aus erster Hand kommt es nicht an. Viel wichtiger als lästige Fakten ist der eingebaute Werte-Kompaß. Den hat man oder man hat ihn eben nicht. Und wenn man ihn hat, trägt man ihn in unveränderlicher Ausrichtung auf den eingestellten Pol in sich, egal, ob man sich im FrauenMedia Turm in Köln, auf Reisen im Ausland oder im Gerichtssaal zu Mannheim aufhält.
Authentisch-Sein in einer verwirrend komplexen Welt wird erleichtert, wenn man auf Überzeugungen beharrt, sich durch Realität nicht beirren läßt und einem konkreten Einzelfall lediglich diejenige begrenzte Aufmerksamkeit schenkt, die geeignet ist, die eigene Anschauung zu bestätigen. Wahrheit kann nun mal nicht jeder aushalten, auch wenn Ingeborg Bachmann meinte, daß sie zumutbar sei. Gilt dieser Satz auch dann, wenn ein sogenanntes Lebenswerk auf dem Spiel steht, für das man im Alter endlich Preis und Ehr’ erntet? Kann man sich davon lösen und genau hinsehen? Wohl nicht...

Eine gleichermaßen intensive Autopsie der weiteren Schwarzer-Artikel im Fall Kachelmann lohnt nicht. Sie sind alle von derselben Machart, und einzig interessant ist die Beobachtung ihrer zunehmenden Wirkungslosigkeit (vielleicht liegt sogar eine Kontraproduktivität vor?) im Hinblick auf die mit ihrer Anstellung womöglich erstrebte Auflagesteigerung von Bild: noch am 12.10.2010 stellt ihr der neue Arbeitgeber ein solides Arbeitszeugnis aus: »Chefredakteur Kai Diekmann sagt: “Alice Schwarzer hat die Erwartungen an die Berichterstattung bislang voll und ganz erfüllt“.«

Dieses Zeugnis, das in Wahrheit ein vergiftetes Lob ist, könnte ein schnelles Verfallsdatum haben. Denn kurz danach, ein erstes und letztes Mal im Jahr 2010, schaltet Bild zu einem Artikel von Alice Schwarzer die Kommentarfunktion ein: ausgerechnet zu dem mit »Die Spielchen der Verteidigung« betitelten Bericht vom 15.10.2010, 00:34 Uhr, der wegen unwahrer Tatsachenbehauptungen berichtigt bzw. teilweise gelöscht werden mußte. Ein Befangenheitsantrag der Verteidigung wegen einer vom Vorsitzenden abgelehnten Belehrung der Opferzeugin gemäß § 55 StPO hat Schwarzer in Wallung gebracht:

»Es wäre eine Kleinigkeit gewesen.
Der Vorsitzende Richter, Michael Seidling hätte es am Mittwoch mit links erledigen können. Nämlich, wie von Verteidiger Reinhard Birkenstock gefordert, die Zeugin zusätzlich „nach § 55“ vereidigen. [!] Dieser Paragraf der Strafprozessordnung weist Zeugen darauf hin, dass sie ein Aussageverweigerungsrecht haben, falls sie sich mit ihrer Aussage selbst belasten könnten.

Birkenstock will die Ex-Freundin damit als Lügnerin hinstellen. Er bezichtigt sie indirekt des Vortäuschens einer Straftat – weil sie behaupte, Kachelmann habe sie vergewaltigt und mit dem Tode bedroht.«

Vereidigung hin, Belehrung her, Aussageverweigerung kontra Auskunftsverweigerung, falsche Verdächtigung statt Vortäuschens einer Straftat – das sind ohnehin alles nur juristische Spitzfindigkeiten und Winkelzüge, die den Weg zum Schuldspruch unnötig verlängern. Entscheidend ist: man bezichtigt ein mutmaßliches Opfer nicht, weder direkt noch indirekt. Recht betrachtet ist jedes bloße Bestreiten einer Vergewaltigung schon eine indirekte Lügen-Bezichtigung, ja, man spürt förmlich, daß der Angeklagte bei Alice Schwarzer nur dann gewinnen könnte, legte er endlich ein Geständnis ab. Und die Verteidigung verdiente ihre Wertschätzung erst, wenn sie ihre Arbeit komplett einstellte, vulgo »Spielchen« unterließe und auch, was immer das sein soll, keine Spitzen mehr fliegen ließe (»Denn dem Kachelmann-Verteidiger fallen immer neue Formalien ein und die Spitzen gegen Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge fliegen jetzt in Geschwadern.«).

Möge sie sich vielmehr am Verhalten des Gerichts ein Beispiel nehmen:
»Dieses Gericht ist wohltuend sachorientiert und widersteht jeder Versuchung zu Spektakel oder Selbstdarstellung. Wie erleichternd wäre es, wenn das auch für die Verteidigung gälte. Es geht ja schließlich um eine ernste Sache.«

Das Gericht beweist am nächsten Prozeßtag die Richtigkeit von Schwarzers Einschätzung und holt wohltuend sachorientiert die Kleinigkeit der zunächst ohne Wenn und Aber abgelehnten Belehrung nach und beteuert, die Belehrung zu einem späteren Zeitpunkt im Verlauf der Vernehmung ohnehin beabsichtigt zu haben. Ein Einlenken, das dem Befangenheitsantrag den Wind aus dem Segeln nimmt... Aber das sind zu komplexe und zudem fachfremde Zusammenhänge, die einen feministischen Mehrwert nicht generieren. Und allein auf den kommt es an. Der Rest wird geschlabbert. Soll sich doch die Friedrichsen um den irrelevanten Bodensatz des juristischen Procederes kümmern.

Schon um elf Uhr vormittags am 15.10.2010 beendet Bild das Experiment einer freigeschalteten Kommentarfunktion zu einem Alice Schwarzer-Artikel; die dreiunddreißig bis zu diesem Zeitpunkt zugelassenen Kommentare werden wieder gelöscht, weil die Mißfallensäußerungen des wenig amüsierten Publikums nicht nur weit überwogen, sondern teilweise auch in der Form drastisch ausgefallen waren. Die mit Händen zu greifende Parteilichkeit der Kommentatorin hat Anstoß beim Stamm-Publikum erregt.

Quo vadis, Alice Schwarzer?

Nirgendwohin. Sie hat sich im ideologischen Gestrüpp verfangen und agiert schutzlos und angreifbar in einer Arena, die man bar jeder Sachkenntnis nicht betreten sollte. Schwarzer und Rechtsstaat sind unvereinbare Gegensätze. Es ist zu hoffen, daß am Ende nicht beide auf der Strecke bleiben.

31.12.2010
(Fortsetzung folgt)

....zurück zum Teil II
....zurück zum Teil I

 
Seitenanfang